> > > Hill, Alfred und Boyle, George Frederick: Romantic Piano Concerto Vol.69
Dienstag, 20. Februar 2018

Hill, Alfred und Boyle, George Frederick - Romantic Piano Concerto Vol.69

Australisches Handwerk


Label/Verlag: Hyperion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


In Folge 69 der Hyperion-Reihe mit Romantischen Klavierkonzerten stellt Piers Lane auf gewohnt hohem pianistischem Niveau zwei interessante und differente Gattungsbeiträge gebürtiger Australier vor, die vor allem erfolgreich an Konservatorien wirkten.

Ein recht akademischer, konservativer Zuschnitt der beiden im Umfeld des Ersten Weltkriegs konzipierten Werke steht außer Frage. Das A-Dur-Konzert von Alfred Hill (1869-1960) entstand zwar 1941, stellt aber die Orchestrierung (nebst mehr oder minder nötiger satztechnischer Umbauten) einer schon vor 1920 entstandenen Klaviersonate dar, die von Piers Lane übrigens ebenfalls präsentiert wird. In der nicht immer ganz nachvollziehbaren Einführung von Allan Stiles (wie gewohnt auch auf Deutsch übersetzt) wird die Behauptung zitiert, dass die Sonate zunächst mangels verfügbarer australischer Orchester als Medium gewählt wurde. Angesichts der Satzanzahl – zu der gängigen dreisätzigen Anlage tritt ein 1941 zunächst nicht erwähntes ‚Intermezzo‘, trotz seines Titels 'Fancies' und Presto-Tempo nicht unbedingt ein Scherzo-Typus – ist aber offenbar auch Stiles unklar, wann diese Erweiterung in Sonate und Konzert erfolgte, zudem scheint der zyklische Zusammenhalt der Sätze keineswegs zyklisch so zwingend, wie es die von Stiles zitierte Konzertankündigung suggeriert. Der Kopfsatz, programmatisch als 'The Question' wesentlich geprägt von einem einleitend ‚adagio‘ vorgestellten Fragemotiv (einer ‚offenen‘ harmonischen Alteration) und einem etwas ‚elgarianisch‘ anmutenden ‚Allegro moderato‘-Hauptthema, hat einen durchaus eigenständig rhapsodischen Konzertstück-Zuschnitt. Den kantablen 'Adagio'-Mittelsatz hat Hill Chopin gewidmet, ohne letztlich die angedeutete chromatische und pianistisch-figurative Dichte und Eleganz der idiomatischen Leitfigur erreichen zu können. Das 'Contrasts' überschriebene Finale bettet schließlich eine weitere melancholische Episode in einen reizenden Cakewalk ein, dessen hoher Unterhaltungswert schon rein pianistisch zündet und im Konzert den guten Bläserpulten schöne Dialoge mit dem Klavier und eigene Soli beschert. Das schon an zweiter Stelle eingeschobene Intermezzo wirkt in diesem bunten Reigen tatsächlich wie ein eher opportunistisch eingeschobener Ohrwurm-Fremdkörper, dessen melodischer Haupteinfall verdächtig nach Broadway-Revue oder deren Salon-Adaption klingt und in nur zwei Minuten natürlich gar nicht mehr weiter entwickelt werden kann. Ein ziemliches Sammelsurium also, aber ein unterhaltsames, da Hill tatsächlich recht eingängige Themen schreiben konnte und diese, hinreichend erfahren mit neun Symphonien, vielen Orchesterwerken und Filmmusik, als offensichtlicher Profi-Arrangeur immer passend zu instrumentieren und formal zu instrumentalisieren verstand.

Hill primär ein Melodiker, Boyle der bessere Dramaturg

Man könnte von Alfred Hill vermuten, dass er auch in Amerika Karriere gemacht hätte; er wirkte aber nach Studium in Leipzig (1887-1891) und kurzer Anstellung als Geiger im Gewandhaus zunächst in Neuseeland und lehrte ab 1911 als Kompositionslehrer am Konservatorium in Sydney und prägte maßgeblich das Musikleben seiner Heimat. George Frederick Boyle (1886-1948) machte hingegen nach Studium bei Busoni in Berlin und Erfolgen als Konzertpianist ab 1910 an amerikanischen Konservatorien Karriere, wo er u.a. Barber und Copland unterrichtete (im Booklet wird das Biographische schon fast zu knapp zusammengefasst, um noch etwas Platz für Allgemeinplätze der Werkbeschreibungen zu lassen).

