> > > Tschaikowsky, Peter: Der Nussknacker
Montag, 25. März 2019

Tschaikowsky, Peter - Der Nussknacker

Dirigent Drosselmeier


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Tänzerische Glanzleistungen kann man auf einer jetzt nochmals von Arthaus herausgebrachten DVD der Weihnachtsaufführung 1999 von Tschaikowskys Ballett 'Der Nussknacker' an der Staatsoper Berlin erleben.

Der ehemalige Solotänzer des Pariser Opernballetts, Patrice Bart, hat sich inzwischen einen Namen gemacht als Aufspürer einiger originaler Choreographien romantischer Ballette wie derjenigen von 'Giselle'. 1999 hat er für Daniel Barenboim an der Staatsoper Berlin mit dem dortigen Staatsballett Tschaikowskys Weihnachtsballett 'Der Nussknacker' neu eingerichtet. Arthaus hat die seinerzeit für verschiedene Fernsehkanäle aufgezeichnete Aufführung nun als DVD heraus gebracht. Dass Bart hier der Originalfassung von 1892 von Marius Petipa nach E. T. A. Hoffmanns Erzählung vom ‚Nussknacker und Mäusekönig‘ einen aktualisierenden Drall mit dem Kriegstod des Vaters der kleinen Marie gab, ist zunächst einmal nicht abzulehnen. Aber Bart macht daraus dann kein konsequent modernes Ballett des 20. Jahrhunderts. Wenn man davon absieht, dass Marie als Stieftochter zu den Stahlbaums mit den garstigen Stiefgeschwistern Luisa und Fritz kam, blieb alles mit Schneekönigin, Süßigkeiten und Märchenfiguren wie gehabt beim Alten. Maries Mutter mutierte sogar zu einer Eisprinzessin. Das Textheft enthält nur rudimentärste Angaben. Es finden sich weder Informationen zur Werk- und Interpretationsgeschichte noch eine konventionelle Inhaltsangabe, geschweige denn Ausführungen zu Barts künstlerischen Absichten seiner Umwandlung.

An eine konsequent durchgehaltene Neudeutung des 'Nussknackers' hat sich Bart nicht gewagt. Den Blumenwalzer, den Barenboim höchstpersönlich mit der Berliner Staatskapelle recht verhalten dirigierte, tanzte die fluide Nadja Saidakowa im Brillanten-besetzten Tutu, der Schneeflocken-Walzer erinnerte an ein ‚Ballet blanc’ wie den zweiten 'Schwanensee'-Akt und die Apotheose brachte Iwanow/Petipas triumphale Hebefiguren von ehedem. Alles also wie gehabt – außer der einleitenden Rahmenhandlung. Eine aussagekräftig durchstrukturierte Neufassung, wie sie Neumeier und Béjart um 1980 vorgelegt haben, vermisst man.

Die oftmals schlecht ausgeleuchtete Bühnengestaltung von Luisa Spinatelli blieb ebenso im Ungefähren und kam oft nicht über Behelf hinaus. Der weihnachtliche Salon der Stahlbaums war eine Mischung aus Klassizismus und perspektivischer Romantik. In das Schneeflocken-Bild mit der Gondel brach leider die Abenddämmerung ein, wie überhaupt Beleuchtung und Kameraführung zu wünschen übrig lassen. Der Süßigkeiten-Akt läuft als beliebiges höfisches Gartenfest mit viel zu großen Objekten wie Trichter-Tassen, Wandreliefs und Porzellan-Portalen ab.

Virtuose Schleuderwürfe

Die Aufführung hätte die jetzige DVD-Neuauflage 17 Jahre nach ihrer Premiere nicht gelohnt, wenn Bart nicht an einigen Stellen doch tänzerische Funken gezündet hätte. Dazu gehören ein gelöster Pas de Deux zwischen der brillant beherrschten Marie von Nadja Saidakowa und dem umtriebig-vitalen Drosselmeier von Oliver Matz nach der Weihnachtsfeier. Auch das Uhren-Ballett zur Mitternachts-Stunde kann sich sehen lassen. Und danach flößt die Saidakowa ihrem geschenkten Nussknacker Leben ein. Das ist gelungen vorgeführt und überzeugend sowie untadelig getanzt. Der nur so über die Bühne tourende und fliegende Drosselmeier von Matz wirkt bei der Verwandlungsmusik wie ein Dirigent der ganzen Unternehmung des Kampfes zwischen den Zinnsoldaten mit ihren Gewehren und diesmal (anstelle der Mäuse) den Derwischen mit ihren krummen Säbeln.

Nach dem Auftritt des Prinzen des kraftstrotzenden Vladimir Malakow beeindruckt Bart mit einem elastisch dahinfließenden Pas de trois zwischen Marie, dem Prinzen und Drosselmeier. Exakte Drehungen, sichere Hebungen und virtuose Schleuderwürfe zeigen die drei Solisten Saidakowa, Malakow und Matz des Berliner Staatsballetts hier auf zeitgemäßem Standard. Schade, dass sich Bart am Ende beim Grand Pas de Deux in der Apotheose ganz auf die alte Petersburger Choreographie mit ihren Hängeschwüngen und langsam prunkenden Hebungen beschränkt. Hier hätte er etwas von der Modernität des Verwandlungs-Pas-de-trois aus dem ersten Akt hineinpacken sollen. Dann wäre seine Gesamtchoreographie aktueller, in sich geschlossener, einheitlicher und stimmiger ausgefallen.

Das Divertissement im zweiten Akt läuft in technisch gut beherrschter Konvention ab: Lila Mirliton-Hofdamen geben federleichte, feingliedrige Rokoko-Figuren ab, der spanische Bolero hat mehr Eleganz als Rasanz, die Araber exerzieren Tanz-Exotik, die beiden Chinesinnen mit zusammengebundenen Beinen Akrobatik auf Spitzenschuhen und die Russen athletische Kosaken-Kondition.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Tschaikowsky, Peter: Der Nussknacker

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arthaus Musik
1
28.10.2016
EAN:

4058407092766


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Tschaikowsky, Peter


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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