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Mittwoch, 28. Juni 2017

Three Live Films - Rigoletto / La Traviata / Tosca

Dreistufiges Abenteuer


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Es gab selige Zeiten, in denen Opernverfilmungen höchsten Ansprüchen genügen konnten. In diese Vergangenheit werden wir zumindest mit zweien dieser drei Opernfilme versetzt.

 

Opernverfilmungen sind in den letzten Jahrzehnten noch weit seltener geworden als in der Vergangenheit – zum einen weil viele Regisseure kaum noch großes Interesse an einer buchstabengetreuen Umsetzung von Libretto und Musik haben, aber auch weil es zunehmend einfacher geworden ist, Operninszenierungen im Theater mitzuschneiden. Dass man im Studio (oder gar ‚on location‘) Idealbedingungen antrifft wie in den 1970er- oder 80er-Jahren, ist zunehmend seltener geworden, und richtiggehend prestigeträchtige Produktionen, mit einem Blick auf langfristigen Wert, sind zur absoluten Seltenheit geworden. Zu den Musikern, die sich für solche Produktionen stets gerne zur Verfügung stellen, gehört der Dirigent Zubin Mehta, der neben Kameramann Vittorio Storaro und Produzent Andrea Andermann zu den Konstanten der hier vorliegenden drei Verfilmungen gehört, die am 11./12. Juli 1992, am 3./4. Juni 2000 und am 4./5. September 2010 ausgestrahlt wurden. Andermanns Anspruch war ein extrem hoher: Er wollte an Originalschauplätzen den Geist der jeweiligen Opern wieder lebendig werden lassen. Dieser ‚Hyperrealismus‘, der nicht nur szenisch (falsche Wetterbedingungen oder Indispositionen einzelner Musiker hätten das ganze Projekt scheitern lassen können), sondern auch musikalisch-dramatisch (durch die Umsetzung, wenn möglich, in ‚real time‘, d.h. ggf. innerhalb weniger Stunden, teilweise mit unangenehmen Drehpausen, bedingt durch Tageszeitenwechsel) extremste Anforderungen an alle Mitwirkenden stellte, treibt eine ganz eigene Sicht ‚historisch informierter‘ Aufführungspraxis auf die Spitze, führte aber zu filmisch teilweise sehr überzeugenden Ergebnissen.

'Tosca' in Rom

Eine Pioniertat war die Umsetzung von 'Tosca' in Rom, nicht nur weil unklar war, wie gut die Verbindungsleitungen zwischen dem im Aufnahmestudio angesiedelten Orchester und den anderen Interpreten funktionieren würde, sondern vor allem auch, weil das Ganze (zumindest in der Originalübertragung) gnadenlos ‚live‘ war; jeder Patzer wäre für die Ewigkeit festgehalten gewesen, wie in jedem normalen Opernmitschnitt. Ziel war, die Spontaneität der Opernaufführung mit der Perfektion einer filmischen Umsetzung zu verbinden. Während viele Opernverfilmungen der 1970er- und 80er-Jahre (sowie auch der Jahrzehnte davor) zumeist im Studio entstanden, bestand hier die Herausforderung darin, scheinbar Unvereinbares zu verbinden. Das Ergebnis ist nicht nur verblüffend dramatisch überzeugend, sondern vor allem auch musikalisch absolut hochkarätig. (Für die Veröffentlichung auf zunächst LaserDisc, viel später auch DVD, wurden die Patzer nachträglich beseitigt, wie das bei ‚Live-Mitschnitten‘ heute allgemein üblich ist).