Boyles Klavierpart wirkt anspruchsvoller, eher auf Höhe der Entstehungszeit im Umfeld Rachmaninows. Auch die symphonisch-konzertante Dramaturgie wirkt interessanter, nicht jedoch die Thematik für sich, die bei Hill in aller mittelbaren Salonhaftigkeit leichter im Ohr bleibt. Der Kopfsatz entspricht völlig der gängigen Kategorie europäischer Virtuosenkonzerten zwischen 1870 und 1920, wobei die Hauptthemen zumeist nur die eher beiläufige Prägnanz entwicklungsfähiger und geschickt fortgesponnener Nebenmotivik etwa der bekannten Konzerte von Camille Saint-Saëns besitzen (aber auch deren Qualitäten der Orchesterbehandlung). Die von Johannes Fritzsch mit bestem Tempogespür geleiteten Symphoniker aus Adelaide verfügen über präsente Holzbläser, die klangtechnisch wie das Klavier gegenüber den nicht so glänzenden und präsenten, aber als Grundierung immer soliden und sauberen Streichern recht deutlich vorgezogen werden. Das Orchester kommt erwartungsgemäß nicht an die Spitzenorchester in Europa oder Melbourne heran, entspricht aber durchaus der Qualität der größeren britischen oder deutschen städtischen Orchester (wo Fritzsch noch zu DDR-Zeiten in Rostock und Dresden, dann in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau erfolgreich gewirkt hat).

Über Piers Lane, der die Klavierkonzerte-Reihe ja kontinuierlich geprägt hat, lässt sich wiederum nur Bestes sagen, vermittelt er doch eine glaubwürdige Begeisterung in seinem Spiel, die der gerade in populistischeren Phrasen und Passagen offensichtlichen Durchschnittlichkeit kompositorischer Inspiration doch eine hohe emotionale Qualität im Ausdruck unterlegt, von der nicht wenige der ‚wiederentdeckten‘ Konzerte unbedingt profitieren müssen, um heute ästhetische Wirkung zu entfalten. Die historische Hochachtung, die sich etwa der Pianist Michael Ponti schon in den 1970er Jahren mit Klavierkonzert-Ausgrabungen für Vox und TurnAbout verdiente, hat sich Lane zweifellos nach über 20 Hyperion-Jahren noch nachhaltiger erspielt (u.a. mit der in dieser Reihe ebenfalls enthaltenen Delius- und Ireland-Referenz). Man würde ihm zutrauen, gerade mit Hills rhapsodisch-kommunikativer Klaviersonate sogar im Konzertsaal Wirkung und Erfolg zu erzielen und Hörer wie Kollegen zu häufigeren Annäherungen zu animieren. Da es wohl immer schwieriger werden dürfte, noch allzu viele weitere ansprechende ‚romantische‘ Konzerte auszugraben, sind es solche beeindruckenden interpretatorischen Leistungen, die den sagenhaften Erfolg und die Qualität dieser Reihe auch jenseits der (Folge) 70 weiterhin begründen dürften.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Hill, Alfred und Boyle, George Frederick: Romantic Piano Concerto Vol.69

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Hyperion
1
04.11.2016
EAN:

034571281353


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Hill, Jackson


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Hyperion

Founded in 1980, Hyperion is an independent British classical label devoted to presenting high-quality recordings of music of all styles and from all periods from the twelfth century to the twenty-first. We have been described as 'Britain’s brightest record label'. In January 1996 we were presented with the Best Label Award by MIDEM's Cannes Classiques Awards. The jury was made up of the editors of most of the leading classical CD magazines in the world - Classic CD (England), Soundscapes (Australia), Répertoire (France), FonoForum (Germany), Luister (Holland), Musica (Italy), Scherzo (Spain), and In Tune (USA & Japan).

We named our label after an altogether splendid figure from Greek mythology. Hyperion was one of the Titans, and the father of the sun and the moon - and also of the Muses, so we feel we are fulfilling his modern role by giving the art of music to the world.

The repertoire available on Hyperion, and its subsidiary label Helios (Helios, the sun, was the son of Hyperion), ranges over the entire spectrum of music - sacred and secular, choral and solo vocal, orchestral, chamber and instrumental - and much of it is unique to Hyperion. The catalogue currently comprises nearly 1400 CDs and approximately 80 new titles are issued each year. We have won many awards.

Our records are easily available throughout the world in those countries served by our distributors. A list of the world's top Hyperion dealers, listed by country and city, can be found on our homepage. But if you have any difficulty please get in touch with the distributor in your territory. In Germany that is Note 1 Music Gmbh.


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