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Sonntag, 18. August 2019

Schubert, Franz - amarcord

Ideale Konstellation


Label/Verlag: Raumklang
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wunderbarer Schubert: Noch im harmlosesten kleinen Stückchen sind so viel Witz und stupendes Können zu erleben, dass es sich unbedingt lohnt, das zu hören.

Franz Schuberts Gesänge für mehrere Männerstimmen sind ein geradezu ideales Spielfeld für das Leipziger Vokalensemble amarcord – im Grunde ist man ein wenig verwundert, dass bislang noch kein Schubert-Album zu verzeichnen war. Zu bewältigen ist durchaus heikles Terrain, in solistischer Besetzung, garniert mit anspruchsvollen Soli, im steten Wechsel von klavierbegleiteter und rein vokaler Anlage, in eleganter kammermusikalischer Geste. Und es geht, entgegen manchem Vorurteil, durchaus nicht betulich zu: Ein großer Bogen ist gespannt, vom schlichten, gleichwohl höchst wirksamen vierstimmigen Satz, hin zu einer erweiterten Anlage, mit fantasievoll durchgearbeitetem Stimmengeflecht voller harmonischer Raffinesse. In manchen Stücken, zum Beispiel im 'Gesang der Geister über den Wassern' D 538 oder 'Im Gegenwärtigen Vergangenes' D 710, erschließt sich der ganze Reichtum des Schubert-Lieds reifer Prägung. Thematisch rankt sich das Geschehen wenig überraschend um Liebe und Sehnsucht, Nacht und Mondschein, Geister und Gondeln, wird ein Trinkspruch oder die schöne Schäferin besungen. Die harmonisch in das Geschehen eingebetteten Soli liegen teils bemerkenswert hoch, vor allem der erste Tenor hat Erhebliches zu leisten, auch der Bariton ist eher mit hoher Helligkeit gefordert denn mit samtigen Mitten.

Echte Könner

Die anfängliche Annahme bewahrheitet sich: Es ist wirklich ideales Repertoire für die fünf Herren von amarcord. Im Einzelnen sind es Wolfram Lattke und Robert Pohlers im Tenor, Frank Ozimek singt Bariton, Daniel Knauft und Holger Krause liefern das Bassfundament. Gemeinsam spielen sie ihre enormes Potenzial souverän aus, die charakteristische Stimmkonstellation zu einem harmonischen Ganzen geformt, klangvoll und ungemein kultiviert, lyrisch hervorragend und mit klug dosierter Kraft. Neben der im Ensemble wie in den heiklen Soli makellosen Intonation kann eine weitere Qualität der Formation geradezu exemplarisch genannt werden: Die hochpräzise, dabei vollkommen natürliche Diktion, die Schuberts Sprachsensibilität deutlich Raum gibt und die Gespinste aus musikalischer Invention und literarischer Inspiration gekonnt ausdeutet. Wolfram Lattke singt seine Tenor-Soli mit entwaffnender Selbstverständlichkeit, ist mit seiner hohen Stimmcharakteristik glänzend geeignet und klingt auch da noch leicht, wo manch anderer nur mit Mühe überhaupt noch Präsenz zeigen könnte. Manchem mag seine Stimmfarbe im manchem Vokal zu hell sein, dem Rezensenten schienen diese Partien nah im Ideal bewältigt, durchaus ohne übergroße Geste, gedanklich eingefügt in die Gattung des Ensemblesatzes.

Die Soli für Bariton werden ertragreich in mehrere Kehlen gelegt, was einmal mehr zeigt: Amarcord ist eins der wenigen festen Vokalensembles, dessen Mitglieder auch solistisch zu überzeugen wissen, die das Ausbrechen aus dem mehr oder weniger geschlossenen Satz nicht mit einer zwangsläufigen Einbuße an Qualität quittieren müssen. Gemeinsam mit dem vorzüglich interagierenden, geschmackvoll grundierenden Eric Schneider am Flügel wird in außerordentlich variablen Tempi musiziert, den Texten nachgespürt, mit üppigem Ertrag und ohne äußere Force. Dazu trägt auch die textmotivierte Phrasierung ihren Teil bei – ein bemerkenswert tragfähiger Zugang, der gleichwohl die vertikale Komponente raffinierter Harmonien nicht vernachlässigt. Das Klangbild wirkt gesammelt, mit sehr gelungener Präsenz aller vokalen Stimmen wie des mit seiner eleganten Klanghaltung rundum stimmigen Klaviers überzeugend. Ein doppelter Genuss ist der ausführliche Booklettext von Holger Schneider: Der Autor schöpft aus beeindruckend umfassendem Wissen und ist gleichzeitig höchst unterhaltsam – ein Spagat, der nicht vielen so souverän gelingt wie ihm.

Die spätere Geringschätzung der Gesänge Schuberts für mehrere Männerstimmen ist ein großer Irrtum, den zu korrigieren die Vokalisten von amarcord gemeinsam mit Eric Schneider auf der vorliegenden Platte einen eindrucksvollen Beitrag leisten – sollte das denn noch immer nötig sein. Zu hören sind höchst differenzierte Sätze mit allen Qualitäten, für die Schubert in anderen Gattungen, etwa seinem Liederschaffen vollkommen zu recht gepriesen wird. Noch im harmlosesten kleinen Stückchen sind so viel Witz und stupendes Können zu erleben, dass es sich unbedingt lohnt, das zu hören. Zumal dann, wenn es so gesungen wird wie hier.



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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schubert, Franz: amarcord

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Raumklang
1
11.11.2016
Medium:
EAN:

CD
4039731101164


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Raumklang

Das Label RAUMKLANG wurde 1993 von Sebastian Pank in Leipzig gegründet. Nach wie vor steht der Name Raumklang für ein authentisches Klangerlebnis. Die Aufnahmen entstehen überwiegend mit nur einem Stereo-Kugelflächen-Mikrophon (One-Point-Recording).
Den Schwerpunkt aller RAUMKLANG-Veröffentlichungen bildet die Alte Musik. In jüngster Zeit ergänzt neben experimenteller/zeitgenössischer Musik eine Reihe mit Weltmusik das RAUMKLANG-Programm. Für seine aufwendig produzierten und anspruchsvoll gestalteten CDs mit ausführlichem Begleitheft erhielt RAUMKLANG bereits zahlreiche begehrte Auszeichnungen, darunter "Grand Prix de l'Académie Charles Cros" und den "Diapason 5".
Seit 1998 liegt der Hauptsitz des Labels auf Schloss Goseck in Sachsen Anhalt, auf dem sich in den letzten Jahren das "Europäsiche Musik- und Kulturzentrum" sowie ein Zentrum für Archäologie (7000 Jahre altes Sonnenobservatorium) etabliert haben. Nicht zuletzt aus dieser Verknüpfung ergeben sich zahlreiche Kontakte zu renommierten Künstlern der Alten Musik im In- und Ausland.
Seit 2003 veröffentlicht RAUMKLANG verschiedene Editionen. Jede Edition wird von einem anderen Produzenten herausgegeben und erweitert damit die Vielfalt des Labelrepertoires. So erscheint neben edition raumklang von Sebastian Pank (Schloss Goseck) die marc aurel edition in Köln, gegründet von Aurelius Donath. Aus der Zusammenarbeit mit der berühmten Schola Cantorum Basiliensis (SCB) in Basel hat sich die schola cantorum basiliensis edition ergeben. In dieser Reihe stellt der Produzent Thomas Drescher (stellv. Direktor der SCB) viel versprechende Absolventen aus Basel vor. 2005 entstand aus den engen Kontakten zur Musikstadt Leipzig eine weitere neue Edition: Unter dem Namen edition apollon veröffentlicht nun das international bekannte Vokalesemble "amarcord" seine CDs.


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