Catherine Malfitano, Plácido Domingo und Ruggero Raimondi sind in Topform, das Sinfonieorchester der RAI Rom ist bestens aufgelegt, und Regisseur Giuseppe Patroni Griffi nutzt die Originalschauplätze auf bestmögliche Weise. An manchen Stellen musste natürlich getrickst werden, etwa auf der Engelsburg, wenn Tosca eben nicht ungestraft von der Zinne springen (und diese Aufgabe auch keiner Stuntfrau übertragen) könnte. Das Gesamtergebnis ist ähnlich überzeugend wie Francesco Rosis 'Carmen'-Film von 1984 mit Julia Migenes, Plácido Domingo und Ruggero Raimondi (unter Lorin Maazel, der auch Franco Zeffirellis 'Otello'-Verfilmung dirigierte). Malfitanos Ton ist nicht unbedingt schön (und ist es selten gewesen), aber ihre dramatische Wahrhaftigkeit reicht an den legendären Callas-Mitschnitt aus Covent Garden heran; Raimondi und Domingo sind musikalisch voll rollendeckend, ohne Übertreibungen, auch darstellerisch auf den Punkt. Dass Domingo nicht extrem exuberant agiert, hat sicher auch damit zu tun, dass er genau weiß, dass er bis zum dritten Akt (mit langer Wartepause – ob die dunklen Ringe um die Augen wirklich geschminkt werden mussten?) voll bei der Sache sein muss, und so gelingt auch 'E lucevan le stelle' darstellerisch wie vokal zutiefst bewegend.

'La Traviata' in Paris

Während die Einheit von Zeit und Ort in 'Tosca' die ‚zeitoptimierte‘ Live-Umsetzung möglich macht, ist dies bei 'La Traviata' so nicht möglich. Mehr noch: Das Paris der in der Partitur vorgeschriebenen Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es nicht mehr – so dass eine ‚Zeitversetzung‘ in die Zeit um 1900 verwendet wurde, mit der die sich sonst ergebenden Probleme wenigstens einigermaßen umschifft wurden. Nach den Studio-Verfilmungen mit Anna Moffo (1968, unter Giuseppe Patanè, mit Franco Bonisolli und Gino Bechi) und Teresa Stratas (1982, unter James Levine, mit Plácido Domingo und Cornell MacNeil) war zudem eine vergleichbare ‚Real-Umsetzung‘ nicht mehr erforderlich. Gleiches hätte zwar auch für die 'Tosca' gelten können, doch ist die Verfilmung mit Domingo, Sherrill Milnes und Raina Kabaivanska (1976, unter Bruno Bartoletti, Regie Gianfranco De Bosio) musikalisch und dramatisch nicht ganz so dicht wie die Neuverfilmung von 1992. Leider ist musikalisch wie dramaturgisch 'La Traviata' nicht so überzeugend wie 'Tosca'. Das liegt einerseits an teilweise minder besetzten unterstützenden Partien, vor allem aber auch an Patroni Griffis hier ausgesprochen ahistorisch gewählter Kostümausstattung. War schon in 'Tosca' Florias Hütchen im ersten Akt nicht gerade historisch korrekt gewesen, haben wir nunmehr eine zusammengewürfelte Damen-Garderobe, die kein Kostümbildner an einem Opernhaus für eine ‚historisch korrekte‘ Inszenierung zugelassen hätte.

Auch Zubin Mehta bleibt eher routiniert als inspiriert, was sich teilweise auch auf die vokalen Leistungen auswirkt: Eteri Gvazava, eine von Mehta gerne eingesetzte Sängerin, überzeugt insgesamt, bietet aber kein wirklich memorables Violetta-Porträt. Natürlich ist die Konkurrenz groß – auch in den anderen Partien. Rolando Panerai, ein Urgestein des Operngesangs für rund fünfzig Jahre und hier im Herbst seiner Karriere, ist naturgemäß nicht mehr frisch und vor allem auf gehaltenen Noten und in der Höhe hörbar bemüht, doch ist dies hier rollengemäß und entschuldbar. Betrachtet man José Curas Darbietung des Rodolfo aus rein szenischer Perspektive, gibt es viele attraktive und auch berührende Momente. Leider bietet Cura aber Verdis Musik als Verismo schlimmster Couleur dar; von Belcanto und musikalischer Feinsinnigkeit, von polierter Linie oder wirklich strahlendem Ton kann leider nicht die Rede sein – man sehnt sich nach Carlo Bergonzi oder selbst nach Plácido Domingo zurück. Im Gegensatz zu 'Tosca' in Rom wird nun auch der Orchesterpart dramatisch ansprechend zelebriert, mit der Salle Wagram (berühmt für viele Pariser Orchesteraufnahmen) hat man einen visuell sehr ansprechenden Aufnahmeort gefunden, an dem das RAI-Sinfonieorchester aufnehmen darf (bei 'Rigoletto' in Mantua wird es das Teatro Scientifico Bibiena sein).

