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Sonntag, 16. Januar 2022

Leo Ornstein - Sämtliche Violinsonaten

Unzureichende Erforschung eines wenig bekannten Avantgardisten


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine CD mit Leo Ornsteins Werken für Violine und Klavier enttäuscht aufgrund mangelhafter intrepretatorischer Qualität.

Der Bekanntheitsgrad des amerikanischen Komponisten und Pianisten Leo Ornstein (1892–2002) hält sich in Grenzen, auch wenn er gelegentlich – und trotz des Umstands, dass sein Geburtsjahr in unterschiedlichen Quellen zwischen 1892 und 1895 schwankt – als ‚langlebigster Komponist der Musikgeschichte‘ (Wikipedia) tituliert wird. Solchen fragwürdigen (weil nichtssagenden) Ehren zum Trotz lohnt die Auseinandersetzung mit dem vorzugsweise dem Klavier anvertrauten Schaffen des ‚wenig erforschten Avantgardisten‘ (Mauro Piccinini) Ornstein, weil seine Arbeiten stärker als die manch anderer Komponisten von – zum Teil auch historisch bedingten – Erschütterungen, Umbrüchen und Neuorientierungen künden. Dies lässt sich sehr gut an den vier Kompositionen für Violine und Klavier nachvollziehen, die das Label Brillant Classics in einer Gesamteinspielung mit Francesco Parrino (Violine) und Maud Renier (Klavier) veröffentlicht hat. Zwar wird Ornsteins Musik meist weit unter ihren Möglichkeiten musiziert, doch mag die Veröffentlichung immerhin dazu beitragen, das Interesse an diesen Werken zu steigern.

Spätimpressionistische Harmonik

Der Reigen der Werke beginnt mit der 1914/15 komponierten Violinsonate Nr. 1 op. 26, die überraschenderweise nichts von jenem klanglichen exzessiven Umgang mit engen Clustern und Fortissimo-Rhythmen erkennen lässt, den Ornstein zur selben Zeit in seiner provozierenden Klaviermusik pflegt. Im Gegenteil: Die Komposition ist – dabei schon fast mustergültig den Satzcharakteren des tradierten viersätzigen Modells folgend – zur Gänze einer spätimpressionistischen Harmonik und Melodiebildung verpflichtet, wie sie sich beispielsweise im Spätwerk Gabriel Faurés oder in den Werken Maurice Ravels findet. Die heute greifbare Ausgabe der Sonate enthält ein Minimum an Vortragsanweisungen, was die Interpreten eigentlich zu ihrem Vorteil nutzen können, aber der vorliegenden Aufnahme zum Verhängnis wird, denn sowohl Parrino und Renier fehlt es an Ideen zur überzeugenden Gestaltung. Mehr noch: Der Geiger verweigert sich permanent einem Legatospiel und setzt die Phrasenbildung im Kopfsatz (wie dann später im 'Andante' vom Komponisten vorgegeben) häufig mittels abgesetzter Tenuto-Bogenstriche um, sodass die melodischen Zusammenhänge zum Auseinanderfallen tendieren.

Immer wieder stören zudem fragwürdige, bisweilen gar unmusikalische Lösungen den Verlauf, etwa das unmotivierte Absetzen nach Auftakten oder vor Lagen- und Saitenwechseln, was eher auf technische Schwächen denn auf musikalische Sinngebung hindeutet. Dass die Musik dadurch auf melodischer Ebene nicht die geringste Strahlkraft entwickelt, ist sehr bedauerlich (und erweist sich leider als Konstante der gesamten Einspielung). Auch Renier hat ihren Anteil an diesem Eindruck, denn seltsam mechanisch wirkt ihr Spiel vor allem dort, wo sie – wie beispielsweise im 'Andante' – ihre Akkordwiederholungen mit differenzierten Graden von Weichheit ausstatten könnte, dies aber unterlässt. Störend ist auch die etwas schleppende Tempowahl für das Finale sowie für den Kopfsatz, dessen 'Moderato'-Angabe in der Ausführung exakt dem 'Andante' des langsamen Satzes entspricht, wodurch viele musikalischen Kontraste eingeebnet werden.

Expressionistische Ausdruckskunst

Könnte man in diesem Falle noch argumentieren, dass die Musiker mit einem kaum ausgezeichneten Notentext zu tun haben und sich diesem über eine gedankliche Nähe zu Ornsteins zeitgleich entstandenen, gleichfalls spärlich mit Anweisungen versehenen Klavierstücken und ihren gleichsam mechanischen Duktus anzunähern versuchen, greift dieses Argument bei der Sonate Nr. 2 op. 31 nicht mehr: Zur selben Zeit wie das Schwesterwerk entstanden und 1915 fertiggestellt, ist sie von diesem so verschieden, dass man – wüsste man es nicht besser – sie für die Arbeit eines anderen Komponisten halten könnte. Gleichfalls in vier Sätzen komponiert, folgt das Stück der ausdrucksgesättigten Atonalität expressionistischer Musik, weshalb es durchweg von Anweisungen zu ständigen Tempo- und Ausdruckswechseln durchzogen ist.

Parrinos und Reniers Umsetzung ist – den Tiefpunkt der CD markierend – denkbar weit davon entfernt, diesen Vorgaben gerecht zu werden: Der Duktus der Wiedergabe lässt immer wieder die fließenden Übergänge zwischen den Tempoangaben vermissen, und nur selten hat man das Gefühl, dass sich die Musiker wirklich im komplexen Notentext des Werkes zurechtfinden. Auch hier kommt es nur selten zu einer überzeugenden Gestaltung melodischer Phrasen, wozu die manchmal klanglich ungeschickten und gegenüber der Legatoauszeichnung des Notentexts unsensiblen Fingersatzlösungen Parrinos erheblich beitragen. Darüber hinaus erweist sich die instrumentale Balance als großes Problem – vor allen die Frage, welche Stimme sich beim dialogischen Agieren beider Instrumente im Vorder- und welche sich im Hintergrund befinden sollte –, was durch Reniers unzureichende Differenzierung des polyphonen Klaviergewebes wesentlich verstärkt wird.

Russisch-jüdische Traditionen

Mit der kurzen 'Hebraic Fantasy' von 1929 nähert sich Ornstein – die eigene Herkunft reflektierend – jenem Ausdruck russisch-jüdischer Provenienz, wie er zur selben Zeit etwa das Schaffen von Zeitgenossen wie dem Komponisten Joseph Achron dominiert. Die Einbindung originaler Melodien geht mit dem lyrischen Charakter des Stückes einher und vermittelt zugleich Momente des Improvisatorischen, was in der Wiedergabe jedoch etwas steif und abgezirkelt wirkt. Dies gilt letzten Endes auch für die Umsetzung der einsätzigen Violinsonate Nr. 3, die – was die musikalischen Kennzeichen nahelegen – wahrscheinlich gleichfalls in den späten 1920er Jahren entstanden ist. Die überwiegende Vermeidung naheliegender agogischer Freiheiten wird hier immerhin durch eine gewisse Klangsinnlichkeit und Emphase aufgewogen, auch wenn die technisch anspruchsvollen Begleitfigurationen des Klaviers in ihrer Gesamtheit oftmals zu vordergründig erscheinen und es an filigranen Wirkungen fehlen lassen.

Ein deutlicher Mehrwert für die CD ergibt sich noch durch die 'Three Pieces' für Flöte und Klavier, bei denen der Flötist Stefano Parrino als Kammermusikpartner Reniers fungiert: Severo Ornstein, Sohn und Nachlassverwalter des Komponisten, hat die zu unterschiedlichen Zeiten entstandenen Kompositionen – ein 'Prelude' (1950er Jahre), ein 'Intermezzo' (1959) und 'A Poem' (1979) – zu einer suitenartigen Abfolge zusammengefügt, die aufgrund ihrer erneuten Hinwendung zu einer in weitestem Sinne spätimpressionistischen Harmonik einen erstaunlich einheitlichen musikalischen Charakter aufweist. Dabei löst der Flötist mit leicht inegalem, agogisch geschickt ausgestaltetem Spiel oder im improvisatorisch dahingeworfenen Duktus stark ornamentierter Linien zumindest einiges von dem ein, was dem Vortrag seines geigenden Bruders fehlt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Leo Ornstein: Sämtliche Violinsonaten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
1
17.02.2017
Medium:
EAN:

CD
5028421950792


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