> > > Saisons Russes: Werke von Debussy, Ravel, Jakoulov, u.a.
Samstag, 10. April 2021

Saisons Russes - Werke von Debussy, Ravel, Jakoulov, u.a.

Unsanfte Apollo-Mission


Label/Verlag: ORFEO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die beiden Ersteinspielungen von Klavierfassungen der Ballettmusiken 'Apollon musagète' (Strawinsky)und 'Daphnis et Chloé' (Ravel) besitzen als neues Repertoire durchaus einige Attraktivität.

Manchmal wundert man sich, wie wenig ansprechend ein Konzertflügel trotz bester Möglichkeiten aufgenommen werden kann: Im Tonstudio Gabriel (im Schweizerischen Stalden) klingt und schwingt er jedenfalls relativ stumpf, ohne viel Raum und Tiefe. Der Spielweise von Konstantin Lifschitz kommt das nicht entgegen. Einerseits arbeitet er viel mit dem Pedal und hält dort Akkorde häufig über anschließende Harmoniewechsel hinaus: Als Schlusseffekt in Jakov Jakoulovs für Lifischitz 2010 komponierter Klavierdichtung 'Carousel' hat das seine Wirkung; in Claude Debussys 'Six épigraphes antiques' (in der selten gespielten Solofassung von 1915) drohen nicht nur bereits die spannungsvollen Einstiege – ob nun archaisch-monodisch oder in angedeuteten Tanzbewegungen – zu sehr zu verschwimmen, sondern ertrinken auch die stärker rhythmisierten Steigerungspassagen zumeist in dumpfem, weder von Pedal noch Aufnahmetechnik hinreichend gelöstem Hall. In der Aufnahme von Michael Korstick (Debussy: Piano Music Vol. III, hänssler classic 2014) erklingen diese antikisierten Klavier-Inschriften viel konturierter, plastischer und auch im vollen Volumen entspannter, wohingegen Lifschitz durchgängig in seinem ganzen Programm dazu neigt, hin zu einem ziemlich harten, etwas groben und klirrenden Anschlag zu forcieren.

Das andererseits macht ebenfalls, wie gesagt aufnahmetechnisch eher schlecht im Griff, das Hören dieser Doppel-CD punktuell und in der Häufung schließlich durchgehend nicht besonders angenehm, so interessant die Stücke und beeindruckend der breite, impulsive pianistische Zugriff von Lifschitz eigentlich wirken müssten. Es fehlt jedoch bei aller virtuosen Aktionsdichte oft an Klavierfarben, an Anschlagsnuancen – spürbar auch schon in den oftmaligen Arpeggienfolgen eingangs und dann durchgangs der drei aus Ravels 'Symphonie choréographique' (1912) von Lifschitz selbst übertragenen Episoden um 'Daphnis und Chloé'. Die 'Danse religieuse' aus der ersten Partie wirkt eher steif, ansprechender die anschließenden Daphnis-Tänze. 'De voix lontaines' als zweiminütiges Intermezzo zeigt wie der Beginn der aus Ravels zweiter Orchestersuite berühmten Passagen um das 'Lever du jour' und final die 'Pantomime' ebenso bedauerliche Defizite in der kantablen Linienführung, wo das Pedal meistens eine Kultur des pianistisch einfühlsamen Legato-Gesangs ersetzt oder ertränkt. Schade, denn die gestalterische Idee im Übertragenen stimmt ebenso wie das Tempi-Gefüge.

Historische oder idiomatische ‚Saisons russes‘?