'Rigoletto' in Mantua

Bei 'Rigoletto' ist die szenische Umsetzung der Renaissance-Handlung wiederum leichter; für den herzoglichen Palast und Rigolettos Heim dienen der Palazzo Te und der herzogliche Palast, für die Hütte Sparafuciles die ehemalige Rochetta di San Giorgio. Mancher Kritiker hat gelästert, dass Plácido Domingo, nachdem er das komplette Tenorrepertoire gesungen habe, nun am Ende seiner Karriere dies auch mit dem Baritonrepertoire, aber mit der Stimme eines Tenors vorhabe. Es gibt entsprechende Partien, die dem entgegenkommen könnten (etwa der 'Figaro'-Graf), die Domingo aber nicht aufgesucht hat; vielmehr sind unter seiner Wahl einige der beliebtesten Baritonpartien, bei denen er sich schwerster Konkurrenz stellen muss (neben der er teilweise selbst extrem erfolgreich die Tenorpartien dargeboten hat). Hier also übernimmt er Rigoletto. Und ein guter Rigoletto ist er. Man hört sein Alter – man sieht ihm sein Alter an –, und dennoch (oder gerade deshalb, auch wegen seiner vokalen Verschleißerscheinungen) berührt er auch musikalisch; faktisch hat er jetzt viel mehr Farbvaleurs zur Verfügung als in früheren Jahren, während sein silberstrahlender Kern immer noch immer wieder vorteilhaft durchbricht. Darstellerisch ist er so überzeugend wie immer. Und in bester Gesellschaft. Sein Herzog von Mantua ist mit Vittorio Grigolo musikalisch wie darstellerisch sehr gut besetzt, dem man den verstellten Studenten wie auch den erotischen Draufgänger voll abnimmt. Julia Novikova erinnert stellenweise an Ileana Cotrubas, ist dieser darstellerisch mindestens ebenbürtig. Vokal klingen manche Töne ein wenig sauer (wie auch einige Töne Domingos), dies beeinträchtigt den Gesamteindruck jedoch nur wenig. Weniger überzeugend im Alter als Domingo ist Ruggero Raimondi als Sparafucile, dem man sowohl stimmlich als auch darstellerisch nicht mehr die dramatische Durchschlagskraft für die Rolle abnimmt wie dies in früheren Jahren gewesen wäre. Die Oper wird visuell in ausgesprochen attraktiver Weise dargeboten; die Chor-Choreographie ist ebenso überzeugend wie die allgemeine Kameraführung (teilweise ganz außerordentlich virtuos, bedenkt man, dass es sich um Live-Mitschnitte handelt), die Ausleuchtung und Nutzung der historischen Architektur sind ungemein stimmungsvoll. Nur ganz selten mangelt es Regisseur Marco Bellocchio ein klein wenig an Einfällen, etwa gleich zu Beginn des ersten Aktes mit der Darbietung der Bühnenmusik; dieser Eindruck verflüchtigt sich aber schon nach wenigen Minuten.

Nachdem die Produktionen viel zu lange nicht ohne weiteres lieferbar waren, hat nun Naxos eine höchst opulente Box herausgebracht, mit einer hochinformativen Bonus-Disk, auf der die Making-Ofs die interessantesten Beiträge sind. Für Freunde der opulenten werkgemäßen Opernverfilmung sind 'Rigoletto' und 'Tosca' sehr empfehlenswert (bei 'La Traviata' muss ich den alten Film mit Anna Moffo empfehlen).

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Three Live Films: Rigoletto / La Traviata / Tosca

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
3
11.11.2016
EAN:

747313537457


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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