> > > Mendelssohn Bartholdy, Felix: Symphonie Nr. 5
Dienstag, 26. September 2023

Mendelssohn Bartholdy, Felix - Symphonie Nr. 5

Schroffe Burg


Label/Verlag: LSO Live
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wenn auch beiden noch ausstehenden Folgen von Gardiners Mendelssohn-Zyklus mit dem London Symphony Orchestra auf gleicher Höhe angesiedelt sind, entsteht hier eine fulminante Gesamteinspielung, die neben den Großen der Aufnahmegeschichte Platz findet.

Der Zyklus der Mendelssohn-Sinfonien, den Sir John Eliot Gardiner zusammen mit dem London Symphony Orchestra erarbeitet, nahm mit der ‚Schottischen‘ Sinfonie einen furiosen Anfang. Auch die Fortführung beim hauseigenen Label LSO Live bietet eine kraftvolle, erregte Mendelssohn-Lektüre. Der zweite Teil der Serie, der die sogenannte ‚Reformationssinfonie‘ (Sinfonie Nr. 5 d-Moll op. 107) sowie die Ouvertüren 'Meeresstille und Glückliche Fahrt' op. 27 sowie 'Ruy Blas' (MWV M 11) enthält, wird ebenfalls kombiniert als Bluray und hybride SACD angeboten; im Gegensatz zur ersten Folge ist diesem Doppelalbum allerdings keine Video-Bluray der Konzertaufzeichnung mitgegeben. Das ist allerdings nicht weiter tragisch, denn das wendige und kraftvoll zupackende London Symphony Orchestra musiziert gestisch so eindringlich und beweglich, dass sich das Bild straff gespannten, höchst energievollen Musizierens unweigerlich vor dem inneren Auge einstellen. Die Pure Audio Bluray hilft dem Vorstellungsvermögen durch eine erstklassige, sehr plastische Klangwiedergabe auf die Sprünge. Es ist bekannt, dass der Londoner Barbican nicht sehr viel Farben zulässt und vieles verschluckt; vor diesem Hintergrund muss man schon staunen, welch feine Schattierungen das Orchester bei den im März und Oktober 2014 mitgeschnittenen Konzerten unter Sir Johns Leitung zur Entfaltung brachte.

Hochspannung noch im Pianissimo

John Eliot Gardiners Mendelssohn-Deutung ist von einer vibrierenden Intensität. Selbst die Meeresstille, die fahlen Wasserflächen, die evoziert werden, ehe mit geblähten Segeln, rhythmischem Drive, quirligen Holzbläsern und Jubelton die fröhliche Fahrt an Geschwindigkeit gewinnt, ist von nervöser Gespanntheit erfüllt. Es ist eine lähmende Stille, erfüllt von brodelnder Ungeduld, die hier hörbar wird. Gardiners Interpretationen gereicht die nervöse Spannung manchmal zum Nachteil, weil man stets den unbedingten Gestaltungswillen mithört, die nie nachlassende Spannung des Moments; durch die präzise Modellierung der kurzen Strecken verliert Gardiner zuweilen größere Zusammenhänge aus dem Blick, und manches würde sich schlichtweg seliger aussingen können, wenn der Dirigent dem Orchester mehr Freiraum gäbe. Hier aber drängt sich dieser Eindruck zu keinem Zeitpunkt auf. Es ist goldrichtig, dass Gardiner den Kopfsatz der ‚Reformationssinfonie‘ mit dramatischem Furor auflädt und das ‚con fuoco‘ hervorhebt. Dabei gewinnt er die gesamte Spannung aus harmonischen Schroffheiten, melodischer Kantigkeit, die er punktgenau und mit hoch energetischen dynamischen Nuancen (zum Teil auf sehr kurzen Strecken) nachzeichnen lässt, sowie aus polyphonen Kontrastkräften. All diese Dramatik wirkt schlüssig aus der Musik heraus entwickelt.

Fein dosiert

Ganz deutlichen Einfluss hat Gardiner allerdings auf den Klang und artikulatorischen Zugang des London Symphony Orchestra genommen. Mitunter kann der Eindruck entstehen, hier musiziere ein Orchester, das auf historische Instrumente zurückgreift. Freilich, die Streicher nutzen Stahlsaiten, aber der vibratoreduzierte Grundklang wirkt weder übertrieben gleißend (wie nicht selten bei Norrington) noch blutarm, zumal lyrische Wendungen sehr wohl mit fein dosiertem Vibratoeinsatz eingefärbt werden. Das hohe Blech nähert die schmetternde Klangfarbe aber schon mal deutlich historischen Vorbildern an (kann aber im nächsten Moment zu einem für die Verhältnisse des London Symphony Orchestra auffallend weichen, schmelzenden Gesamtklang zusammenfinden, wenn es angebracht ist), und auch die Holzbläser werden dazu ermuntert, ihre Eigenfarblichkeit herauszustellen. Die Streicher fügen sich bei der himmlischen Wendung des sogenannten ‚Dresdner Amen‘ im Pianissimo zu einer lichtdurchflutet gebündelten Einheit, dass es eine wahre Freude ist – und dabei wirken sie selbst im Pianissimo noch höchst gespannt: Die Intensität wird eher noch höher, je zarter die Klänge werden, weil dann umso deutlicher hervortritt, wie zart und dabei ausdrucksvoll die Streicher phrasieren. Der zweite Satz gerät luftig mit lebhaften Akzenten, wunderbar innig dann der langsame Satz, ehe die Flöte mit dem Choral ‚Ein feste Burg ist unser Gott‘ einsetzt. Aber was ist das für eine Dringlichkeit, die hier in diesem Flötenton versammelt ist: Der Ton hat richtig Substanz, und wenn der Choral dann – in erstaunlich flottem Tempo – aufs Orchester übergreift, hat der Orchesterklang eine Grobkörnigkeit und drängende Wucht, dass alles religiöse Pathos, das manch andere hier mit weichgezeichnetem Strahleklang entfachen, wie weggeblasen ist. Im Grunde macht Gardiners vehemente Deutung des Finales eher den Eindruck, der Dirigent streife die außermusikalischen Bezüge ab und verstehe die in Mendelssohns Sinfonienschaffen als zweite entstandene, aber als Nr. 5 gezählte Sinfonie rein musikalisch.