Nach der knappen Stunde der ersten CD steht zudem die Frage im Raum, was dieses Programm bisher zusammenbindet. Etwas Tänzerisches im Bezug auf Diaghilevs ‚Ballets russes‘, wie im programmatischen Titel ‚Saisons Russes‘ angedeutet, und der damit gegebene historische Kontext der Verschmelzung französischer und russischer Klangkulturen im Paris des anbrechenden 20. Jahrhunderts sind es kaum. Jakoulov, 1958 geboren, greift unter 'Carousel' keineswegs die erwartbaren Klischees der Drehbewegungen auf, sondern präsentiert eine fast lineare Ereignis- und Ausdruckslandschaft, die trotz der im Booklet ausgeführten existenziellen Metapher keine Assoziationen an Kirmes, Pétroushka oder Walzer-Apotheosen à la Ravel weckt. Als Eröffnung ist es schnell vergessen, und den Rest – auch Debussys Antikenbeschwörung hat eher mit Melodram als Mouvement zu tun – hätte man auch auf eine CD bekommen. Denn primär die Gegenüberstellung der Ravel-Transkriptionen von Lifschitz mit der Klavierfassung des 1928 mit den russischen Tanzkräften in Washington uraufgeführten Apollo-Ballets hat unbestritten ihre Sujet-Berechtigung, der Rest ist programmatisch verschiebbares Beiwerk (Anke Demirsoy führt übrigens im Booklet sprachlich wie faktisch kompetent in alle vier nicht unbedingt ideell zusammenfassbaren Stücke ein). Wie im Falle des 'Sacre du printemps' hat Strawinsky selbst 1928 aus 'Apollon musagète' eine Klavierfassung erstellt, die weitenteils bereits aus dem Kompositionsprozess am Klavier stammen dürfte und aufgrund des lichteren Satzes diesmal nicht auch als Klavierduo-, sondern als Solo-Version konzipiert blieb. Der im Vergleich zu Ravel recht übersichtliche Klaviersatz hat in Lifschitz‘ Einspielung fast etwas Korrepetitionshaftes: wiederum im Detail nicht sehr klangkonturiert, aber in der dramaturgischen Anlage und den rhythmischen Fakturen recht überzeugend wiedergegeben. Man kann und sollte sich beim Hören eine besonders im Kantablen feinsinniger und berührender gestaltete Version vorstellen. Insgesamt also eine eher im Repertoire-Blick informative, pianistisch aber nicht rundum begeisternde Veröffentlichung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Saisons Russes: Werke von Debussy, Ravel, Jakoulov, u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ORFEO
2
11.11.2016
Medium:
EAN:

CD
4011790905228


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Debussy, Claude
Ravel, Maurice
Strawinsky, Igor


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ORFEO

Erschienen die ersten Aufnahmen des 1979 in München gegründeten Labels noch in Lizenz bei RCA und EMI, produziert und vertreibt ORFEO seit 1982 unter eigenem Namen. Durch konsequente Repertoire- und Künstlerpolitik konnte sich das Label seit seinem aufsehenerregenden Auftritt am Anfang der Digital-Ära dauerhafte Präsenz auf dem Markt verschaffen. Nicht nur bekannte Werke, sondern auch weniger gängige Musikliteratur und interessante Raritäten - davon viele in Ersteinspielungen - wurden dem Publikum in herausragenden Interpretationen zugänglich gemacht. Dabei ist es unser Bestreben, auch mit Überraschungen Treue zu klassischer Qualität zu beweisen.
Der Musik der Moderne wird mit den gleichen Qualitätsstandards Beachtung geschenkt - in exemplarischen Neuaufnahmen wie in Mitschnitten bedeutender Uraufführungen. Wichtige Akzente setzen dabei die Serien Edition zeitgenössisches Lied, die bis in die unmittelbare Gegenwart vorstößt, und Musica Rediviva mit Werken verbotener oder zu Unrecht vergessener Komponisten.
Zu den Künstlern zählen die besten Sängerinnen und Sänger, Instrumentalisten, Orchester und Dirigenten der letzten drei Jahrzehnte. Die Förderung aufstrebender Künstler der jüngeren Generation war und ist ORFEO stets ein Anliegen. Viele, die heute zu den Großen der Musikszene zählen, errangen bei uns ihre ersten Schallplattenerfolge.
Mit der Serie ORFEO D'OR wird auf die große interpretatorische Vergangenheit zurückgegriffen; legendäre Aufführungen u.a. aus Bayreuth, München, Wien und Salzburg werden dokumentiert. Hierbei wurde von Anfang an besonderer Wert auf sorgfältige Edition gelegt; durch - das dürfte auf dem Markt für historische Aufnahmen heute sehr selten sein - offizielle Zusammenarbeit mit den Künstlern, Erben und Institutionen hat ORFEO D'OR jeweils exklusiven Zugriff auf die besten erhaltenen Originalquellen.
Unser Ziel: Die Faszination, die klassische Musik ausüben kann, über die Generationen lebendig nahe zubringen.


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