> > > Adam, Adolphe: Giselle
Donnerstag, 23. November 2017

Adam, Adolphe - Giselle

Verzerrte Unschuld


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dramatisch und explosiv gibt sich eine nochmals bei Arthaus heraus gebrachte DVD mit der vom Schweden Mats Ek 1982 choreographierten Version von Adolphe Adams Ballett 'Giselle'.

Das anrührende romantische Ballett 'Giselle' Adolphe Adams spielt bei Ballett-Modernisierer Mats Ek nicht mehr beim Weinlesefest in einem rheinischen Winzerdorf. Ek verfrachtet mit dem Cullberg-Ballett die an der Untreue von Prinz Albrecht zerbrochene Giselle in eine psychiatrische Heilanstalt. Seine revolutionäre Neufassung von 1982 mit dem schwedischen Cullberg-Ballett hat er 1987 als Videoaufzeichnung für das schwedische Fernsehen mit der dramatischen Musikeinspielung des Orchestre National de l‘Opéra National de Monte Carlo unter Richard Bonygne produziert, die musikalisch mit knapp und gezielt zupackendem Zugriff ebenso überzeugt wie mit liebevoll-behutsamen lyrischen Gesten. Arthaus legt die Studioproduktion jetzt noch einmal auf.

Eks sehr nachhaltige, entromantisierende, in Grenzbereiche menschlichen Innenlebens vorstoßende Fassung ist seinerzeit stark beachtet worden. Wir erleben also eine aktuelle Auslegung des guten alten sowohl rührseligen als auch geisterspukenden Ballett-Klassikers von 1841. Das beginnt mit der sich ob ihres Verlassenheits-Traumas exaltiert quälenden Giselle der explosiv tanzenden Ana Laguna. Sie ist mit ihrer Baskenmütze die introvertiert und zugleich energisch auftretende Außenseiterin ihres Dorfes, die nun das Liebesgeschehen mit dem sie betrügenden, weil anderweitig gebundenen mondänen Albrecht nochmals retrospektiv durchlebt. Luc Bouy tanzt diesen noblen Städter alias Prinzen des Ballettklassikers diesmal im eleganten, cremefarbenen Frack eines Mannes von Welt.

Die Retrospektive bringt anstelle einer sanft linear fortschreitenden Handlung mit einer sich anbahnenden, dann kulminierenden und schließlich enttäuschenden Liebesbeziehung von Anfang an viele Brechungen und Brüche mit sich. Die Dekoration von Marie-Louise de Geer Bergenstråhle ist eine naiv stilisierte, grüne Naturlandschaft. Die biedermeierliche Betulichkeit von Mutter Bertha fehlt. Kleider werden getauscht, Kinderwünsche erfüllen sich nicht. Das tradierte Dorfleben ist außer Kraft gesetzt. Die oft abrupt eckigen und abgewinkelten Bewegungen des Modern Dance, deren sich Ek und sein Cullbeg-Ballett vehement befleißigen, unterstreichen diese wechselnden und unsteten Akzente noch.

Auch kann Ek damit die Kontraste zwischen Albrechts städtisch-eleganter Welt (mit Albrechts Partnerin Bathilde, die Vanesse McIntosh eher aufgeregt als hoheitsvoll tanzt) und dem dörflichen Bauernmilieu prägnant heraus bringen. Das Blumen-Orakel wird in diesem Kontext zur Artisten-Nummer. Giselles Huldigungstanz endet in einer veritablen psychischen Zusammenbruchs-Szene voller Dramatik: Eine plausible Lösung für diese Scène de folie. Die Natürlichkeit, Spontaneität und Unschuld des rheinischen Dorflebens nach Heines Vorlage werden verzerrt; zugunsten des Aufschichtens tänzerisch übereinander gestülpter Angst-Träume.

Keine Feerie

Kann da noch ein träumerischer Wilis-Akt als symmetrisch geordnete Feerie folgen? Natürlich nicht. Wir müssen uns unter der hoheitsvoll-neutralen Oberschwester Myrtha von Lena Wennergreen in die Psychiatrie der traumatisierten Mädchen in ihren weißen Zwangsjacken begeben, die am Ende Neuroleptika schlucken. Die ansonsten ausgewogen zwischen Totale und Nahaufnahme pendelnde Bildregie bleibt hier oft zu nah an den Akteurinnen und lässt die Übersicht auf die Beziehung zwischen Albrecht und den Wilis missen. Manisch-depressiv sehen wir in plakativem Ausdruckstanz schlurfendes Schleichen und exaltiertes Springen der Wilis. Verhinderte Gebärerinnen ringen mit ihrem Schicksal.

Giselle robbt unter einem Laken ihrem zudringlichen Hilarion (hoch erregt von Yvan Auzely getanzt) entgegen. Ihren aufgedrehten Part exekutiert Ana Laguna mit hinreißender Explosivität. Das alles ist die totale Institutionalisierung einer klaustrophobischen Welt. Kein Ausblick in eine überwindende Transzendenz mit offenem Ausgang entweder für Albrechts Verdammnis oder für seine Erlösung tut sich auf. Und auch tänzerisch ist Eks Abarbeitung der Konflikte von zu abrupten Motionen zur weitgehend abgeklärten Musik Adams durchsetzt. Promi Albrecht verliert am Ende mit seiner Anzugs-Seide auch seine Attraktivität und rollt in einer wenig plausibel geläuterten Nacktheit umher, der nicht einmal mehr die gezückte Mistgabel des Bauern etwas antun will.

Und was Ek natürlich auf jeden Fall schuldig bleibt, ist die angemessene historische Lotzierung dieses Wilis-Aktes in die Kette der berühmten ‚Ballets blancs‘, als da sind 'La Sylphide' 1832, unsere jetzige 'Giselle' 1841, 'Schwanensee' 1877/1895 und 'Les Sylphides' 1909. Da fällt Eks 'Giselle' vollkommen aus der Reihe. Seine Version stellt sich völlig gegen die Balletthistorie. Von all dem sagt das karge, nichtssagende Textheft der DVD, das sich lediglich auf das Personenverzeichnis des Abspanns beschränkt, nichts. So bleibt Mats Eks innovative 'Giselle' auch in dieser Studioproduktion bei all ihrer tänzerischen Brisanz, Modernität und inneren Folgerichtigkeit doch im Kontext der historischen Ballettentwicklung zu weit draußen und damit abseitig.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Adam, Adolphe: Giselle

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arthaus Musik
1
28.10.2016
EAN:

4058407092803


Cover vergössern

Adam, Adolphe Charles


Cover vergössern

Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Arthaus Musik:

  • Zur Kritik... 5000 Liter Wasser: Alexander Ekman setzt sich in seinem ersten abendfüllenden Stück mit Tschaikowskys 'Schwanensee' auseinander. Weiter...
    (Miquel Cabruja, )
  • Zur Kritik... Dokumentation mit viel Mystery, aber wenig Voice: Die Privatperson Pilar Lorengar ist mit vorliegender Dokumentation ein wenig der geheimnisumwitterten Aura entrissen. Eine Pilar Lorengar-Dokumentation, die ihre Kunst und vor allem ihre Stimme thematisiert und detailliert beleuchtet, steht noch aus. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Stattliche Portion Tschaikowsky: Wladimir Fedossejews großer Tschaikowsky-Zyklus, 1991 in Frankfurt für das Fernsehen aufgezeichnet, ist noch heute ausgesprochen beeindruckend. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
blättern

Alle Kritiken von Arthaus Musik...

Weitere CD-Besprechungen von Prof. Kurt Witterstätter:

  • Zur Kritik... Verhalten und vorhersehbar: Eine gesammelte, linear vorwärts gerichtete, fein ausschwingende Live-Aufführung der h-Moll-Messe Bachs legt BR-Klassik auf einer DVD mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks und Concerto Köln vor. Man hört feine Vokalkultur und mitteilsame Rhetorik. Weiter...
    (Prof. Kurt Witterstätter, )
  • Zur Kritik... Tastend und strahlend: Spielerisch agil und klanglich weit ausladend kommt eine neue CD des Tonkünstlerorchesters Niederösterreich unter seinem aktuellen Chef Yutaka Sado mit Bruckners Vierter Sinfonie daher. Kraftvolle Entladungen werden zu geschlossenen Blöcken hochgewölbt. Weiter...
    (Prof. Kurt Witterstätter, )
  • Zur Kritik... Abgeklärt träumerische Züge: Ausgewogen, durchdacht, eher gleichmäßig bis elegant, nicht allzu exzentrisch. So wirkt Maurizio Pollinis neu erschienene Aufnahme mit späten Klavierwerken von Frédéric Chopin. Weiter...
    (Prof. Kurt Witterstätter, )
blättern

Alle Kritiken von Prof. Kurt Witterstätter...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Das Chambre séparée bleibt heute leer: Diese Produktion von Heubergers 'Opernball' setzt leider keine Maßstäbe. Sie ist achtbar, wenn auch nicht von besonderem Esprit getragen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Rascher Aufstieg: Das Arcis Saxophon Quartett erkundet Bearbeitungen und Originalwerke und zeigt sich von inspirierender Frische. Weiter...
    (Michaela Schabel, )
  • Zur Kritik... Klarinetten-Facetten: Carolin Renner spürt mit dieser Zusammenstellung den vielfältigen Ausdruckswelten der Klarinette im frühen 20. Jahrhundert nach. Weiter...
    (Michaela Schabel, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/2017) herunterladen (0 KByte) Class aktuell (4/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Gaetano Donizetti: Streichquartett Nr. 2 in A-Dur - Allegro assai

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Winfried Rademacher im Portrait "In jedem Ton schwingt der Mensch mit, der ihn produziert"
Winfried Rademacher sucht als Geiger auch gerne Kostbares auf Nebenwegen

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich