> > > Francaix, Jean: Werke für Klarinette
Sonntag, 22. Juli 2018

Francaix, Jean - Werke für Klarinette

Jenseits des Vorurteils


Label/Verlag: Paladino
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Jean Francaix gilt vielen als musikalischer Spaßmacher. Sein Werk hat allerdings mehr zu bieten, das zeigt der Klarinettist Dimitri Ashkenazy mit den hier aufgenommenen Werken.

Es gibt Komponisten, bei denen man immer das Gefühl hat, man kennt nichts von ihrem Schaffen. Und nicht selten stimmt das auch fast. Georg Philipp Telemann ist ein solcher Kandidat, aber auch Joseph Joachim Raff, Muzio Clementi, Alan Hovhaness oder Darius Milhaud. Auch Jean Françaix schuf ein vielfältiges, kaum im Konzertleben gespiegeltes Œuvre, und zumeist tut man ihn ab als einen Spaßmacher, dem es nicht um tiefere emotionale Schichten ging. Die vorliegende CD gräbt tiefer, räumt mit den Vorurteilen nicht restlos auf, setzt sie aber in Proportion. Drei bedeutende Kompositionen für Klarinette beleuchten ihren Schöpfer aus unterschiedlichen Perspektiven.

Da ist zum einen der Konzertvirtuose, dessen Klarinettenkonzert aus den Jahren 1967-8 einen Meister der eingängigen Melodie, der hinreißenden Virtuosität zeigt. Im Vergleich etwa zu Malcolm Arnold ist Françaix’ Schaffen eleganter, aber nicht weniger anspruchsvoll und musikalisch dankbar. Für Dimitri Ashkenazy wurde das Konzert zur Visitenkarte beim Komponisten selbst, der ihn 1995, kurze Zeit nach Einspielung des Konzerts mit dem Cincinnati Philharmonia Orchestra mit Christoph-Mathias Mueller, per Fax nach Paris einlud. Ashkenazy gehört seit mehreren Jahrzehnten zur Klarinetten-Weltelite, und seine Bereitschaft, auch für kleine Labels aufzunehmen, resultiert in einer beachtlichen Diskografie. Das (viersätzige) Françaix-Konzert ist eine dankenswerte Ergänzung, dankbar für die Interpreten wie für die Zuhörer. Ashkenazy und Müller harmonieren bestens, das Soloinstrument ist nicht unangenehm unnatürlich hervorgehoben, sondern tritt in erfreulichen Dialog mit dem ausgesprochen lebhaft und lebensvoll aufspielenden Orchester.

Fast wie ein Orchesterersatz wirkt das Klavier in 'Tema con Variazioni' (1974) für Klarinette und Klavier, ein stimmungsvolles, charakterreiches Werk mit sechs Variationen und einer Kadenz über ein zunächst kaum leicht greifbares Thema. Yvonne Lang ist Ashkenazy eine gleichberechtigte Partnerin, auch wenn der Klarinettenpart einen Hauch präsenter scheint als der Flügel. Die Einspielung des Variationswerks entstand als erstes, schon im September 1992 in der Schweiz (heute dem eigentlichen Heim der Familie Ashkenazy). Um die CD zu komplettieren, entstand am 19. April 2016 die Einspielung des (erst 1992 komponierten) Trios für Klarinette, Viola und Klavier. Mit Bernd Glemser und Ada Meinich (Bratschistin des Faust Quartetts) hat Ashkenazy versierte Kammermusikpartner, die den improvisatorischen Charakter der Komposition kongenial herausarbeiten. Obschon nur aus fünf eher kurzen Sätzen bestehend, hat das Werk nichts Suitenartiges, sondern ist, nicht zuletzt in der hier vorliegenden Interpretation, teilweise von fast symphonischer Faktur, allen voran in den beiden langsamen Sätzen; im zentralen 'Scherzando' evoziert Françaix einen guten Teil der französischen Kammermusik des 20. Jahrhunderts, und mit seinem Schlusssatz scheint sich der Komponist schließlich nicht nur über sich selbst, sondern über jede Art von klassischem Kategoriendenken lustig zu machen. Leider ist die raumgreifende Aufnahmeakustik zwar der Komposition angemessen, aber nicht den beiden anderen Einspielungen auf der CD; die vollständige Veränderung der Aufnahmeakustik beeinträchtigt die Gesamtwirkung der Platte. Gleiches gilt für das Booklet, das zwar mit einem sehr persönlichen Beitrag des Klarinettisten aufwartet, zu den Kompositionen aber wenig bis gar nichts verlauten lässt. Die musikalische und interpretatorische Qualität der CD sind aber nicht zu beanstanden. Und das ist immer die Hauptsache.


