> > > Schubert, Franz: Der Tod und das Mädchen
Freitag, 23. August 2019

Schubert, Franz - Der Tod und das Mädchen

Einladung zum Totentanz


Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Entgegen des Titels präsentiert die Geigerin Patricia Kopatchinskaja zusammen mit dem Saint Paul Chamber Orchestra eine äußerst lebendige Studie rund um Franz Schuberts 'Der Tod und das Mädchen'.

Es ist eher ungewöhnlich, wenn eine musikalische Auseinandersetzung mit dem Thema ‚Tod‘ so voller Energie und Temperament ist, wie es dem Saint Paul Chamber Orchestra zusammen mit der erstklassigen Violinistin Patricia Kopatchinskaja auf ihrer bei Alpha Classics erschienenen Einspielung gelungen ist.

Die Musiker bieten ein ganz neues Hörerlebnis, sowohl ihre Herangehensweise als auch ihre Arrangements betreffend. Den Rahmen des Projekts bildet Franz Schuberts meisterhaftes Streichquartett in d-Moll D 810 mit dem Titel 'Der Tod und das Mädchen'. Das Werk wurde von Kopatchinskaja für Streichorchester neu arrangiert und mit einigen zusätzlichen Soli für Kontrabass und Violine versehen. Doch nicht nur das: Die Musiker brechen mit der Tradition, die einzelnen Sätze des Streichquartetts brav nacheinander zu spielen. Stattdessen schieben sie Werke unterschiedlicher Komponisten dazwischen, die sich dem Thema ‚Tod‘ auf andere Art und Weise annähern. Da wären beispielsweise der ‚mörderische‘ Komponist Carlo Gesualdo (1560-1613, der seine Frau und deren Liebhaber getötet hat) mit seinem Madrigal 'Moro, lasso, al mio duolo' oder – dieser Komponist ist quasi ein Markenzeichen von Kopatchinskaja – Gyorgy Kurtágs (1926) geheimnisvolle 'Ligatura – Message to Frances-Maria' op. 31b.

Dass der Tod nicht immer traurig sein muss, beweisen die Musiker bereits mit dem Eingangsstück von Augustus Nörmiger (1560-1613), einem unterhaltsamen, wenn auch makabren 'Toden Tanz', in dessen packendem Rhythmus das Orchester mehr und mehr an Fahrt gewinnt und die Musik zu einem ausgelassenen Tanz führt. Während der Live-Performance trägt Kopatchinskaja an dieser Stelle einen Skelettanzug, den man sich als Hörer ruhig vorstellen kann, um das bizarre Treiben noch bildhafter vor Augen zu haben.

Kurtags verstörendes Fragment 'Ruhelos' op. 24 provoziert hingegen nicht nur mit seiner Länge bzw. Kürze von 26 Sekunden und den einzelnen Zwischenrufen von Kopatchinskaja. Obwohl eigentlich zu kurz, um als eigenständiger Titel zu gelten, ist das Werk an genau dieser Stelle, zwischen Schubert und der 'Ligatura', auf erstaunliche Weise passend und fügt sich wie angegossen in die Dramaturgie der Aufnahme.

Was auf dieser CD vor allem gefangen nimmt, ist jedoch die etwas andere Version von Schuberts Streichquartett. Die vereinte Kraft des Orchesters gibt der Musik besonders in den ausdrucksstarken Passagen der ersten beiden Sätze 'Allegro' und 'Andante con moto' einen intensiven, vollen Klang. Gleichzeitig ist es erstaunlich, wie sehr sich das Ensemble im Piano Sätze zurücknehmen kann und der Musik ihre nötige Transparenz zugesteht. John Dowlands (1563-1626) 'Pavan' bietet einen gelungenen Übergang zum zweiten Satz. Als ruhiger Gegenpol zum vorherigen 'Allegro' leitet das kurze Stück geschmeidig in die Bewegung des 'Andante' über. In diesem widmen sich die Musiker mit viel Gefühl einem der intensivsten Momente des Quartetts und lassen die Musik zwischen Todesangst und Todessehnsucht schweben. Dabei gibt sich das Orchester beweglich und leicht und räumt der Solistin in jedem Fall viel Raum zur Entfaltung ein. Nach dem Motto ‚Weniger ist mehr‘ verstärken sie mit einem fein dosierten Vibrato im 'Scherzo' den Ausdruck der Musik sogar noch.

Patricia Kopatchinskaja ist einerseits tonangebend und hat ihren Arrangements das ein oder andere Solo eingefügt (die sie, wenig überraschend, fabelhaft und mit technischem Geschick ausführt). Allerdings stellt sie sich dabei nie unnötig ins Rampenlicht und zeigt großen Respekt für die Originalkomposition. Daneben beeindruckt die Präzision und vollkommen synchrone Dynamik aller Musiker, selbst wenn es innerhalb eines Satzes zu extremen Anforderungen kommt.

Die Einspielung ist ein Konzertmitschnitt vom März 2015 aus der Ordway-Concert-Hall in Saint Paul (Minnesota), doch nur selten wird hörbar, dass es sich um eine Live-Aufnahme handelt. Die Abmischung der Streichergruppen ist ausgewogen und gibt dieser intensiven, lebendigen Interpretation genügend Raum. Das von Anfang bis Ende durchdachte Konzept Kopatchinskajas ist mutig und engagiert. Selbst wenn es den Hörer nicht zu völlig neuen Ansichten über den Tod führt, ist diese Aufnahme ein interessantes Hörerlebnis.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schubert, Franz: Der Tod und das Mädchen

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Alpha Classics
1
07.10.2016
Medium:
EAN:

CD
3760014192654


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Schubert, Franz


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Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


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