> > > Les Espaces Electroacoustiques: Werke von Varèse, Ligeti, Maderna u. a.
Freitag, 28. April 2017

Les Espaces Electroacoustiques - Werke von Varèse, Ligeti, Maderna u. a.

Phänomenale Klangwirkungen


Label/Verlag: col legno
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine neue Produktion des Labels col legno befasst sich mit einer Auswahl von elektroakustischen Kompositionen aus den Jahren 1957 bis 1986 und kleidet sie - den Voraussetzungen der heutigen Technologie entsprechend - klanglich neu ein.

Mit dem Titel ‚Les Espaces Électroacoustiques‘ (die elektroakustischen Räume) und dem Hinweis ‚masterpieces of elctroacoustic music‘ benennt der Titel dieser Produktion aus dem Hause col legno – in Anlehnung an einen Werktitel von Gérard Grisey ('Les Espaces Acoustiques') – ziemlich präzise den Fokus der beiden SACDs. Doch geht es nicht einfach darum, ein Best-of oder einen Kanon der womöglich wichtigsten elektroakustischen Kompositionen zu versammeln; im Mittelpunkt steht vielmehr die sorgfältige klangliche Restauration von Originalaufnahmen der elektronischen Musik aus den ersten Jahrzehnten ihrer Geschichte und deren Präsentation in zeitgemäßer 5.1-Surroundmischung. Dass damit Fragen der historisch informierten Aufführungspraxis ganz neu gestellt werden, deutet das kurze Vorwort des Booklets an und wird anschließend im ausführlichen Booklettext von Germán Toro Pérez ausführlicher diskutiert: Denn eine gleichsam ‚historische‘ Wiedergabe ist bei dieser Art von Musik – insbesondere dann, wenn sie aus den 1950er Jahren stammt – im Grunde gar nicht mehr möglich, da die originalen Datenträger mittlerweile durch eine digitale Übertragung in ein neues Medium ersetzt wurden.

Elektronische Kompositionen

Was früher durch Tonbandmaschinen abgespielt wurde, ist heute durch den Computer ersetzt, und folglich lassen sich die Kompositionen auch an die neuen Möglichkeiten anpassen. Genau dies ist hier unter der Schirmherrschaft des Institute for Computer Music and Sound Technology (ICST) der Zürcher Hochschule der Künste unter Leitung von Germán Toro Pérez sowie unter Mitwirkung einiger Experten für elektroakustische Musik geschehen. Die zugrundeliegende Idee, alle Werke im 5.1-Surround-Klang (für einen SACD-Player) und im Stereo-Sound (für normalen CD-Player) zur Verfügung zu stellen, zahlt sich naturgemäß zunächst einmal dort aus, wo man die Werke bislang nur in Stereo-Abmischung hören konnte. Dies betrifft vor allem Arbeiten aus der Frühzeit der elektronischen Musik: So lässt die von Kees Tazelaar aufbereitete Abmischung des 'Poème électronique' (1958) von Edgard Varèse, ursprünglich als dreikanalige Raumkomposition für den Philips-Pavillon der Brüsseler Weltausstellung konzipiert, bereits in Stereo eine Fülle feiner Details wahrnehmen, die man in anderen auf CD zugänglichen Versionen nicht so deutlich hören kann. Anhand der 5.1-Version lässt sich aber auch zu Hause hörend nachvollziehen, was die historische Bedeutung dieses Stückes ausmacht: Varèses Idee, den Klang im Raum zu bewegen – seinerzeit mit einem enormen technischen Aufwand und insgesamt 425 Lautsprechern realisiert – ist gewissermaßen fürs heimische Wohnzimmer aufbereitet.

Ähnliche Hörerlebnisse bescheren auch andere ursprünglich mit Tonband realisierte Werke: Unter ihnen dürften György Ligetis Mono-Etüde 'Glissando' (1957) und ihr vierkanaliges Gegenstück 'Artikulation' (1958) die bekanntesten sein. Weitaus seltener hört man hingegen Luciano Berios 'Visage' (1961), eine Studie über die Ausdrucksmöglichkeiten der menschlichen Stimme und deren Verschmelzung mit elektronischen Klängen, die der Komponist aus experimentellen Stimmklängen (etwa Heulen, Lachen Weinen, Stammeln und mehr) seiner damaligen Ehefrau Cathy Berberian gewonnen hat, und die hier von Alvise Vidolin in Surround- und Stereomix aufpoliert wurde. Und auch Helmut Lachenmanns vierkanaliges Stück 'Szenario' (1965), das im Klangbild wunderbar plastisch erscheint, ist weit weniger prominent als die instrumentalen oder vokalen Werke des Komponisten. Aus neuerer Zeit, fast schon die Zeitgrenze der versammelten Kompostionen berührend, stammt Jonathan Harveys 'Mortuos Plango, Vivos Voco' (1980), ein achtkanaliges Stück aus computermanipulierten konkreten (nicht elektronisch erzeugten) Klängen, darunter etwa Glocken und Knabenstimmen, die zu einem ineinanderfließenden, ständige Metamorphosen erfahrenden Klanggebilde geformt werden.

