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Sonntag, 16. Januar 2022

Gesualdo, Carlo - O dolce mio tesoro

Edel


Label/Verlag: Phi
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Was wird Philippe Herreweghe getan haben, nachdem er seine Protagonisten zusammengeholt und das Programm mit ihnen studiert hatte? Vermutlich hat er einfach begeistert gelauscht, wie sich seine Vokalisten zu einem Gesualdo-Ensemble geformt haben.

Carlo Gesualdos späte Madrigale können als zeitgenössische Grenzerfahrung in Sachen Harmonie, Expressivität und Struktur gelten, bei – neben all diesen teils verwirrenden Kühnheiten – einem geradezu harschen Beharren auf der Gültigkeit kontrapunktischen Denkens – freilich unter besonderen Vorzeichen. Vielleicht dominiert das Sechste Madrigalbuch, das letzte der Reihe, das jetzt in einer Einspielung mit Philippe Herreweghes Collegium Vocale Ghent vorliegt, die Rezeptionsgeschichte zu sehr. Als avanciertestes Beispiel der Satzkunst Gesualdos lässt es die rasante Entwicklung des Komponisten hinter dem heute prägenden Bild des gelegentlich Bizarren, chromatisch Grenzwertigen, auch Überambitionierten leicht verschwinden. Wobei es sich leicht erklären lässt, warum potente Ensembles immer wieder gerade zu diesem letzten Madrigalbuch von 1611 greifen, anstatt sich den weit konventionelleren Beispielen der frühen Konvolute zu widmen: Es ist einfach hochattraktive, fordernde Musik, die bei interpretatorischem Gelingen die Vokalisten in hellstem Licht dastehen lässt.

Erstaunliche Qualitäten

Genauso, wie es die aktuelle Platte unterstreicht. Besonders bemerkenswert ist es, so eine geschlossene, klanglich edle Interpretation mit zwar individuell fabelhaft geeigneten, aber doch nicht gemeinsam in einem festen Ensemble interagierenden Solisten zu bewerkstelligen. Vokalisten zumal, deren Schwerpunkte überwiegend nicht auf diesem heiklen Repertoire liegen. Gleichwohl sind die Namen denkbar prominent: Eine vorzügliche Soprankrone lässt Hana Blažíková glänzen, kongenial sekundiert von Barbora Kabátková. Altus Marnix de Cat überzeugt mit gerundeter Präsenz, Tenor Thomas Hobbs mit kraftvoller Tongebung. Und Peter Kooij liefert ein samtiges, mehr als solides Bassfundament. Natürlich sind das sämtlich erfahrene Vokalisten, aber so intensiv und blendend interagierend, überraschen und beeindrucken sie schon. Intonatorisch bleiben bei der gelegentlich vom Lautenisten Thomas Dunford begleiteten Gruppe keine Wünsche offen, gerät das Geschehen erfreulich leicht und selbstverständlich, ist im Grunde in den 75 Minuten des Programms keine einzige Trübung zu verzeichnen – beim späten Gesualdo wohlgemerkt, dessen harmonischen Gängen zu folgen schon hörend nicht ganz leicht ist. Phrasiert wird mit einem dezidierten Zugriff auf den Text, nicht überprononciert, aber doch klar; als gelungener Kontrast fungieren edle lineare, gelegentlich auch flächig wirkende Qualitäten. Das viersprachige Booklet macht einen sehr günstigen Eindruck; das Klangbild schließlich ist ein Faktor eigenen Rangs: Andreas Neubronner hat in der Kirche San Francesco im italienischen Asciano ein konzentriertes, fein balanciertes, klar gestaffeltes Porträt von Musik und Vokalisten geschaffen, dem es zugleich nicht an kultivierter Räumlichkeit mangelt – auch in dieser delikaten Kammermusik sehr angemessen.

Was nun unterscheidet dieses Ad-hoc-Ensemble von den einschlägigen Repertoire-Dominatoren, von der Compagnia del Madrigale oder La Venexiana? Bei letzteren scheint die Besetzung in allen expressiven Dimensionen noch ausgeglichener. Auf der vorliegenden Platte forciert zum Beispiel Thomas Hobbs gelegentlich etwas rau, wirken die schnellen Noten manch rascher Passage nicht mit allerletzter Konsequenz gemeißelt. Und es fällt auf, dass die etablierten Ensembles ein Plus bei der dramatischen Affektdeutung verzeichnen können, dass sie sich immer wieder freier, behänder, auch entschiedener durch die komplexen Texturen bewegen können. All das sind freilich nur Nuancen, erstaunlich kleine zumal.

Was also wird Philippe Herreweghe getan haben, nachdem er seine Protagonisten zusammengeholt und das Programm mit ihnen studiert hatte? Vermutlich hat er einfach begeistert gelauscht, wie sich seine Vokalisten zu einem Gesualdo-Ensemble geformt haben, das die extravagante Madrigalkunst des Meisters in großer Schönheit singt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Gesualdo, Carlo: O dolce mio tesoro

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Phi
1
04.11.2016
Medium:
EAN:

CD
5400439000247


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Gesualdo, Don Carlo


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Phi

Der griechische Buchstabe φ (PHI - die Übereinstimmung mit den Initialen von Philippe Herreweghe ist nicht ganz zufällig) versinnbildlicht die Ambitionen des Labels. Er ist das Symbol für den goldenen Schnitt, für die Perfektion, die man in den Staubfäden der Blumen findet, für griechische Tempel, Pyramiden, Kunstwerke der Renaissance oder für die Fibonacci-Zahlenfolge. Seit der frühesten Antike steht dieser Buchstabe im eigentlichen Sinne für Kontinuität beim Streben nach ästhetischer Perfektion.
Mit der Realisierung dieses Katalogs erfüllt sich Philippe Herreweghe seinen Herzenswunsch, die Ergebnisse seiner musikwissenschaftlichen Forschungen und der im Laufe einer langen Karriere gewonnenen Erfahrungen hörbar werden zu lassen.
Mit vier bis fünf Neuproduktionen pro Jahr wird der Katalog Aufnahmen des wichtigsten symphonischen und chorischen Repertoires umfassen, Polyphonisches und natürlich die Werke von Johann Sebastian Bach, die Philippe Herreweghe in dem Bestreben wieder aufgreifen wird, immer vollendetere Versionen zu schaffen.


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