Großartige Vorbereitung

Auch die beiden gewissermaßen vorbereitenden Ouvertüren sind von Gardiners Starkstrom-Haltung und von einem agilen, in Phrasierung und dynamischer Kontroller äußerst feinnervigen Orchesterspiel geprägt. Dramaturgisch gelingt Gardiner 'Meeresstille und glückliche Fahrt' absolut überzeugend: Der Übergang zur Reminiszenz an die gespannte Stille am Anfang ereignet sich ohne jeglichen Spannungsabfall.

Mit dieser grandiosen zweiten Folge ist Gardiner auf bestem Weg, einen Mendelssohn-Zyklus zu vollenden, der seinen Platz mühelos neben den besten der Interpretationsgeschichte behaupten kann. Und aus der zuletzt qualitätsmäßig doch sehr gemischten Diskographie des London Symphony Orchestra ragt Gardiners Mendelssohn ohnehin meilenweit heraus.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mendelssohn Bartholdy, Felix: Symphonie Nr. 5

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
LSO Live
2
08.05.2015
Medium:
EAN:

SACD
822231177524


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LSO Live

Einspielungen des Labels LSO Live vermitteln die Energie und Emotion der großartigsten Aufführungen mit höchster technischer Qualität und Finesse.

Liveaufzeichnungen bedeuteten früher gewöhnlich Kompromisse, aber heutzutage kann mit Hilfe der besten Aufnahmetechnik im Konzertsaal die Vitalität festgehalten werden, die im Studio so schwer nachzustellen ist.
Durch das Zusammenschneiden mehrerer Aufführungen können wir eine Vorlage schaffen, die die Spannung einer Konzertaufführung ohne unerwünschte Nebengeräusche bewahrt.

Seit 2000 veröffentlichte das LSO Live über 80 Alben und nahm zahlreiche Preise entgegen. Das London Symphony Orchestra war schon früher das am meisten aufgenommene Orchester der Welt, hatte es doch für zahlreiche Plattenfirmen gearbeitet und viele der berühmtesten Filmmusiken eingespielt. Die Investition in unsere eigenen Aufnahmen ermöglicht dem Orchester jedoch abzusichern, dass jede Veröffentlichung den höchsten Qualitätsansprüchen genügt und das Hören der besten Musik allen Menschen zugänglich ist.

Das LSO Live war eines der ersten klassischen Plattenfirmen, die Downloads anboten, um ein breiteres Publikum anzusprechen. Wir geben auch unsere Einspielungen im SACD Format (Super Audio Compact Disc) heraus. SACDs lassen sich auf allen CD-Spielern abspielen, ermöglichen aber den Hörern mit speziellen SACD-Spielern den Genuss eines hochaufgelösten, mehrkanaligen Klangs.

London Symphony Orchestra
Das London Symphony Orchestra wurde 1904 von einer Gruppe von Musikern gegründet, die für den Dirigenten Henry Wood spielten. Sie wollten ihr eigenes Orchester leiten und die Wahl haben, mit welchen Dirigenten sie zusammenarbeiteten. Sie beschrieben das LSO als eine musikalische Republik, und das Orchester war über Nacht ein Erfolg.

Heute gibt das LSO ungefähr 70 Konzerte pro Jahr in London und bis zu 90 auf Tournee. Es ist regelmäßig auf Konzertreise durch Europa, Nordamerika und im Fernen Osten. Waleri Gergijew ist seit 2007 Chefdirigent des LSO und Sir Colin Davis sein Präsident.

Das LSO organisiert auch das in der Welt am längsten laufende und umfangreichste Bildungsprogramm eines Orchesters: LSO Discovery. Mit seinem Sitz im Londoner Musikbildungszentrum LSO St Lukes schafft Discovery die Möglichkeit für Menschen aller Altersgruppen und Veranlagungen, mit Musikern des LSO zusammenzuarbeiten, etwas über Musik zu lernen und ihre Fertigkeiten zu entwickeln.


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