> > > Alban Berg: Wozzeck
Samstag, 27. Mai 2017

Alban Berg - Wozzeck

Überzeugender 'Wozzeck'


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Roman Trekel ist ein hervorragender Wozzeck. Das allein ist schon Grund genug, sich diesen Mitschnitt aus Houston zuzulegen.

Roman Trekel ist ein hervorragender Wozzeck. Das allein ist schon Grund genug, den ‚neuen‘ bei Naxos erschienenen 'Wozzeck' in die Riege wichtiger Einspielungen der ersten Berg-Oper aufzunehmen. 'Wozzeck' hat es auf Tonträgern ohnehin nicht leicht, denn wie auch im Falle von Alban Bergs 'Lulu' braucht die Musik die lebendige Szene und umgekehrt. Dieses Bedürfnis stillt der vorliegende Mitschnitt konzertanter Vorstellungen im März 2013 in Houston in hohem Maß, denn alle Solisten agieren mit einer ungeheuren Textverständlichkeit und einer regelrecht hörbaren Bühnenspannung, die wie Theater für die Ohren wirkt.

Roman Trekel gelingt in der Titelpartie das Kunststück, die Seelenmusik in Alban Bergs seriell konstruierter Partitur an die Oberfläche zu bringen. Genau so muss es sich der Komponist vorgestellt haben. Es klingt aus Trekels Mund wie die größte Selbstverständlichkeit – kein notgedrungenes Espressivo oder ein rettender Übergang zum Sprechgesang. Der Bariton entwickelt Ausdruck und Emotion aus der weitgesponnenen Kantilene, aus dem textlichen wie musikalischen Gehalt der Sprache. Da trumpft fraglos der erfahrene Liedsänger Trekel auf, der ein erschütterndes Figurenporträt der geschundenen und innerlich zerbrechenden Kreatur formt. Beim Hören vergisst man schnell – und das im besten Sinne –, dass hier gesungen wird. Dieser Wozzeck rührt an, erschreckt durch seine menschliche Wärme und weckt tiefes Verständnis.

Nicht weniger beeindruckend gestaltet Anne Schwanewilms die Marie. Zunächst irritiert die dunkle Grundierung ihres Soprans, bei 'Tschin Bum, Tschin Bum!' erkennt man sie kaum. Die warme, volle Mittellage ist aber genau das Fundament, aus dem heraus Schwanewilms all ihren Klangzauber bezieht. Die herrlich flutenden Höhenpiani sind fest in der Stimme verankert und machen gerade deshalb ungeheuren Effekt. Man mag die Marie schon existenzieller gehört haben, aber schönstimmiger und gewinnender eher selten. Da muss man schon bis Eileen Farrell in der alten Mitropoulos-Aufnahme zurückgehen oder sich einige Stellen mit Christa Ludwig in dieser Rolle ins Gedächtnis rufen. Die unverblümte Direktheit von 'Mädel was fangst du jetzt an?' ist schlicht entwaffnend und der zarte Tonansatz im Gebet hat etwas Magisches.

Am Pult der Houston Symphony steht der Österreicher Hans Graf. Die Musiker sind bestens präpariert und spielen Bergs Musik mit großer Souveränität und Eleganz. Im richtigen Moment gleicht der Orchesterklang einer wahren Eruption, während Graf bei den Vokalszenen auf Durchsichtigkeit und ein gewisses Maß an Zurückhaltung setzt. Hans Graf nimmt Bergs Anweisungen sehr genau und spürt dem menschlichen Drama nach. Lust- und äußerst geschmackvoll bedient er das gleißend Ordinäre der Wirtshausszene ebenso wie die düstere Fatalität des vorletzten Bildes. Verstörend eigenwillig oder extrem kantig kommt Grafs 'Wozzeck' nicht daher, eher spätromantisch mit einer klaren persönlichen Haltung. Im Rahmen dieser konzertanten Aufführung stützt Grafs Zugang klar das erzählende Element, das den puren Hörgenuss dieses 'Wozzeck' deutlich verstärkt und jede mögliche Hemmschwelle abbaut.

Nathan Berg ist ein stimmgewaltiger und sprachlich prägnanter Doktor mit Tendenzen zum Abgründigen, ohne künstlich nachdunkeln zu müssen. Als Tambourmajor präsentiert sich Gordon Gietz in Topform und auch Robert McPherson singt einen tadellosen, jugendlich frischen Andres. Ein wenig gewöhnungsbedürftig ist dagegen der Hauptmann von Marc Molomot, dem jede Schärfe dieser Figur abgeht und der mit verhangenem Tonfall eher vokale Lyrik andeutet, als treffgenau zu formulieren. Molomots artikuliert allerdings hervorragend und singt die Partie wirklich notengetreu aus – das muss man ihm zugute halten. Aber die Sehnsucht nach einem Gerhard Stolze, Heinz Zednik oder Wolfgang Ablinger-Sperrhacke ist beim Hören groß. Katherine Ciesinski als Margret, Calvin Griffin und Samuel Schultz als Handwerksburschen und Brenton Ryan als Narr komplettieren das homogene Ensemble.

Das ist ein 'Wozzeck', den man sich bei dem gewohnt niedrigen Preis unbedingt anschaffen sollte, um ihn zu genießen und dann selbstbewusst neben Abbados, Boulez' und Böhms Einspielungen und die legendäre Mitropoulos-Aufnahme zu stellen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Alban Berg: Wozzeck

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
2
13.01.2017
EAN:

730099039079


Cover vergössern

Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Naxos:

  • Zur Kritik... Guter Solist, prekärer Klang: Davide Cabassi am Klavier beeindruckt mehr als das recht kompakt aufgenommene Magdeburger Orchester. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Feurige Nachbarn aus dem Osten: Piotr Plawner verleiht den polnischen Violinwerken des 20. Jahrhunderts Farbigkeit und Tiefe. Er erweist sich als formidabler Interpret dieser Musik. Weiter...
    (Manuel Stangorra, )
  • Zur Kritik... Serientäter: In Sachen Saint-Saens ist der hierzulande vor allem noch als Bonner Orchesterchef bekannte Franzose Marc Soustrot bei Naxos der Mann für das Ganze: Nach Symphonien folgen nun die Klavierkonzerte, in denen auch Romain Descharmes als Solist neugierig macht. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
blättern

Alle Kritiken von Naxos...

Weitere CD-Besprechungen von Benjamin Künzel:

  • Zur Kritik... Ohrwurm-Revue: 'Der Kongress tanzt' ist ein gelungenes Dokument einer lebendigen Neuproduktion, die musikalisch durchaus gute Unterhaltung bietet. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Oper im Hier und Jetzt: Eine Referenzaufnahme der 'Griechischen Passion' mag hier trotz fehlender Konkurrenz vielleicht nicht vorliegen, aber diese Doppel-CD gehört definitiv in viele private CD-Regale als Zeugnis lebendigen Musiktheaters. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Vom Zauber des Besonderen: Diese Einspielung der 'Mélodies avec orchestre' von Camille Saint-Saens ist etwas Besonderes – in jeder Hinsicht. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Benjamin Künzel...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Verspielt: Anna Ibragimova, Violine, und Cedric Thibergien am modernen Konzertflügel beherrschen die Kunst einer persönlichen, ganz eigenen Klanggebung. Ihr Duo-Projekt der Violinsonaten Mozarts lässt aber darüber hinaus oft wesentliche Dramatik vermissen. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Nur halbwegs knackig: Thomas Albertus Irnberger, David Geringas und Michael Korstick haben Schuberts Klaviertrios aufgenommen. Das Resultat ist leider nur durchwachsen. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Dvořák mit Premiumsound: Wie reagiert man in den USA heute, inmitten von kritischen Debatten um kulturelle Aneignung und Rassismus, aus die Symphonie aus der Neuen Welt? Die Houston Symphony findet eine sehr individuelle Antwort. Weiter...
    (Dr. Kevin Clarke, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

SWR: Schwetzinger Festspiele (Live-Stream)

Anzeige

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (5/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Felix Draeseke: Quintett für 2 Violinen, Viola und 2 Violoncelli op. 77 - Finale. Langsam und düster - Rasch und feurig

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 4442 im Portrait Musik ohne Grenzen
Programme abseits der Konventionen beim Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich