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Dienstag, 20. August 2019

Billone, Pierluigi - Sgorgo

Ungewöhnliche Klangreise


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der E-Gitarrist Yaron Deutsch interpretiert Pierluigi Billones Komposition 'Sgorgo Y - N - oO' und nimmt den Hörer in eine außergewöhnliche Klangwelt mit.

Pierluigi Billone (* 1960) macht es weder den Interpreten noch den Hörern einfach. Seine Musik ist herausfordernd, weil sie auf vielen Ebenen die Extreme sucht und auskostet. So scheint es zunächst einmal schwer vorstellbar, was uns angesichts der Komposition 'Sgorgo Y - N - oO' (2012) erwartet: eine dreiteilige Komposition für E-Gitarre, die in ihrer Gesamtheit eine Aufführungsdauer von rund 75 Minuten umfasst. Auch wenn die E-Gitarre in der zeitgenössischen Musik inzwischen relativ häufig als Ensembleinstrument eingesetzt wird: Große Solostücke (man mag dabei etwa an Steve Reichs 'Electric Counterpoint' von 1987 und an Fausto Romitellis 'Trash TV Trance' von 2002 denken) sind, wie Barbara Eckle gleich zu Beginn ihres exzellenten Booklettexts zu Recht festhält, ‚bei aller Aufgeschlossenheit, Stile und Genres zu fusionieren, bis heute eine Rarität‘. Billone hat sich dieser Aufgabe gestellt und für den Gitarristen Yaron Deutsch ein Triptychon geschrieben, das von Anfang an zweierlei leistet: Einerseits überschreitet es ständig die gedanklich mit der E-Gitarre verknüpfte Klangwelt, andererseits sorgt es jedoch auch dafür, dass die eigentliche Bedingung der Klangproduktion – der elektrische Strom – immer präsent bleibt.

Bereits in der voluminösen und hellen Klangwelt des eröffnenden 'Sgorgo Y' – das 'Y' verweist auf Yaron Deutsch als Widmungsträger – nimmt der zuletzt genannte Aspekt großen Raum ein, da der Komponist dem konstanten Brummen des Gitarrenverstärkers eine wichtige Rolle zuweist: In den teils stark gedehnten Räumen zwischen den oft gestisch geprägten Klangraumerkundungen wird es isoliert, tritt in den Vordergrund und öffnet das Tor zu einer nicht-akustischen Welt, die immer wieder mit dem musikalischen Agieren Deutschs in Beziehung tritt. Dass Billone hier und in den übrigen Abschnitten durchweg auf E-Gitarrenklischees wie Wah-Wah oder Feedback verzichtet und auch die Verzerrung nur extrem selten einsetzt, erweist sich nicht etwa als Einschränkung, sondern ist die Grundbedingung für einen Zugang, der sich feinster Nuancen bedient: Zarteste Berührungen der Saite mit den Fingern hinterlassen hier Klangspuren, die durch Effektgeräte wie ‚pitch shifting‘ beeinflusst werden, während der Einsatz eines ‚whammy bar‘ permanent für die Veränderung der Saitenspannung führt und die Klänge auf unterschiedliche Weise ins Gleiten bringt.

Gegenüber dem ersten Teil wird in 'Sgorgo N' das musikalische Geschehen in die tieferen Register verlegt. Der Gitarrist entfaltet hier Klänge, deren Langsamkeit und Ruhe auf die Inspirationsfigur Luigi Nono – im Titel durch das 'N' angezeigt – verweist. Die Musik wirkt fokussierter und rückt näher an den Hörer heran; dem Klang des Instruments wird eine synthetische Komponente eingeschrieben, sodass er mitunter an die samtige Tongebung einer Klarinette erinnert, und selbst das elektronische Brummen findet zu einem weitaus stärkeres Maß an Intimität. 'Sgorgo oO' wiederum ist als Kulminationspunkt des Triptychons angelegt, in dem der Komponist Elemente aus den vorangegangenen Abschnitten synthetisiert und sie schließlich einer Coda aus manipuliertem Verstärkerbrummen zuführt. Dass all dies kompositorisch bis in die kleinsten Details durchdacht ist, verdeutlichen zwei im Booklet abgedruckte Notentext-Beispiele und ein doppelseitiges Faksimile aus der Handschrift: Mit ihren jeweiligen grafischen Anordnungen können die Abbildungen als verschriftlichtes Zeugnis für Billones sparsamen Umgang mit den gewählten musikalischen Gestalten und Klangzuständen dienen und unterstreichen zudem, welche große Bedeutung das gestische Moment für sein Komponieren besitzt.

Dem österreichischen Label Kairos gebührt großes Lob, nach der 2007 erschienenen CD mit Billones Bassklarinettenduo '1+1=1' nun auch dieses in seiner Art einzigartige und faszinierende Werk produziert zu haben. Yaron Deutschs konzentrierte Aneignung und Umsetzung von 'Sgorgo Y - N - oO' – von ihm selbst im Booklet auch anhand eines kurzen Erfahrungsberichts beschrieben – erweist sich durchweg als sicherlich nicht leichte, aber dennoch höchst lohnenswerte Kost für all jene, die neugierig und geduldig genug sind, um sich auf diese sehr ungewöhnliche Klangreise einzulassen.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Billone, Pierluigi: Sgorgo

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kairos
1
30.12.2016
Medium:
EAN:

CD
9120040735166


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Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


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