> > > Vieuxtemps, Henri: Cellokonzerte
Mittwoch, 20. September 2017

Vieuxtemps, Henri - Cellokonzerte

Der belgische Paganini und das Violoncello


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wie aus zwei Virtuosenkonzerten des 19. Jahrhunderts spannende Musik auf höchstem Niveau wird, das zeigt hier der Cellist Wen-Sinn Yang zusammen mit einem jungen Orchester aus Taiwan.

Die beiden Cellokonzerte von Henri Vieuxtemps sind nur äußerst selten als Aufnahme zu finden und im Konzert hört man sie schon gar nicht. Sie sind aber auch nicht gerade leicht zu spielen. Was Vieuxtemps, der technisch auf der Violine überragend war, für seine Violinkonzerte komponierte – vor allem mit der Absicht, vor Publikum ordentlich brillieren zu können – , übertrug er sinngemäß auch auf das Cello. In belgischen Musikerkreisen kannte man sich, und so war Vieuxtemps denn auch sehr vertraut mit dem erstklassigen Cellospiel seines Landsmannes Adrien-François Servais, dem Erfinder des Stachels und einer Reihe von Griffmöglichkeiten, die die Spieltechnik enorm erweiterten. Servais hatte einen Cellisten-Sohn, Joseph, mit dem Vieuxtemps auf Konzertreise ging, und dem er seine beiden Cellokonzerte widmete – das erste zumindest in der Urfassung mit Klavier statt Orchester. Virtuosität und Brillanz steht also im Vordergrund von Vieuxtemps‘ Konzerten. Wie bei vielen ähnlich entstandenen Konzerten im 19. Jahrhundert kann das leicht zu Oberflächlichkeit oder gar zu reinem Geklingel führen, zu mehr Zirkusartistik denn zu wirklicher Kunst.

Davor bewahrt uns in dieser Aufnahme gottseidank der Cellist Wen-Sinn Yang. Der gebürtige Schweizer mit taiwanesischen Eltern, der inzwischen an der Musikhochschule in München unterrichtet, stellt die enormen technischen Anforderungen nicht eine Sekunde lang nach vorn, sie laufen wie selbstverständlich ab. Jeder Sinnzusammenhang dagegen ist durchdacht und sauber artikuliert. Yang verfügt über einen leichten und dabei sehr klaren Ton in den schnellen Passagen, wird sonor, ja edel im Klang bei den Melodiebögen, weich in den nachdenklichen Momenten, um dann wieder umzuschalten zu Witz und Spritzigkeit. Das alles macht schon aus dem eher banalen ersten Konzert ein unterhaltsames, abwechslungsreiches Stück, zeigt aber im zweiten Konzert darüber hinaus, dass Vieuxtemps sich kompositorisch einiges hat einfallen lassen. Im ersten Satz ist das eine vom Orchester begleitete Kadenz; im zweiten entwickelt sich eine wahre Opernszene mit weit ausholenden und im Belcantostil verzierten Melodiebögen im Cello, gegen die das Orchester dramatisch androht, das ganze im Wechsel zwischen Rezitativ und Arie. So intensiv wie Yang diesen Satz gestaltet, bleibt kein Zuhörer unbeeindruckt. Im Sechsachtel-Takt des Schlusssatzes mit seinen Punktierungen und den zahlreichen Vorhalten führt der Cellist uns wieder auf den Boden des reinen Vergnügens zurück.

Für die Aufnahme reiste Wen-Sinn Yang 2014 in die Heimat seiner Eltern, zum Evergreen Symphony Orchestra nach Taipeh. Dieses Orchester wird seit einigen Jahren von Gernot Schmalfuß geleitet, einem bekannten deutschen Oboisten und Dirigenten. Dass er auch ein guter Orchesterleiter ist, zeigt sich hier: Die Musiker stellen sich ganz auf Yangs Spiel ein, halten sich zurück, wenn der Solist brilliert, unterstützen ihn, wenn es um thematische Zusammenhänge geht und treten in den Vordergrund für Einleitungen und orchestrale Zwischenspiele. Präzision ist auch beim Ensemble das oberste Gebot. Auch aufnahmetechnisch gibt es nichts zu beanstanden; jedes Detail ist gut zu hören, das Ganze in sich ausgewogen.

Bleibt nur zu wünschen, dass sich die junge Cellistengarde im Konzert nicht nur auf Elgar oder Dvorak konzentriert, sondern auch einmal die Konzerte von Vieuxtemps vorstellt. Es würde sich lohnen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Vieuxtemps, Henri: Cellokonzerte

Label:
Anzahl Medien:
Spielzeit:
cpo
1
53:42
EAN:
BestellNr.:

761203792221
cpo 777 922-2


Cover vergössern

Vieuxtemps, Henri
 - Cellokonzert Nr. 1 op. 46 a-Moll - Allegro moderato
 - Cellokonzert Nr. 1 op. 46 a-Moll - Andante
 - Cellokonzert Nr. 1 op. 46 a-Moll - Finale - Allegro
 - Cellokonzert Nr. 2 op. 50 h-Moll - Allegro
 - Cellokonzert Nr. 2 op. 50 h-Moll - Adagio
 - Cellokonzert Nr. 2 op. 50 h-Moll - Finale - Allegro con moto
 - Capriccio pour Alto seul op. 55 c-Moll - Hommage à Paganini


Cover vergössern

Dirigent(en):Schmalfuss, Gernot
Orchester/Ensemble:Evergreen Symphony Orchestra
Interpret(en):Yang, Wen-Sinn


Cover vergössern

cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag cpo:

  • Zur Kritik... Referenz an Komponist wie Interpretation: Als Anfang 2015 Israel Yinon mitten im Dirigat der 'Alpensinfonie' einen Herzinfarkt erlitt und kurz darauf starb, verlor die Musikwelt einen großen Dirigenten und Anwalt der Vergessenen. Jetzt würdigt das Label cpo Israel Yinon in mehrfacher Hinsicht. Weiter...
    (Christiane Franke, )
  • Zur Kritik... Maßvoll und unaufdringlich: Elf CDs mit sämtlichen Liedern von Johannes Brahms, interpretiert von Andreas Schmidt, Juliane Banse, Iris Vermillion und am Klavier Helmut Deutsch. Die Gesamtaufnahme ist im Ganzen durchweg überzeugend. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Jongleure nicht nur der Operetten-Idiome: Unterhaltsam, ja spannend ist Künnekes Konzert von 1935 zweifellos, so, wie es hier von Oliver Triendl am Klavier und dem Münchner Rundfunkorchester überzeugend präsentiert wird. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
blättern

Alle Kritiken von cpo...

Weitere CD-Besprechungen von Elisabeth Deckers:

  • Zur Kritik... Spätromantik à l'Italianitá: Die Cellosonaten der beiden Freunde Strauss und Thuille auf einer CD vereinigt: Vergleiche lassen sich nicht anstellen, und ein Sieger ist erst recht nicht auszumachen. Weiter...
    (Elisabeth Deckers, )
  • Zur Kritik... Galante Entdeckungen: Es nimmt kein Ende mit den Entdeckungen in den Notenarchiven Italiens des 18. Jahrhunderts. Hier wird wieder ein bislang Unbekannter ans Licht gehoben: Pasquale Pericoli Weiter...
    (Elisabeth Deckers, )
  • Zur Kritik... Debüt eines Ambitionierten: Leichtfüßig ist Mischa Meyers Spielweise, aber keineswegs oberflächlich. Das Alte (Bach) und das Neue (Zimmermann) reicht sich so über die Jahrhunderte hinweg die Hand. Weiter...
    (Elisabeth Deckers, )
blättern

Alle Kritiken von Elisabeth Deckers...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Vier Hände für das Himmelreich: Klügere Hände sind selten zu Ohren gekommen. Weiter...
    (Dr. Daniel Krause, )
  • Zur Kritik... Referenz an Komponist wie Interpretation: Als Anfang 2015 Israel Yinon mitten im Dirigat der 'Alpensinfonie' einen Herzinfarkt erlitt und kurz darauf starb, verlor die Musikwelt einen großen Dirigenten und Anwalt der Vergessenen. Jetzt würdigt das Label cpo Israel Yinon in mehrfacher Hinsicht. Weiter...
    (Christiane Franke, )
  • Zur Kritik... Unter der Sonne Italiens: Die Kammermusik Mario Pilatis ist von melodischer Unbefangenheit und steht in vollem Saft. Dass sie so lebendig wirkt, ist das Verdienst der drei Italinier, die für eine temperamentvolle Wiedergabe sorgen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (9/2017) herunterladen (1880 KByte) Class aktuel (3/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Gaetano Donizetti: Streichquartett Nr. 3 in c-Moll - Allegro

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 4442 im Portrait Musik ohne Grenzen
Programme abseits der Konventionen beim Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich