> > > Vivaldi, Antonio: Die Vier Jahreszeiten
Freitag, 19. Juli 2019

Vivaldi, Antonio - Die Vier Jahreszeiten

Alle, die von Freiheit träumen


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Sollen's Feiern nicht versäumen: Concerto Köln zeigt, das eine jede Aufführung von Vivaldis Quattro Stagioni durch ein gewisses Maß an spielerischen Freiheiten nur an Profil gewinnt. Das Ergebnis muss aber nicht jedem gefallen.

Es gibt kaum ein Stück, das durch so unzählige freie Zugangsweisen bereichert und entstellt worden ist, wie diese populären Jahreszeiten-Bilder für Solo-Violine und Streicher: Jenseits der ‚historisch informierten‘ Aufführungspraxis sei nur an Populärstes erinnert wie Nigel Kennedy, Vanessa Mae und David Garrett, aber auch an Folkiges – der Geiger Gilles Apap mit ‚Zigeunerband‘: Akkordeon, Cymbalum und Kontrabass – und Jazziges (Raymond Fol Big Band). Udo Zilkens hat 1996 zur Aufführungs- und Bearbeitungsgeschichte ein 2002 zuletzt neu aufgelegtes Bändchen veröffentlicht (Verlag Tonger), und es wäre einiges nachzutragen. Gerade auch in der Tradition der historisierenden Ensembles gibt es für Freiheiten im Solo-, aber auch Orchesterpart nebst farbig besetzbarer Continuo-Gruppe hinreichend Anschauungsmaterial hinsichtlich Tönung, Colorierung und vor allem auch Diminutionen (Umspielungstechniken) in den langsamen Sätzen.

Das Schlagwort ‚Freiheit‘ stellt somit einen gar nicht mehr so originellen Werbeaufhänger dar, trotz der umfassenden, lang, spannend und schön gebauten Einführung von Kai Müller in entsprechende Aufführungs- und Werk-Ästhetiken im Booklet dieser Neuaufnahme (übrigens deshalb unabdingbar ein Live-Mitschnitt). Concerto Köln, das ganz entgegen der großartigen diskographischen Entdeckungsmanie seiner beiden ersten Jahrzehnte (unter dem ‚Konzertmeister‘ Werner Ehrhardt) seit 2005 beim Label Berlin Classics nun im Abstand mehrerer Jahre fast nur noch die ganz großen Reißer – Händels 'Wassermusik', Bachs Brandenburgische Konzerte – produziert, benötigt zum Verkauf natürlich solch werbewirksamen Parolen.

‚In jedem Moment etwas Neues‘?

Um noch das Zitat aus Marius Müller-Westernhagens Hymne an die Freiheit zu zitieren: ‚Alle, die von Freiheit träumen, ... sollen tanzen auch auf Gräbern‘. In gewisser Weise sind sogar die ‚sachlichen‘, notentexttreuen Aufnahmen seit dem Zweiten Weltkrieg – bis hin zu den durchaus ausdrucksbewusst mit ihrem jeweiligen Klang experimentierenden symphonischen Fantasien Giulinis, Bernsteins oder Karajans und der Kammerorchester-Moden von I Musici bis Gidon Kremer und Tianwa Yang ('Acht Jahreszeiten' mit Piazzolla-Ergänzungen) – keineswegs begraben, und manches Originalinstrumente-Ensemble spielt auch heute noch Vivaldi wie The Walking Dead. Das kann man den vierzehn Köln-Ehrenfeldern wahrlich nicht vorwerfen (höchstens noch im arg totsequenzierenden Eingangs-'Allegro' des Streicher-Concerto g-Moll RV 156, dessen Wert als Programmeröffnung vor dem 'Frühling' mir immer noch nicht einleuchtet). Alles ist zunächst im grünen Bereich wie das barocktapetenhafte Papp-Cover. Vor allem beeindruckt die von ‚Klangpartner‘ MBL mit dem Tonmeister Jürgen Reis gewährleistete erstklassige Aufzeichnung und Wiedergabe ‚ohne Schnitte‘ (da es zwei Aufnahmedaten – im Juni 2016 live in Kempen am Niederrhein – gibt, ist wohl eher die Einheit der Takes auf Satz- oder Werkebene gemeint, nicht das ganze 52-minütige Programm auf einmal). Das Volumen der acht Geigen, zwei Bratschen und vier Continuisten – trotz oder gerade wegen der hautnahen Aufnahme nur eines Cellos und eines Kontrabasses (Alexander Scherf und Jean-Michel Forest) – ist vor allem in den stürmischen 'Sommer'-Abschnitten und beim 'Winter'-Einbruch beeindruckend, in denen der Tutti-Klang klanglich vollendet ans Brutale reichend auch vollends überwältigt. Das fegt beim Hören Zweifel weg und begeistert zu Recht.

Körperlich erfahrbare Extremwerte in Sommer und Winter

Was vielleicht weniger gefällt, sind eben jene langsamen Sätze, die spätestens seit Nigel Kennedy zu durchaus auch mal ausufernd improvisierten Auffüllungen des Solo-Parts einladen. Schon der im programmatischen Sonnett Vivaldis imaginierte Frühlingsschlummer des Hirten zwischen Blumen und im Rauschen von Blättern gerät nicht nur für ein 'Largo' sehr rasch, sondern angesichts der im Korsett der rhythmisch ziemlich sauber gebellten Jamben des Basso-Hirtenhundes fast hektischen virtuosen Umspielungs-Kleinarbeit des Solisten Shunske Sato über die Grenze des Stressabbaus: Man erfährt den Zwang zur Freiheit hier schon als kritische Hyperaktivität, die bei Sato den Sinn für Lyrisches, für kantable Momente völlig auszulöschen scheint. Und im zweiten, rokokohaften Regentropfen-'Largo' des 'Winter'-Konzerts wird das Orchester nicht nur zur maschinenhaften Sprinkleranlage, sondern Sato auch mit Synkopen statt Gesang zum Spiegelbild des etwas jazzigen Salongeigers à la Menuhin und Grappelli – damit gerät der Satz paradoxerweise wieder ganz in die von der historisierenden Bewegung so bekämpften Nähe zum Salonhaft-Kitschigen, auch wenn das sinnliche Dahinschmelzen nirgends in Satos Ausdrucksrepertoire verankert scheint (was wiederum zu Recht bedauert werden kann).

Dass – als merkwürdiges Intermezzo zwischen 'Sommer' und 'Herbst' – sogar Vivaldis große Trauer-Sinfonia 'Al Santo Sepolcro' RV 169 an Tiefe und Wucht verliert, macht ein Vergleich nicht nur mit Karajans filmmusikalischer Klangidee (Berliner Philharmoniker, DG 1970) deutlich, sondern auch mit den Einspielungen des Combattimento Consorts (Challenge Classics 2002) oder Ottavio Dantones (Vivaldi-Edition bei Naive, 2005): Gerade dieses Stück verlangt nicht nach Freiheit, sondern Ausdruck, nach Angemessenheit von Tempo und Klang. Im Kontext dieser Platte und der zugehörigen Konzerte darf man durchaus von einem stilistischen Fehlgriff sprechen. Die motorische Perfektion und Härte als Qualität eines hier eindrucksvolles Agieren des Ensembles wird eben dadurch konterkariert, dass es in dieser Darstellung der Musik und vor allem des Soloparts die alten Kontraste des Lyrisch-Kantablen nicht mehr gibt und unter dem Schlagwort der Freiheit ein gewisser Aktionismus des möglichst neuartig wirkenden solistischen Reflektierens Einzug hält.

Es spricht für das durchgehaltene One-Take-Konzept, dass die hörbar im Zusammenspiel etwas aus dem Ruder laufenden Mittelsätze nicht partiell oder ganz ersetzt wurden ('Frühling' und 'Winter', 'Sommer' und 'Herbst' – mit überflüssig aktionistischer Laute statt Geige – gelingen besser), wie auch die wenig inspirierte, ganz dem knallig betonten Grundrhythmus erlegene Jagdszene ('Herbst' 3). Was die Ausdeutung der in die Partitur ja integrierten dichterischen Sonnett-Bilder angeht, könnte man keineswegs überspitzt gerade Karajan und Anne-Sophie Mutter (in ihrer Art ja auch eine ‚freie‘ Interpretation), aber auch kaum nennbaren Dutzenden anderen Gestaltungen des Solos (ich nenne mal stellvertretend Thomas Zehetmair beim gleichen Label) ein treffenderes Händchen als Sato zuschreiben. Man kann sich am prächtig Gelungenen, etwa der Hälfte der Platte, erfreuen, und man könnte angesichts der anderen Hälfte abschließend dann auch wieder einmal mit Müller-Westernhagen über Freiheit – die Freiheit überhaupt als Bedingung, zu verfehlen – und Enttäuschung philosophieren. ‚Die Kapelle, rum-ta-ta / Und der Papst war auch schon da / Und mein Nachbar vorneweg. / Freiheit, Freiheit, / Ist die einzige, die fehlt.‘


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Vivaldi, Antonio: Die Vier Jahreszeiten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Berlin Classics
1
07.10.2016
Medium:
EAN:

CD
885470008295


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Vivaldi, Antonio


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Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


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