> > > Bach, Johann Sebastian: Goldberg-Variationen (arr. für 2 Klaviere von Rheinberger und Reger)
Freitag, 15. Dezember 2017

Bach, Johann Sebastian - Goldberg-Variationen (arr. für 2 Klaviere von Rheinberger und Reger)

Schlachtross


Label/Verlag: organo phon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Aufnahme der Goldberg-Variationen in der Bearbeitung von Rheinberger/Reger gehört sicherlich nicht zu den besten dieser Fassung.

Bachs Goldberg-Variationen sind natürlich ein absolutes Schlachtpferd des Konzertlebens. Immer wieder beklagen unterschiedliche Musiker, dass die Komposition nicht für ihre Besetzung geschrieben wurde. So entstanden unzählige Bearbeitungen für die unterschiedlichsten Formationen, vom Streichtrio bis zum Saxophonquartett und zur Orgel. Die hier vorliegende Version für zwei Klaviere richtete Josef Gabriel Rheinberger 1883 ein, Regers Überarbeitung entstand 1915. All dies erfährt der interessierte Leser nicht im Booklet; auch nicht, dass bereits vier Einspielungen dieser Version auf dem Markt vorliegen, mit unterschiedlicher ‚Texttreue‘. Denn wie die Bearbeitung von Originalwerken immer auch eine Zeiterscheinung war, scheint es Interpreten von heute oft nicht möglich, die ‚historische Sicht‘ der Bearbeiter ernst zu nehmen – d.h. auf moderne Flügel zu verzichten und den Notentext vor allem mehr oder minder so darzubieten, wie er gedruckt vorliegt. Natürlich sollte das Ganze nicht museal-tot klingen, aber vielleicht museal-lebendig, da die Bearbeitung schließlich auch schon bereits mehr als hundert Jahre auf dem Buckel hat und somit selbst auch bereits eine Arbeit von historischem Wert ist. (Dass auch das Tracklisting deplorabel ist und der Booklettext hauptsächlich persönliche, stilistisch fragliche Einlassungen des Pianisten Peter von Wienhardt enthält, darüber hinaus die Bookletgestaltung gewollt ‚spacig‘ geraten ist, trägt sicher nur für einige Gemüter zum Genuss des Booklets bei.)

Für jede Variation gibt die Reger/Rheinberger-Ausgabe Metronomangaben, die durchaus Sinn machen – dennoch reicht das Spektrum der Dauer der bisher vorliegenden fünf Einspielungen von 66 bis (hier vorliegend) fast 79 Minuten. Auch geben Rheinberger/Reger genaue Angaben über die Artikulation, Phrasierung, Dynamisierung. Viele Angaben, die es zu beachten gilt – viel mehr, als dass man sich mit einer bloßen Beachtung des reinen Notentextes zufrieden geben dürfte. Und schon in den ersten vier Takten fehlt die von Reger so genau austarierte dynamische Abstufung und -schattierung (man vergleiche etwa die auch heute noch besonders empfehlenswerte Weltersteinspielung von Adelheid Lechler und Ulrich Eisenlohr von 1986(!), auf RBM). Verzierungen sehen Rheinberger/Reger nicht vor – wir wissen aber, dass es Reger immer um einen ‚seelisch bewegten‘ Vortrag gegangen ist, d.h. Verzierungen nie zum Selbstzweck bestimmt waren; jede Art ‚akademischen Bachspiels‘ war ihm ein Greuel, und die vielen Verzierungen, die auch Jihye Lee und Peter von Wienhardt hier anwenden, können ihm grenzwertig erschienen sein.

Von einem ‚seelisch bewegten‘ Vortrag ist in der vorliegenden Einspielung kaum zu sprechen. Da sitzen zwar die Töne – aber doch gerät manches zu formalistisch oder schlicht zu auftrumpfend laut (Reger war berühmt dafür, dass sein Fortissimo niemals grob klang). Die Verzierungen lenken nicht selten von dem Notentext selbst etwas ab (was in den Wiederholungen tolerabel ist, aber Regers ‚romantischer Art Bach zu spielen‘ nur bedingt entspricht). Die einzelnen Linien werden häufig nicht genügend voneinander differenziert, so dass es zum Klangbrei kommt, wie ein grobschlächtiges Nebeneinander mehrerer Stimmen, obschon die Aufnahmetechnik größtmögliche Klarheit garantiert. Die Virtuosität der Interpreten beeindruckt, doch reicht sie zu einer wirklichen Sicht auf die zu Grunde liegenden Bearbeiter-Intentionen nicht aus. Besonders schön geraten jene Variationen, in denen die Musiker innerlich auf äußerlichen Schnickschnack verzichten (etwa die Nummern 9 oder auch 23). Insgesamt bleibt dennoch der Eindruck einer eher artistisch-egoistischen Perspektive auf Rheinberger/Regers Ausgabe denn eine Umsetzung des vorhandenen Notentextes. Für diesen Rezensenten leider eine zu große Einschränkung für hohe Punktevergaben.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Bisherige Kommentare zu diesem Artikel

  1. Ansichtssache
    Nachweislich sind in dieser Rezension sachliche Fehler enthalten. Es trifft nicht zu, dass im Booklet das Jahr der Bearbeitung der Goldberg Variationen durch Rheinberger (1883) und die Überarbeitung von Reger (1915) nicht genannt wird. Auch ist es nicht nachvollziehbar, dass die Trackliste "deplorabel" sein soll, denn es werden exakt die Bezeichnungen wiedergegeben, die im Notentext der alten Ausgabe stehen. Insgesamt steht diese Rezension im krassen Widerspruch zu allen Rezensenten, die diese CD bisher ohne Einschränkungen durchweg positiv bewertet haben. Diese Kritiken und Statements können Interessenten auf der Homepage des Labels Organo Phon unter "Bewertungen" zur Kenntnis nehmen und sich darüber hinaus mit einem Höreindruck ihr eigenes Urteil bilden.

    Nutzer_XLTMGDN, 04.03.2017, 21:24 Uhr
    Registriert seit: 16.05.2014

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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Goldberg-Variationen (arr. für 2 Klaviere von Rheinberger und Reger)

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
organo phon
1
14.12.2016
EAN:

4034313901484


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Amazon: "Kundenrezensionen 5,0 von 5 Sternen "

Badische Zeitung: "Goldberg-Variationen Bach und die Romantik Von Johannes Adam, 10.02.2017 […] Jihye Lee und der Münsteraner Klavierprofessor Peter von Wienhardt interpretieren Bachs Goldberg-Variationen in der seltenen Rheinberger/Reger-Fassung für zwei Klaviere ganz ausgezeichnet: fein, höchst musikantisch und dabei mit der Präzision einer Schweizer Uhr.[…] In dieser wunderbaren Auslegung vereinigen sich Bachs Barock von 1741 und das Gefühl der Romantik.[…] Man findet Gewichtiges (etwa die Ouvertüre bei der 16. Veränderung), nirgends aber ertönt überflüssiges Gedonner.[…] "

Wiesbadener Kurier: "Goldberg-Variationen für Romantiker Darmstädter Echo, Wiesbadener Kurier, Mainzer Allgemeine Zeitung 22.12.2016 …Bei der Ausführung imponiert das präzise Zusammenspiel der beiden Partner, die mit klarem, dynamisch dosierten Anschlag zur Sache kommen….Manche technisch heiklen Variationen werden gerade mit stupender Virtuosität à la Liszt ausgeführt, die ruhigen Moll Variationen 21 und 25 sind mit empfindsamen Ausdruck gestaltet…. Neugierige Hörer mit Verständnis für die romantische Sicht auf Bach werden sich freuen über unverhoffte Entdeckungen, die hier zu machen sind. Prof. Dr. Klaus Trapp "


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organo phon

Organo phon - Classical Artists Records ist ein bei der Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten (GVL) gemeldetes Label, das sich mit Einspielungen von Orgelmusiken in den vergangenen Jahren einen hervorragenden Ruf erworben hat. In jüngster Zeit wird die Angebotspalette durch Klavier- und Orchesterproduktionen ergänzt.

Modernste mobile technische Voraussetzungen ermöglichen Aufnahmen an jedem Ort im In- und Ausland. Um höchsten Qualitätsansprüchen gerecht zu werden, bedarf es aber nicht nur einer optimalen Technik, sondern darüber hinaus der engen vertrauensvollen Zusammenarbeit aller am Aufnahmeprozess beteiligten Personen, um so in einer Atmosphäre gegenseitiger Akzeptanz und Hilfestellung die gewünschte Klangästhetik realisieren zu können. Namhafte Künstler, die mit organo phon zusammenarbeiten, wissen dies zu schätzen.


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