Instrumente und Elektronik

Phänomenal klar ist die Produktion aber auch dort, wo die elektronische Ebene mit Instrumenten konfrontiert wird. Ein richtiges Hörerlebnis bietet Bruno Maderas 'Musica su due dimensioni' für Flöte und Stereozuspielung (1958), eine von zwei gleichnamigen Versuchen des Komponisten, Flöte und Tonband aufeinandertreffen zu lassen, um so die gegenseitigen Abhängigkeiten und Differenzen hörbar zu machen. Unter Beteiligung von Rafał Zolkos (Flöte) wird hier unmissverständlich deutlich, wie stark der Komponist stellenweise auf eine klangliche Vermischung von live gespielter und elektronischer Ebene abzielt. Dies gilt auch, von einem fein agierenden Ensemble unter Georg Köhler realisiert, für Berios größer besetzte und selten zu hörende Komposition 'Différences' für fünf Instrumente und Stereozuspielung (1958–59), die bereits durch ihren Titel auf das musikalische Herausarbeiten von Unterschieden verweist, das über verschiedene Stadien hinweg klanglich durchdacht wird. Zwei weitere wichtige Werke aus jüngerer Zeit runden das Programm der Veröffentlichung ab: Da ist einerseits die Komposition 'Dialogue de l’ombre double' für Klarinette und zugespielte Klarinette (1985) von Pierre Boulez, deren Wiedergabe durch den Klarinettisten Felix Behringer durch eine wunderbar räumlich erfahrbare Klangrealisierung ergänzt wird. Und da ist schließlich Brian Ferneyhoughs Stück 'Mnemosyne' für Bassflöte und Zuspielungen (1986), das aufgrund seines diffizilen Miteinanders von Live-Interpret (Zolkos) und acht vorweg aufgenommenen Flötenparts eine ganz eigene Faszinationskraft entfaltet.

Das Resümee dieser Produktion fällt eindeutig aus: Hier sind einige für die Geschichte des elektroakustischen Komponierens ungemein wichtige Kompositionen versammelt und zum Teil auch erstmals ihren klanglichen Möglichkeiten gemäß auf Tonträger verfügbar gemacht worden. Auch wenn es sicherlich über die Auswahl des einen oder anderen Werkes unterschiedliche Meinungen gibt – ich selbst hätte mir beispielsweise gewünscht, endlich einmal vierkanalige Versionen von Karlheinz Stockhausens 'Gesang der Jünglinge' (1955–56) oder Luigi Nonos 'La fabbrica illuminata' für Sopran und Zuspielung (1964) zu hören –, zeigt das Ergebnis, dass sich die Verantwortlichen alle erdenkliche Mühe gemacht haben, ein breites möglichst Spektrum an unterschiedlichen Zugängen abzudecken und den modifizierten Umgang mit all diesen Werken ausführlich zu dokumentieren. Allein schon aus Gründen des Raumklanges ist diese Produktion für Hörer, die ein Interesse an der Geschichte neuerer, insbesondere elektroakustischer Musik haben, ein Muss.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Les Espaces Electroacoustiques: Werke von Varèse, Ligeti, Maderna u. a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
col legno
1
11.11.2016
EAN:

9120031341468


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col legno

col legno bedeutet "mit dem Holz". Jeder Streicher weiß, was zu tun ist, wenn er diese Spielanweisung in seinen Noten liest: Er nimmt den Bogen, dreht ihn um und schlägt mit dem Holz auf die Saiten. Einst unerhört! Heute noch überraschend. Mit dieser spielerischen Offenheit dem Instrument gegenüber wurde die Klangvielfalt erweitert. Dieselbe Offenheit widmet col legno der Musik.

col legno veröffentlicht Neue Musik - umfassend und zeitgemäß. Das Label steht für die Vielseitigkeit der Gegenwart und aufregende Interpretationen von Musik der Vergangenheit. Unsere Hörer haben viel mit uns gemein: Sie heißen Neues willkommen, wechseln Perspektiven, genießen eine Prise Humor und lieben das Kribbeln beim Genuss kreativer Inspiration.

Die künstlerische Leitung des Labels wurde 2005 von Andreas Schett und Gustav Kuhn übernommen. Unter ihrer Führung hat sich der Katalog kontinuierlich und in klaren Zügen erweitert.

col legno nutzt die jeweils für die Produktionen optimalen Tonträger und Formate - von der CD über Multichannel Medien bis hin zu gänzlich neuen Entwicklungen. Dabei bieten wir unseren Hörern immer "state-of-the-art" Technik und beste Audioqualität.

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