> > > Brahms, Johannes: Werke für Orchester, Klarinette und Bariton
Samstag, 24. Februar 2018

Brahms, Johannes - Werke für Orchester, Klarinette und Bariton

Brahms-Dialoge


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Label Ondine legt mit diesem neuen Album zwei Brahms-Bearbeitungen sowie eine Originalkomposition der jüngeren Vergangenheit vor. Besonders überzeugend gelingen dabei die solistischen Leistungen von Michael Nagy und Kari Kriikku.

Aimez-vous Brahms? Ja, möchte man aus der Perspektive der klassischen Moderne bis in unsere heutige Zeit antworten, wenn man bedenkt, wie oft Werke des in Hamburg geborenen Komponisten späteren Tonsetzern entweder als Vorlage dienten oder direkt von ihnen bearbeitet worden sind. Bereits 1912 hat Max Reger beispielsweise die 'Vier ernsten Gesänge' op. 121 für Soloklavier bearbeitet, und der kongeniale Instrumentator Arnold Schönberg setzte im amerikanischen Exil das Klavierquartett op. 25 für großes Orchester und schuf damit das Werk, das bis heute zuweilen als ‚Fünfe Sinfonie‘ Brahms‘ apostrophiert wird. Wenn auch die Beweggründe verschiedene waren – einmal die Umsetzung für den hausmusikalischen Gebrauch, beim anderen Mal das Unbehagen an ungenügenden Aufführungen des Klavierquartetts –, so ist die Botschaft doch klar: Brahms bleibt für die Moderne eine interessante, ja vitale Inspirationsquelle.

Das vorliegende Album mit dem Helsinki Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Olari Elts bringt drei Kompositionen der – wenn man großzügig ist – jüngeren Vergangenheit, die zwischen 1986 und 2013 entstanden sind. Dabei handelt es sich um Luciano Berios im Auftrag der Los Angeles Philharmonic Association orchestrierte erste Klarinettensonate op. 120 Nr. 1 aus dem Jahr 1894, um Detlev Glanerts 'Vier Präludien und Ernste Gesänge', die nach den 'Vier ernsten Gesängen' aus dem Jahr 1896 gearbeitet sind und dessen Originalkomposition 'Weites Land' im Untertitel die Bezeichnung ‚Musik mit Brahms für Orchester‘ führt.

Gerade letzteres Stück, das im Jahr 2013 für das Oldenburger Staatsorchester geschaffen worden ist, wirkt unter den auf dieser Einspielung vorgelegten Werken schon von der Werkanlage her als das unmotivierteste. Glanert, der sich vor allem als Musikdramatiker einen Namen gemacht hat, nahm sich als Ausgangspunkt für diese Komposition die vier ersten Takte der Vierten Sinfonie von Brahms als Materialbasis und schuf eine statische, fast schon als zäh zu bezeichnende ‚Musik mit Brahms‘. Sie kann aber offensichtlich weder die Musikerinnen und Musiker des Orchesters aus Helsinki inspirieren noch scheint klar zu werden, warum das Stück den beliebig wirkenden Titel 'Weites Land' trägt.

Anders verhält sich da der Fall bei 'Vier Präludien und Ernste Gesänge', die Glanert 2004 bzw. 2005 geschaffen hat. Hier entfaltet der 1960 geborene Kompositionsschüler von Hans Werner Henze auf Grundlage des Brahmsschen Opus 121 eine klingende Auseinandersetzung mit den auf biblischen Texten basierenden Gesängen für tiefe Stimme und Klavier, die mehr Kommentar als nur Instrumentation darstellt. Die Präludien sowie auch das abschließende Postludium setzten sich auf anregende Weise mit dem Klangmaterial der 'Gesänge' auseinander und schaffen eine soghafte Wirkung, die den aufrüttelnden Eindruck der dunklen Gesangstexte um Tod und Menschenleiden noch verstärkt. Als besonders gelungen ist dabei vor allem das dritte Präludium zu bezeichnen, das das Material mit Walzeranklängen sogar zum veritablen Totentanz steigert. Mit viel Ausdruck gestaltet Dirigent Olari Elts dieses Werk und erweist sich mit dem Orchester gemeinsam als umsichtiger Begleiter des Baritons Michael Nagy. Dieser singt mit weicher, aber dennoch ausstrahlungsfähiger Stimme, die gut im Gesamtklang mit dem Apparat harmonisiert und trotz Nagys Opernherkunft zum Charakter der Lieder gut passt.

Auch im Fall der Brahms-Bearbeitung von Luciano Berio ist ein Lob an den Solisten auszusprechen. Der Finne Kari Kriikku überzeugt nicht nur mit ausdruckstarkem Spiel, sondern auch mit einem samtig weichen Klarinettenton und sublimer Technik. Manchmal erweckt allerdings das Helsinki Philharmonic Orchestra in seiner offenkundigen Spielfreude den Eindruck, als müsste der Solist gegen das Orchester ankämpfen. Elts Tempi erweisen sich als flüssig und dem Charakter der Sätze angemessen.

Das Produktionsteam hat mit dieser Einspielung eine handwerklich gut gemachte Aufnahme vorgelegt, an der man sich mit den schon genannten Abstrichen erfreuen kann. Das Booklet liefert in englischer wie auch finnischer Sprache Informatives zu den Werken und den ausführenden Künstlern und liefert auch die Gesangstexte in deutscher und englischer Sprache mit.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Brahms, Johannes: Werke für Orchester, Klarinette und Bariton

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
1
13.01.2017
EAN:

761195126325


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Brahms, Johannes


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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