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Freitag, 22. September 2017

Artyomov, Vyacheslav - On the Threshold of a Bright World

Nonkonformistisch spirituell


Label/Verlag: Divine Art
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Gnadenlos direkt und ohne Scheu vor vulkanischen Klangausbrüchen interpretiert Wladimir Ashkenazy mit dem National Philharmonic Orchestra of Russia Orchesterwerke des russischen Komponisten Wjatscheslaw Petrowitsch Artjomow.

Gnadenlos direkt und ohne Scheu vor vulkanischen Klangausbrüchen im sphärischen Raum sowie purer Neoromantik, aber ebenso diffizil im Detail mit allen Extremen zwischen fließender Melodiosität und hämmernder Schärfe interpretiert Wladimir Ashkenazy mit dem National Philharmonic Orchestra of Russia Orchesterwerke des russischen Komponisten Wjatscheslaw Petrowitsch Artjomow. Die Auswahl, Teil 2 der Symphonie-Tetralogie 'On the Way', 'Ave Atque Vale' für Schlagzeugsolo und Orchester sowie 'Ave, Crux Alba' in der Fassung für Orchester und Chor sind gut gewählt, um zu überzeugen, dass der Neoromantiker Artjomow in seinem Heimatland eine Berühmtheit ist. Hierzulande kennen ihn nur jene Zirkel, die sich Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre für sowjetische Musik interessierten oder jene, die das Glück hatten, Mstislaw Rostropowitsch am Pult des National Symphony Orchestra in Washington zu erleben. Er führte 'On the Way' erstmalig auf und machte sich auch sonst zum Anwalt seiner Musiker-Landsleute. Daher ist die erste CD-Einspielung dieser Werke Artjomows, erschienen bei dem für die Wiederaufnahme zeitgenössischer Werke bekannten Label Divine Art, in Erinnerung an Rostropowitsch zu dessen 10. Todestag produziert.

Personalstil im kommunistischen Regime

Geboren 1940 in Moskau verkörpert Artjomow jenen Typus Mensch, der sich und alles Private unter Verschluss hält, um den Repressalien zu entgehen, die einem nonkonformen Künstler im Sowjetregime drohten. Relativ spät, erst 1962, beginnt er sein Studium am Moskauer Konservatorium, Klavier bei Tovij Legowinskij, Komposition zunächst bei Sergeij Balasanian. Weil ihn dessen Vorgaben jedoch zu sehr einengen, wechselt er zu Nikolaj Sidelnikov, der dafür bekannt ist, sich nie in die freie Entwicklung seiner Studenten einzumischen. Zahlreiche Werke aus dieser Zeit finden in seiner Werkliste allerdings nie Eingang.

Während seiner Studienzeit unternimmt Artjomow mehrere Reisen durch Nordrussland. Volksliedmelodien sowjetischer Nationalitäten faszinieren ihn. Jedoch nicht als Musikethnologe. Er denkt an Verarbeitungen im Stile von Prokofjews Volksliedern und sieht sie als Inspiration für neue Melodien. Nach seinem Studien-Abschluss verdient Artjomow den Lebensunterhalt als Korrepetitor an der Tanzschule des Bolschoi-Theaters und arbeitet als Editor für den Moskauer Musikverlag Muzyka. In diesen Jahren komponiert er Gebrauchsmusik, Film- und Theatermusiken, Werke, die heute nicht mehr verfügbar sind. Erste bedeutende Werke, 'Totem' (1976) und die 'Elegiensinfonie' (1977) entstehen aus der engen Freundschaft mit dem Schlagzeuger Mark Pekorskij und dessen Ensemble. Mit Viktor Suslin, der bei Muzyka als Redakteur arbeitet, und Sofia Gubaidulina gründet Artjomow Anfang der 1980er Jahre das Improvisationsensemble Astreja. Man sitzt auf Teppichen, liest indische Texte und spielt losgelöst von jeglichem Notenmaterial auf Pfeif-Flöten aus Georgien, auf einem usbekisch-tadschikischen Dutär, auf Pandüri und Tschongüri und auf verschiedenen Trommeln. Im Nachgang werden die Improvisationen anhand der Aufzeichnungen zu Papier gebracht und sind in Sachen Weiterverwendung Allgemeingut.

Auf der Suche nach dem Weg

Artjomow setzt davon nichts um. Für ihn sind diese Improvisationsstunden eher ein Weg auf seiner Suche nach dem spirituellen Inhalt eigener Werke über die östliche Philosophie, da das Christentum in der Sowjetunion unterdrückt wird. Erst nachdem Gorbatschow 1988 die Wiederbelebung christlicher Kultur gestattet, bekennt sich Artjomow zu seiner inneren Überzeugung, der Zuweisung des christlichen Metatextes in Form göttlicher Eingebung. Im Zuge der Lockerungen im Sowjetstaat wagt Artjomow in den 1980er Jahren mit Unterstützung seiner zweiten Frau, der Dichterin Valerija Ljubetskaja, eine Art private Musik-Perestrojka. Er organisiert sogenannte Autorenkonzerte, bemüht sich um Schallplatteneinspielungen und komponiert zahlreiche Werke aller Gattungen.

Monumentale Tiefe

Mit dem Ende des Sowjetstaates um 1990 beginnt eine neue Phase. Artjomow bezeichnet sein Arbeiten ab diesem Zeitpunkt mit ‚I limit myself‘. Er komponiert weniger und gestattet sich Überarbeitungen über Jahre hinweg. Befreit von der Angst vor Repression bekennt er sich offen zu seiner Idee der Komposition als Idee des Weges der Persönlichkeit, die nach Befreiung, Reinigung und Veränderung in der Selbstentwicklung strebt. Musikalisch hat er sich bereits 1978 mit der ersten Version der Sinfonie 'Der Weg zum Olymp' in diese Richtung begeben. 1984 erscheint die Revision dieses ersten Teils.

18 Episoden über das Leben in Russland

1990 folgt Teil 2. In 18 Episoden reflektiert er über das Leben in Russland. Der Titel 'On the Threshold of a Bright World' (An der Schwelle zu einer erleuchteten Welt) ist Programm. In einer Verquickung wabernder und schleifender Glissandi bettet er ein Kaleidoskop musikalischer Gedankensplitter, neoromantisch im Grundtenor, inspiriert von Olivier Messiaen, Arthur Honegger, Edgar Varese und immer wieder Alexander Skrjabin, um explosiv hoch dramatisch alle Facetten einer bedrückten und bedrohten Seele in einen klanggewaltigen Kosmos zu übersetzen. Überraschend lyrisch ist das Zwiegespräch von Violine und Flöte angelegt. Dezent kammermusikalisch umspielt strahlt dieses Duett wechselseitig ermunternde Zuversicht aus. Danach setzt Artjomow mit einem sinnbildlich hochschnellenden musikalischen Wirbel den Schlusspunkt. Ashkenazy und sein Orchester bieten eine fesselnde Interpretation. Dabei wahren sie auch in klangdichten Passagen völlige Transparenz und unterstreichen damit die Originalität des Komponisten.

Das gilt auch für 'Ave Atque Vale', neun aufeinander folgende Episoden in einer Länge von eineinhalb bis maximal zwei Minuten. Jeder Wechsel katapultiert den Zuhörer in einen anderen Percussionbereich. Klangfarbenmäßig klug kombiniert erzielt Artjomow improvisatorisch mutende Kommunikationsabläufe zwischen Solo und Tutti. Solist Rostislav Shatayevsky bestätigt einmal mehr seine Meisterschaft.

1994 im Nachgang der Begegnung mit Papst Johannes Paul II komponierte Arjomow mehrere Hymnen, darunter 'Ave, crux alba'. Hierzu bedient er sich purer Romantizismen, um in einer Symbiose aus Orchester und Chor expressive Spiritualität zu erzeugen. Ob gewollt oder nicht, gerät der Chor in der vorliegenden Einspielung der revidierten Fassung von 2012 völlig in den Hintergrund.

Das Booklett gibt in englischer Sprache erste Hinweise über den Komponisten, seine Werke und die ausübenden Musiker. Wer Näheres über den Komponisten wissen möchte, kommt allerdings um Bibliotheksbesuche nicht herum.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Artyomov, Vyacheslav: On the Threshold of a Bright World

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Divine Art
1
28.10.2016
EAN:

809730514326


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Divine Art

Divine Art wurde von Stephen Sutton 1993 gegruendet und ist in den letzten Jahren schnell gewachsen mit einem Repertoire von klassischer Musik (und jetzt auch ?mow Swing?, leichte Musik und Jazz) jeglicher Art, von Mittelalter über Barock, Klassik, Oper bis zur heutigen Moderne. Anfang 2009 wurde Heritage Media in Divine Art integriert, eine Firma, die sich auf klassische Radio Programme und Dramen mit den berühmtesten Britischen und Amerikanischen Film- und Theater Schauspielern der 1940 und 1950iger Jahre spezialisiert. Diese Werke werden bald per Katalog und per download für Divine Art Kunden zu kaufen sein.

Divine Art spezialisiert sich auf die Entdeckung und Aufnahme unbekannter Werke von wichtigen Komponisten wie beispielsweise Mozart, Schubert und einige der wichtigsten Britischen Komponisten. Hauptserien schliessen alle 90 Pianosonaten von B. Galuppi, die neulich entdeckte Orchester- und Kammer-Musik von dem in Newcastle upon Tyne geborenen Charles Avison und Weltpremieren von Musik für Piano Duo, ein

Innerhalb Divine Art umfasst die ?Diversions? - Niedrigpreis Serie viele neue Aufnahmen wie auch Neu-Ausgaben von historischen Aufnahmen. Unsere ?Historic Sound? Serie von alten Klassikern, 2005 gegruendet, hat Preise fuer besondere Restaurationsqualitaet gewonnen. Seit 2008 verfügt Divine Art über eine Zweigstelle in den USA.


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