> > > Bach, Johann Sebastian und Wagner, Richard: Tod in Venedig
Mittwoch, 13. Dezember 2017

Bach, Johann Sebastian und Wagner, Richard - Tod in Venedig

Vom Altern des Meisters


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine gedankenreiche und tänzerisch mehrschichtige Choreographie hat John Neumeier zu seinem 30-jährigen Ballettchef-Jubiläum 2003 in Hamburg auf die Thomas-Mann-Novelle 'Tod in Venedig' herausgebracht.

Natürlich wird aus Thomas Manns Schriftseller Gustav von Aschenbach bei John Neumeier in autobiografischer Umwandlung ein Meisterchoreograph. Der arbeitet an einem Ballett über Friedrich den Großen. Da klingt immer wieder das Thema aus Bachs 'Musikalischem Opfer' an, wenn der Tanzschöpfer, den Neumeiers designierter Erbe Lloyd Riggins umsichtig und visionär verkörpert, an seinen Themensubjekten arbeitet: an Friedrich selbst, den Ivan Urban in resoluter Entschlossenheit mit prägnant gesetzten Bewegungen tanzt. Und an den beiden musikalischen Konzepten Silvia Azzoni und Alexandre Riabko, die Exercice und unverbindliches Probieren in begeisterter Agilität zur höheren Aussage verdichten. Laura Cazzaniga erweist sich auch in dieser bei Arthaus erschienenen Produktion vor Menzels flötendem Friedrich-Bild als Assistentin von autoritativer Bestimmtheit.

Diese ‚Friedrich‘-Proben sind aber nicht nur Werkstattballett, wie es das zunächst einmal bei den auch im Festspielhaus Baden-Baden abgelaufenen, vorbereitenden Proben vor der eigentlichen Premiere in Hamburg gewesen sein mag. Zu Klängen aus Wagners 'Tristan' durchlebt der alternde Choreograph Aschenbach-Neumeier nochmals sein schöpferisches Leben. Wie seine eigene Muse erscheint Konstantin Tselikov als junger Aschenbach vor dem alten Tanzmeister. Die geschmeidige Intuition von einst spielt in das offensichtlich mühsamer gewordene, aber immer noch meisterliche Schöpfertum hinein. Das ist eine plausibel und eingängig entwickelte biografische Rückschau, die uns Neumeier da zum Altern eines Meisters vorführt.

Noch andere Brechungen nimmt Neumeier vor. Da sind die mondäne Hotelszene im ‚Hotel des Bains‘ und die lockeren Strandbilder am Lido. Die damals noch zum Ensemble des Hamburg-Ballett gehörenden Zwillinge Jiri und Otto Bubenicek schlüpfen in verschiedene Rollen von verspielten Strandjugendlichen über Salontunten und die Aschenbach verjüngenden Coiffeure bis zu den Totentanzschemen, die uns erahnen lassen, dass das Ganze nicht gut ausgeht.

Denn da erscheint ja frei nach Thomas Mann auf jeden Fall Tadzio auf der venezianischen Bildfläche, vom übermütigen Edwin Revazov verspielt biegsam und mit erfrischender Unschuld im Ausdruck getanzt. Zu aufjubelnden 'Tristan'-Klängen lassen wir die auch am Strand zu einer Bach’schen Doppelfuge fortgeführte Tanzarbeit am Friedrich-Ballett endgültig hinter uns. Eine zärtliche Begegnung zwischen dem jungenhaften Tadzio und dem wie neu geborenen Aschenbach hat statt. Riggins bewältigt die nochmaligen vitalen Höhenflüge seiner Tanzschöpfer-Rolle im Liebeswahn mit lockerer Sprungtechnik. Für den an Wagner orientierten Konflikt zwischen Rausch und Reinheits-Erlösung greift Neumeier auf die 'Tannhäuser'-Venusmusik zurück, die akustisch plastisch eingespielt ist. Das Bacchanal mit lasziv sich biegenden Körpern ist von der Bildregie aufmerksam eingefangen.

Aschenbachs Fieberträume

In Aschenbachs Fieberträumen zum Ende des Wagner-Bacchanals erleben wir das Schlussdefilee mit Assistentin, Tadzio, der jungen Aschenbach-Muse, dem Friedrich-Darsteller und den musikalischen Themenkonzepten. Aschenbach läuft wirr dazwischen umher, will noch einiges richten, steht am Ende aber mit leeren Händen da. Zum 'Tristan'-Liebestod, den Elizabeth Cooper in fantastischer dynamischer Bandbreite am Flügel spielt, wischt die Assistentin ihrem Meister die Schweißstirn ab. Der Ballettschöpfer sieht Tadzio noch einmal als apollinische Figur in die Ferne blicken, will ihm diese Aussicht verstellen und bricht darüber zusammen.

Suggestiv gesteigert erlebt man im Ablauf dieses zweistündigen Schicksalsballetts von und mit Thomas Mann, Johann Sebastian Bach, Richard Wagner und John Neumeier die Gültigkeit des Goetheschen Verses ‚Es irrt der Mensch, solang er strebt‘. Das dürftige Booklet gibt zu diesen Schicksalsparallelen leider keinerlei Hinweise. Neumeier zeigt geniale frühe Kreativität, ausgereiftes spätes Schöpfertum und das Lebensende: Kreativität und Sehnsucht bis in den Tod hinein. Zuweilen ist Neumeier der Gefahr nicht entgangen, Szenen in die Länge zu ziehen. Die seinerzeitige Baden-Badener Vorabaufführung war kürzer und komprimierter als die hier später ebenfalls in Baden-Baden aufgezeichnete, endgültige Hamburger Premieren-Version. Wäre Neumeier doch nur bei der ursprünglichen, schlüssigeren Baden-Badener Fassung geblieben! Manchmal ist zu viel Gutes des Guten zu viel.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian und Wagner, Richard: Tod in Venedig

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arthaus Musik
1
28.10.2016
EAN:

4058407092742


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Bach, Johann Sebastian
Wagner, Richard


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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