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Montag, 25. März 2019

Mozart, Wolfgang Amadeus - Messe in c-Moll

Mozart delikat


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Masaaki Suzuki kultiviert ein zunächst behutsames Mozart-Idiom, das er zu lebendig-bewegter Geste zu entfalten versteht, auch dynamisch frisch. Gleichwohl geht das Moment der Verinnerlichung, der klingenden Delikatesse kaum je verloren.

Mit all seiner Expertise auf dem Feld barocken Musizierens ist der Gründer und Leiter des Bach Collegiums Japan, Masaaki Suzuki, dabei, einen erweiterten Radius auszuschreiten. Im vergangenen Jahr war es Wolfgang Amadeus Mozarts Requiem, das von seinen erprobten Kräften und einem feinen Solistenquartett vorgestellt und mit einigem Kritiker-Lob bedacht wurde. Jetzt liegt als Folgeproduktion eine Einspielung von Mozarts Großer c-Moll-Messe KV 427 vor, gekoppelt mit der früh entstandenen Motette 'Exsultate, jubilate' KV 165 für einen stark geforderten Solo-Sopran. Die Messe, entstanden als gattungstechnische Ausnahme in Mozarts kaum mehr von kirchenmusikalischen Arbeiten geprägten Wiener Jahren, verlangt eine außerordentlich reiche Besetzung: Neben den Streichern auch Flöte, je zwei Oboen und Fagotte, dazu jeweils zwei Hörner und Trompeten, drei Posaunen und Pauken. Dieser reiche Fundus bietet üppige Möglichkeiten zu ungemein charaktervoller Zeichnung der Einzelsätze, von Mozart weidlich genutzt. Zu erleben ist in dem Fragment, angesichts der Dimensionen und des musikalischen Gehalts wohl eher in diesem ehrfurchtgebietender Torso gebliebenen Werk ein gewaltiger harmonischer Reichtum, von eleganten Linien gekrönt, bei gleichzeitiger Präsenz des kontrapunktischen Erbes, das die katholische geistliche Musik auch des ausgehenden 18. Jahrhunderts vernehmlich prägte. Diese heikle Balance ästhetisch nobilitiert und auf geradezu dringliche Weise verlebendigt zu haben, ist keines der kleinen Verdienste Mozarts um die geistliche Musik der Klassik.

Gepaart ist die Messe – die auch unvollständig sehr gut aufführbar ist und mit dem großen 'Hosanna' einen grandios wirksamen Schluss hat – mit der Motette 'Exsultate, jubilate' KV 165 aus der Feder des 17jährigen: ein überschießendes Jugendwerk voller Esprit und beseeltem Ausdruckswillen, zugleich satztechnisch schon extrem beherrscht und klug gearbeitet. Insgesamt ist das sehr viel mehr als das der Komposition häufig unterstellte virtuose Feuerwerk.

Luzide

Am Beginn des schicksalsschweren 'Kyrie' der Messe hat man kurz die Befürchtung, dass Suzuki aus Mozart ‚Kirchenmusik‘ im nicht so günstigen Sinn machen wird: Der Puls ist verlangsamt, expressiv wirken einzelne Teile gehemmt. Doch stellen sich rasch klingende Eleganz und eine Tempogestaltung in stimmigen Relationen ein, erweist sich vor allem die dynamische Gestaltung als besonders gelungen: Hier ist ein reich konturiertes Tableau zu erleben, konsequent gestaltet bis in feinste Nuancen, aber auch immer wieder zu einem detailreichen Plenum von edler Kraft erblühend. Und man hört deutlich: Die an Bach geschulten Instrumentalisten bringen viel rhetorisches Können ein, zeigen, dass Mozart sehr viel mehr als sprudelnd-eleganter Klang ist. Auch aufregende, scharf akzentuierte Phrasierungen sind zu hören. Das Orchester pflegt insgesamt einen leichten, gleichwohl substanzreichen Ton; die rhythmische Prägnanz ist auch in dynamischer Reduktion beeindruckend. Das Ensemble intoniert glänzend, die Balance der Stimmgruppen ist überzeugend, die Bläserpräsenz gerät prächtig – vieles von dieser positiven Wirkung verdankt sich dem plastischen Klangbild, das in klarer Staffelung jedem Detail zu Wirkung verhilft.

Das chorische Geschehen wird von 24 Vokalisten bewältigt, in starken Registern und im Vergleich zum barocken Repertoire mit der spürbar erweiterten Fähigkeit zur stimmlichen Expansion. Die Geläufigkeit ist dabei wie stets technisch präzis gefasst. Prägende vokalsolistische Größe des Programms ist die Sopranistin Carolyn Sampson, die sich mit leichtem Grundklang expressiv verströmt, dabei klar und präzis bleibt. Vollkommen natürlich anmutend, wird sie auch den virtuosen Anforderungen mühelos und mit leichter Geste gerecht, in KV 165 gleichfalls überzeugend. Niemand sollte bei Sampson einen Mangel an dramatischer Durchdringungskraft befürchten. Dazu gibt es immer wieder ein technisch perfekt beherrschtes, dezidiert eingesetztes Vibrato zu hören. Das Duett mit der Mezzosopranistin Olivia Vermeulen gelingt harmonisch – wie überhaupt Vermeulen die Qualitäten und die grundsätzliche Anmutung Sampsons nach unten hin fortsetzt, geschmeidig und elegant. Der Tenor Makoto Sakurada und der Bass Christian Immler sind lediglich in Ensembles gefordert und erweisen sich mit ihren reichen Möglichkeiten als wahre Luxusbesetzung für den schmalen Part, den sie jeweils zu singen haben.

Masaaki Suzuki kultiviert ein zunächst behutsames Mozart-Idiom, das er zu lebendig-bewegter Geste zu entfalten versteht, auch dynamisch frisch. Gleichwohl geht das Moment der Verinnerlichung, der klingenden Delikatesse kaum je verloren – ideal gespiegelt im luziden Spiel des Orchesters: eine schlüssige Deutung.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mozart, Wolfgang Amadeus: Messe in c-Moll

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
02.11.2016
EAN:

7318599921716


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Mozart, Wolfgang Amadeus


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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