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Donnerstag, 23. November 2017

Johannes Brahms - Die Violinsonaten

Aufgewühlt


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Mitschnitt eines Konzerts, bei dem sich Ingolf Turban der drei Violinsonaten von Johannes Brahms angenommen hat, zeigt mitunter die hohe Musikalität dieses Künstlers, ist aber nicht frei von Schwachstellen.

Warum noch eine CD-Produktion mit den Violinsonaten von Johannes Brahms? Gibt es da nicht schon genügend? Der Grund kann nur im Respekt vor und dem Verdienst der Lebensleistung des Interpreten Ingolf Turban liegen. Denn Ingolf Turban wirkt seit nunmehr 30 Jahren im öffentlichen Konzertleben mit sehr großem Erfolg. Das Konzert mit den drei Sonaten für Klavier und Violine G-Dur op. 78, A-Dur op. 100 und d-Moll op. 108 von Johannes Brahms aus diesem Anlass in der Münchner Musikhochschule (zugleich sein 10-jähriges Jubiläum als Violinprofessor dort) am 13. April 2016 hat Oehms Classics produziert und in seinen Katalog aufgenommen, wobei Oehms sich für das Booklet etwas mehr Mühe hätte geben können. Vielleicht ein paar Farbfotos vom Konzert, eine umfangreichere Künstlerbiografie, eine detaillierte Diskographie? Das wäre wünschenswert gewesen.

Die Brahms-Sonaten gehören zum Violin-Standardrepertoire im Unterricht, bei Wettbewerben und auch auf dem Podium. Kleine Unebenheiten im Spiel, wie sie in der vorliegenden Aufnahme öfters auftreten, verzeiht der Hörer da nicht so gern. Mangelnder Feinschliff in der technischen Ausführung und bisweilen störende Geräusche mag also dem Live-Charakter der Aufnahme geschuldet sein. Mit leichter Unruhe beginnt das 'Vivace ma non troppo' der ersten Sonate G-Dur. Atemgeräusche und ein wenig auch die allzu direkte Klangeinstellung (wenig Hall, harter Klang) gefallen hier nicht so. Hat man sich etwas eingehört, geht es besser, und die Aufnahme zeigt ihre Vorteile, etwa die große Geschlossenheit und eine solide Gesamtleistung der beiden Interpreten.

Natürlich ist Turban immer noch ein impulsiver Geiger, der auch über einen schmelzenden Violinton verfügt: Sein diskografisches Lebenswerk mit derzeit über 40 CD-Einspielungen, vor allem aus dem virtuosen Umfeld – Paganini! –, ist ein Schatz, der noch lange nachwirken wird, doch seine fulminanteste Zeit als Solist ist möglicherweise vorbei. Der Münchner ist ja mehr und mehr auch repräsentativ beschäftigt, sowohl als Juror bei internationalen Violinwettbewerben wie jüngst in Lichtenberg/Hof (International Violin Competition Henri Marteau) oder wirkt zusätzlich pädagogisch wie zum Beispiel bei seiner Verbindung zur Internationalen Richard Sahla Society in Bückeburg, die sich um den letzten Fürstlich-Schaumburg-Lippischen Hofkapellmeister verdient macht.

Turban ist nicht zuletzt am Spiel auf unterschiedlichen historischen Violinen interessiert. So sind die drei Sonaten von Brahms auf drei verschiedenen ‚Meistergeigen‘ eingespielt: die erste Sonate auf einer Nicolas Lupot (1808), die A-Dur Sonate auf einer Stradivari von 1721 und die d-Moll-Sonate auf einem zeitgenössischen Instrument von Martin Schleske aus dem Jahr 2009. In der Klangvielfalt der unterschiedlichen Violinen liegt natürlich ein weiterer besonderer Reiz dieser Aufnahme. So klingt die ‚Strad‘ in der A-Dur-Sonate op.100 deutlich herber als die Lupot und hat eine noblere Tiefe sowie strahlendere Höhen. Aber auch hier haben sich in der geigerischen Ausführung deutliche Schlenker und Unebenheiten, bisweilen auch Unsauberkeiten eingeschlichen, wie das schon in der G-Dur-Sonate zuvor vernehmbar war. Anne-Sophie Mutter erlaubt sich das beispielsweise in ihrer zweiten Einspielung (in der ersten ebenfalls kaum) nicht. Überhaupt ist Mutters Tendenz eher zurückhaltend in diesen ‚heiligen‘ Anfangstakten. Nebulös-zauberhaft erscheint da ihr Credo. Turban ist mehr Realist.

Gabriele Seidel-Hells Klaviervortrag ist leider auch nicht so kompakt, sondern etwas schwankend. Die Münchner Pianistin fasst auch nicht so forsch zu, sondern zieht die Bremse an. Da ist doch noch einmal der gute alte Alexis Weissenberg hervorzuholen, der mit der 19-jährigen (!) Anne-Sophie Mutter die Sonaten 1982 einspielte. Diese Frische im Vortrag ist bei solcher Musik zu wünschen. Mutter spielte damals den Satz in 7:30 Minuten, bei Ingolf Turban sind es 8:01 – entscheidende Sekunden mehr, um den Eindruck von frisch auf weniger lebendig umzufärben. Turban drückt etwas und ist auch nicht immer intonationsrein. Trotz allem gibt es schöne Momente der Musikalität auf dieser Platte, das ist unbestritten.

Noch eine weitere Aufnahme kann zum Vergleich herangezogen werden: 1960 nahmen Arthur Rubinstein (1887-1982) und Henryk Szering (1918-1988) die Sonaten für RCA auf. Wie klar ist da der Einstieg in den Kopfsatz der Sonate op. 100. Das hat fast klassisches Ebenmaß und ist unerreicht. Die beiden brauchen sogar 8:16 Minuten für den Satz. Aber sie holen das maximale an inhaltlichem Gehalt heraus, was Turban und Seidel-Hell leider nur bedingt gelingt. Doch der langsame Satz 'Andante tranquillo' ist überaus gesanglich gehalten bei Turban, wunderbar.

Geschmeidig, licht und klar ist Szeryngs Ton in der Sonate Nr. 3 op. 108. Die 57 Jahre haben der Aufnahme wohl nichts genommen. Insbesondere die musikalische Partnerschaft der Altmeister ist überragend. Bei Turban ist die Aufnahme halliger. Er stürmt impulsiver voran und gibt dem Klang – nicht unbedingt im von Brahms empfohlenen Piano – wirkungsvolle Richtung. Sein interpretatorischer Ansatz ist jedoch draufgängerischer gewählt als bei Szeryng/Rubinstein. Letztere können die Struktur des Satzes besser herausarbeiten. Die Ruhe der Alten im langsamen Satz 'Adagio' können Turban/Seidel-Hell nicht gleichermaßen aufbauen, Turban gestaltet aber mit sensibler Hingabe und sehr brillantem Ton. Hier erreicht er ein Maximum an Farbe und intellektueller Durchdringung, Wohlklang und Fluss. Das gelingt leider den wenigsten heute noch so ausgereift. Sein Spiel ist in dieser Hinsicht sehr modern, sein Ton sehr stark, was auch im dritten Satz 'Un poco presto e con sentimento' auffällt. Allerdings führt das im Finale 'Presto agitato' mehrfach zu derben Kratzgeräuschen, obwohl es eigentlich nur Forte sein soll. Die Aufnahme ist von Aufgewühltheit und großer Emotion getragen, wenngleich einige hörbare Lagenwechsel Geschmackssache bleiben. Die macht Anne-Sophie Mutter in ihrer zweiten Einspielung bewusst auch, sie nimmt aber im 'Presto' gleich ein schnelleres Tempo als Turban und gibt dem Satz so ein Plus an Verwegenheit oder Unerbittlichkeit. Die schnörkelloseste Aufnahme ist wiederum die Anne-Sophie Mutters mit Alexis Weissenberg, der hier als Pianist einen fabelhaften Job macht, weil er so zielgerichtet und ohne Patina spielt.

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass es in dem mitgeschnittenen Konzert am 13. April 2016 eine Zugabe gab, die mit auf der Platte verewigt ist: Ingolf Turban und Gabriele Seidel-Hell spielen da noch den zweiten Satz 'Allegretto' aus Schumanns Violinsonate a-Moll op. 105. Hier trifft der Interpret sehr gut den ländlich-lyrischen Charakter des Satzes. Viel Live-Applaus am Ende, der es auch auf die CD geschafft hat.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Johannes Brahms: Die Violinsonaten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
1
27.01.2017
EAN:

4260330918673


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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