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Francaix, Jean: Werke für Klarinette

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Paladino
1
25.11.2016
EAN:

9120040730741


Cover vergössern

Francaix, Jean


Cover vergössern

Paladino

Das CD-Label paladino music wurde 2009 von dem Cellisten Martin Rummel gegründet und ist sozusagen die Keimzelle von paladino media, wozu mittlerweile neben paladino music auch Orlando Records, KAIROS und Austrian Gramophone gehören. Inzwischen bei einem Durchschnitt von 15 Veröffentlichungen pro Jahr angekommen, hat paladino music sich zu einem anerkannten Boutique-Independentlabel entwickelt. Die Veröffentlichungen sind zumeist auf einen Komponisten fokussiert, aber auch Rezitalprogramme und aufsehenerregende Debütaufnahmen sind neben Ersteinspielungen von Komponisten wie Franz Krommer, David Popper, Johann Joachim Quantz, Thomas Daniel Schlee, Robert Stark und Johann Wenzel Tomaschek entstanden. Herausragende Interpreten aller Generationen, von jungen Künstlern bis hin zu internationalen Stars wie Vladimir Ashkenazy garantieren, dass die künstlerische Qualität der Einspielungen außer Frage steht. Ursprünglich auf Kammermusik fokussiert, veröffentlicht paladino music in jüngster Zeit auch zunehmend Solokonzert- und andere Orchesteraufnahmen.

Zahlreiche Veröffentlichungen haben Auszeichnungen bekommen oder sind zumindest dafür nominiert worden, und Kritiker in internationalen Medien loben nicht nur die Aufnahmen und das Repertoire selbst, sondern auch die strikt durchgezogene Eleganz des Designs, dass aus dem Firmendesign von paladino media entwickelt ist. paladino music wird von Martin Rummel kuratiert, der von einem kleinen Team an Fachleuten in der Umsetzung, Fabrikation und Distribution unterstützt wird. Das Lager wird von Naxos Global Logistics verwaltet, und ein Netzwerk von über 50 internationalen Vertrieben garantieren, dass jede Aufnahme weltweit über den Fach- und Internethandel sowie über alle wesentlichen Streaming- und Downloadplattformen verfügbar ist.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Paladino:

blättern

Alle Kritiken von Paladino...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Jürgen Schaarwächter:

blättern

Alle Kritiken von Dr. Jürgen Schaarwächter...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Klingendes Faszinosum: Johannes Hämmerle spielt das gesamte Orgelwerk von Hugo Distler – eine wahre Bereicherung. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
  • Zur Kritik... Das Spinnrad läuft von alleine, die Symphonie nicht: Den Kreis aller neun Symphonien von Antonín Dvorak hat Marcus Bosch jetzt mit seiner Staatsphilharmonie Nürnberg geschlossen. Die frühe zweite Symphonie, ein Stiefkind im Repertoire, kommt aber nicht überzeugend daher. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Noch ein Nilsson-Windgassen-'Tristan'? Ja!: Dieser 'Tristan' dokumentiert die junge Birgit Nilsson und den hörbar entflammten Wolfgang Windgassen in ihren Paraderollen – einige Jahre, bevor sie als Traumpaar dieses Werks in die Geschichte eingingen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (2/2018) herunterladen (3463 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (7/2018) herunterladen (3001 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Henri Marteau: String Quartet No.2 op.9 - Finale. Allegro con fuoco

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Isabelle van Keulen im Portrait "Mir geht es vor allem um Zwischentöne"
Isabelle van Keulen im Gespräch mit klassik.com über ihre Position als Artist in Residence der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, historische Aufführungspraxis und das Spielen ohne Dirigent.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich