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Dienstag, 12. Dezember 2017

Bach, Johann Sebastian - Actus Tragicus

Altbachisch


Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Auf dieser mit fast 85 Minuten Spieldauer randvollen Platte klingt wunderbar viel Altbachisches Archiv mit, meint man viele der musikalischen Ahnen Bachs zu hören.

Das belgische Vokalensemble Vox Luminis hat sich eine beeindruckende Expertise im älteren deutschen Barockrepertoire ersungen, namentlich bei Heinrich Schütz und Samuel Scheidt, dazu mit Musik aus dem Altbachischen Archiv. Mit dieser Erfahrung, mit diesem stilistischen Rüstzeug nähert sich das vom Bass Lionel Meunier geleitete Ensemble jetzt vier frühen Kantaten des jungen Johann Sebastian Bach. Und es ist – das kann man vorweg sagen – ein ebenso eigenwilliger wie überzeugender Versuch, sich dieser Musik zu anzunehmen. Die hat schon auf den ersten Blick nicht viel mit dem späteren Kantatenschaffen Bachs zu tun: Die schlichte, noch sehr weitgehend an Buxtehude und ältere mitteldeutschen Traditionen anschließende Form ist noch näher bei der wenig strengen Vielfalt des Geistlichen Konzerts als in Kontakt mit der italienisch inspirierten Kantate der 1720er Jahre. Dazu sind auch die instrumentalen Potenziale noch überschaubarer, wird der Satz nur um jeweils wenige Farben angereichert. Das Zweite, das ins Auge fällt, ist die stupende Meisterschaft des jugendlichen Bach, nicht nur in der Invention und der theologisch-poetischen Empfindung, auch in der absolut sicheren Wahl der expressiven Mittel wie der Beherrschung der satztechnischen Mittel ist das Bild denkbar günstig. Bach führt diese frühen Kantaten auf einsame, nicht bis ins Letzte erklärbare Höhen. Zu hören sind hier bei Vox Luminis der sogenannte Actus Tragicus 'Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit' BWV 106, die gleichfalls frühe Kantate 'Nach dir, Herr, verlanget mich' BWV 150, dazu die 1707 entstandene 'Aus der Tiefen rufe ich, Herr, zu dir' BWV 131 und schließlich die 1714 in Weimar entstandene Kantate 'Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen' BWV 12, deren berühmter Chor gleichen Namens im 'Crucifxus'der h-Moll-Messe als Parodie ewigen Ruhm erlangte und die insgesamt dem späteren Kantaten-Typus wohl noch am ähnlichsten ist – immerhin gibt es hier einmal die Kopplung von Rezitativ und Arie, die später prägend werden sollte, den drei anderen Kantaten aber noch gänzlich fehlt.

Bach delikat

Diese formal bei aller künstlerischen Reife noch deutlich in der Entwicklung befindlichen Kantaten mit dem sängerischen und ästhetischen Rüstzeug noch älterer Musik zu singen, ist vor allem musikhistorisch einleuchtend. Die Vokalisten von Vox Luminis tun das mehr als überzeugend: Chorisch ist eine einfache oder doppelte Besetzung der Register zu hören – entsprechend durchsichtig und konzentriert wird gesungen, klanglich im Grunde als logische Fortsetzung der solistischen Sphäre, schlank und mit kontrollierter Expressivität. Die Soli lösen sich vollkommen natürlich aus diesem Kontext, bringen alles Notwendige für gültigen Bach-Gesang mit, wachsen aber deutlich aus der Ensembleästhetik hervor. Und sind damit eine klare Reminiszenz an ältere Vorbilder, nach denen Vokalisten beides hervorragend können mussten: solistisch und im Ensemble singen.

Instrumental wird das in gleichfalls schlanker Besetzung kammermusikalisch gesammelt, mit viel delikater Spielfreude, dabei ganz einem uneitlen Ensemblegeist verpflichtet. Klangfarblich besonders positiv ragt die Continuo-Orgel heraus, eine zweimanualige Chororgel nach Gottfried Silbermann, die viel mehr klar zeichnenden Charakter ins Geschehen einbringt, als es die heute meist verwendeten Truhenorgeln je vermögen. Aus ruhevoller, anfangs eher verhaltener Grundkonstellation werden variable Tempi entfaltet, in höchst differenzierter Anlage. Dynamisch liegen die Stärken natürlich vor allem im Feinen und Leichten, doch muss niemand befürchten, dass nur leise oder verhangen gesungen oder gespielt würde. Und: Relative Entfaltung gerät in dieser schmalen Konstellation umso effektvoller. Das Ensemble ist aller artikulatorischen Mittel mächtig; vielleicht liegt eine besondere Betonung auf der fein empfundenen rhetorischen Geste. Klanglich wird das kongenial begleitet: Das Bild ist präzis und detailreich, wirkt zugleich wunderbar erwärmt und ist dazu von angemessener Größe. Im Ergebnis ist es das wunderbare Porträt eines ‚Bach da camera‘.

Auf dieser mit fast 85 Minuten Spieldauer randvollen Platte klingt wunderbar viel Altbachisches Archiv mit, meint man etliche der musikalischen Ahnen Bachs zu hören. Lionel Meunier entwickelt mit Vox Luminis den Kantatenklang für Johann Sebastian Bach aus der gemeinsamen Musiziererfahrung mit ebendieser älteren Musik: Behutsam, delikat, vor allem luzide. Manchem mag das zu schmal wirken, mag es an Volumen oder dynamischer Schlagkraft fehlen. Ebenso konsequent wie überzeugend ist es doch. Eine höchst lohnende Begegnung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Actus Tragicus

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Alpha Classics
1
04.11.2016
EAN:

3760014192586


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Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


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