> > > Schostakowitsch, Dmitrij: Violinkonzerte Nr. 1 & 2
Montag, 20. Mai 2019

Schostakowitsch, Dmitrij - Violinkonzerte Nr. 1 & 2

Intensiv und unnachgiebig


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Frank Peter Zimmermanns Einspielung der Violinkonzerte von Dmitri Schostakowitsch ist großartig und überzeugt durch einen immensen Detailreichtum.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie lange sich Frank Peter Zimmermann Zeit lässt, um zentrale Werke des Violinrepertoires zu erarbeiten oder auf Tonträger zu veröffentlichen. Die Reife, mit der er sich in dieser neuen Einspielung des Labels BIS gemeinsam mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester unter Leitung von Alan Gilbert den beiden Konzerten von Dmitri Schostakowitsch widmet, spricht Bände und unterstreicht – wie in der Vergangenheit etwa die Aufnahmen der Werke von Benjamin Britten oder Karol Szymanowski –, wie sorgfältig der Geiger die Musik zu durchdenken pflegt. Resultat ist eine selten intensive Wiedergabe, die von der ersten Sekunde an aufgrund ihres Nuancenreichtums fesselt. Bereits den klagenden Tonfall im Kopfsatz des Violinkonzerts Nr. 1 a-Moll op. 77 (bzw. op. 99) kostet Zimmermann voll aus, wobei er insbesondere seine Fähigkeit zur Differenzierung des Pianobereichs unter Beweis stellt. Der Geiger knickt bei seiner voller feiner Untertöne und Schattierungen steckenden Gestaltung der melodischen Linien niemals ein, behält auch während der Doppelgriffpassagen die Spannung bei und führt mit seinem Spiel gezielt auf das Ende der weiträumigen Soli hin, um dort dem Orchester kurzzeitig Raum zu geben und dann den nächsten melodischen Faden aufzunehmen.

Überraschende Revision

Dass dies alles so makellos gelingt, liegt am flüssigen Tempo: Zimmermann benötigt für den Eingangssatz zwei bis zweieinhalb Minuten weniger als die meisten anderen Interpreten, was der Musik ausgesprochen guttut, da sie nicht zähflüssig wird und stehenzubleiben droht – ein grundsätzliches Problem dieses Satzes, das selbst in David Oistrachs legendärer Ersteinspielung nicht von der Hand zu weisen ist. Warum der Geiger zu dieser Lösung gefunden hat, verrät ein kurzer Blick ins Booklet: Dort erfährt man, dass Zimmermann bei seiner Interpretation auf die originalen Metronomangaben des Komponisten zurückgreift (eine Idee, auf die zumindest bei den mir sonst bekannten Einspielungen, kein anderer Solist gekommen zu sein scheint) und eben gerade nicht die Anweisungen zur ruhigeren Metronomisierung benutzt, die in der gängigen Oistrach-Ausgabe des Werkes zu finden sind. Auch dieser Umstand unterstreicht, wie akribisch sich der Geiger dem von ihm interpretierten Repertoire nähert, und es erklärt letzten Endes auch, warum das Konzert hier unter der ursprünglich von Schostakowitsch vorgesehenen Opuszahl 77 und nicht unter der endgültig vergebenen Opuszahl 99 gelistet ist.

Das nachfolgende Scherzo lebt davon, dass Zimmermann die Härten und die Atemlosigkeit der Musik herausarbeitet, aber zugleich auch hier den sinnlichen Tonfall beibehält, was den rasenden Stellen eine besondere Färbung verleiht. Dadurch wird der rasche Satz zu einer Brücke, der die beiden langsamen Teile miteinander verbindet: Der im Kopfsatz vorherrschende Zugang zu den melodischen Linien wiederholt sich, vermittelt über das Scherzo, in der mächtigen 'Passacaglia', deren melodische Gedanken Zimmermann permanent weitertreibt, manchmal drängend, manchmal nachdenklich, doch immer auf das Ziel der großen, den Satz beschließenden Kadenz hin. In dieser entfaltet der Geiger – von einem zarten Beginn ausgehend und in der Anfangsphase bisweilen zu unerhörten, von Akzentuierungen durchzogenen Feinheiten der Tongebung findend – einen klanglichen Furor, den er wiederum in die groteske Final-Burleske überführt. Wahrhaft schwindelerregend ist es, wie er dort die unterschiedlichen Wendungen des schwierigen Soloparts nachvollzieht, ohne dabei die zuvor so stark ausgeprägte Differenzierungsfähigkeit aus den Augen zu verlieren.

Auskosten musikalischer Extreme

Dieser Zugang setzt sich im Violinkonzert Nr. 2 cis-Moll op. 129 fort: Die teils starken Veränderungen der Vibratonuancen, mit denen Zimmermann dem klagenden Tonfall des Kopfsatzes nachspürt, wirken wohl überlegt, das kaum merkliche Hinauszögern von Höhepunkten oder die leichte Verschiebung des Spiels gegenüber der regulären Metrik verleihen seinem Vortrag ein Höchstmaß an Lebendigkeit. Kunstvoll ist es aber auch, wie der Geiger die tänzerisch-ironisch Haltung des Marschthemas immer wieder ins Groteske kippen lässt, sodass die Musik stellenweise den Charakter eines Totentanzes annimmt. Selten habe ich bislang den zwiespältigen Charakter der Musik zwischen beißender Ironie und Tragik so deutlich vernehmen können wie hier, wenn sich der Kopfsatz zur Raserei hin entwickelt und dann in die Kadenz mündet. Diesen solistischen Ruhepunkt nutzt Zimmermann wiederum zur Ausprägung eines gleichsam rhetorischen Stils, bei dem sein Doppelgriffspiel zu einem Dialog zweier imaginärer Partner wird.

Diesen rhetorischen Ansatz greift der Geiger im langsamen Satz wieder auf: In den Kantilenen gleicht kaum ein Ton dem anderen, die Melodieführung ist permanent in Bewegung und wird unter ständigen Veränderungen des Ausdrucks zu einer lebendigen Linie geformt, die zugleich mit all jenen farbigen Fäden verwoben ist, die sich dem Solisten aus dem Orchester entgegenstrecken. Den Finalsatz interpretiert Zimmermann schließlich – dabei an entsprechende Passagen des Kopfsatzes erinnernd – als unaufhörliches, wildes In-sich-Kreisen grotesker Momente, dem er jedoch an zentralen Stellen auch ungewohnt zarte Nuancen einschreibt, ohne die für die Musik so wichtige Energie und Intensität zu verlieren.

Die Balance dieser Live-Aufzeichnungen aus der Hamburger Laeizhalle, basierend auf Zusammenschnitten von Aufführungen aus den Jahren 2012 (Violinkonzert Nr. 1) und 2015 (Violinkonzert Nr. 2), ist dem hohen Niveau der von BIS vertretenen Klangkultur gemäß hervorragend: Von Zimmermann sind auch die kleinsten Nuancen zu hören, und dennoch ist er nicht so stark in den Vordergrund gerückt, dass das von Gilbert klangfarblich sehr differenziert gehandhabte Orchester dadurch an Wirksamkeit verliert. Trotz vieler guter Aufnahmen von Schostakowitschs Violinkonzerten ist diese neue Produktion eine klare Empfehlung: So intensiv, so unnachgiebig beim Nachspüren der unterschiedlichen Ausdrucksebenen und beim Auskosten der musikalischen Extreme habe ich die beiden Werke selten gehört.



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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schostakowitsch, Dmitrij: Violinkonzerte Nr. 1 & 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
02.11.2016
EAN:

7318599922478


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Schostakowitsch, Dimitri


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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