> > > Bach, Johann Sebastian: Toccaten BWV 910-916 bearbeitet von Max Reger
Samstag, 27. Mai 2017

Bach, Johann Sebastian - Toccaten BWV 910-916 bearbeitet von Max Reger

Fülle und Farbe


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Im Regerjahr2016 hat MDG mit dem Interpreten Christoph Schoener an den Orgeln der Hamburger St. Michaelskirche eine sehr ansprechende Einspielung von Regers Orgelbearbeitungen von fünf der Cembalotoccaten J. S. Bachs vorgelegt.

Regers Orgeladaptionen der Tastenmusik Johann Sebastian Bachs sind allesamt Zeugnisse seiner spezifischen Sichtweise einer zeittypischen Interpretation dieser Musik. Seine Herangehensweise setzt zum einen auf eine fließende, reich abgestufte Dynamik und dabei, vorgegeben vom Klangtypus der Orgeln dieser Zeit mit ihren vornehmlich warmen und gedeckten Farben, auf eine sensible variantenreiche Registereinfärbung. In seiner kleinteiligen Untergliederung der Faktur sieht Reger darüber hinaus eine Vielfalt von Tempomodifikationen und Ausdrucksanweisungen vor. Seine Vorgehensweise stellt gleichsam eine Orchestrierung dar, eine Instrumentierung mit der variablen Fülle und Farbe der Orgelregister, wobei auch das Pedalspiel mit einbezogen wird.

Fünf der sieben Cembalo-Toccaten Bachs, im Werkeverzeichnis unter den Nummern BWV 910 bis 916 gelistet, hat Reger in dieser Weise seinen Stempel aufgedrückt. Christoph Schoener, der Interpret der vorliegenden Neueinspielung des Labels MDG, hat diesen Bearbeitungen der Vollständigkeit halber noch die beiden von Reger unberücksichtigt gelassenen Toccaten BWV 914 und 916 dazugesetzt. Schoener nutzt hier in seinen eigenen beiden Transkriptionen bisweilen ebenfalls das Orgelpedal und er erweitert damit den klanglichen Rahmen des originären Cembalos. Doch er bleibt in der Frage der Registerwahl näher an einem Klangbild, das dem heutigen Wissen um Klangvorstellungen des 18. Jahrhunderts entspricht. Und auch seine Spieltechnik zielt hier auf eine deutliche Durchhörbarkeit, auf ein plastisches Profil und auf eine sensible agogische Biegsamkeit im Aufzeigen der musikalischen Struktur etwa eines Fugenabschnittes. Und doch stellen diese noch deutlich vom barocken Spaltklang geprägten Anverwandlungen Schoeners keinerlei Fremdkörper im Umfeld von Regers Klangvorstellung dar. Hier eine Brücke geschlagen und beide Interpretationsebenen schlüssig miteinander verbunden zu haben, ist durchaus hohe Kunst.

In der ehrwürdigen St. Michaelskirche in Hamburg – dort wirkten immerhin im 18. Jahrhundert so bedeutende Kirchenmusiker wie etwa Georg Philipp Telemann und Carl Philipp Emanuel Bach – kann Christoph Schoener als derzeitiger Kirchenmusikdirektor auf heute gleich vier Instrumente zugreifen: auf die Große Orgel und die hochromantische Konzertorgel , zudem auf ein über den gemeinsamen Spieltisch anspielfähiges Fernwerk sowie auf die erst in jüngster Zeit errichtete Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Orgel auf der Südempore der Kirche. Der Zentralspieltisch lässt es dabei zu, die erstgenannten drei Orgeln auch in beliebiger Kombination zu bespielen. In der Wiedergabe der Toccaten fis-Moll BWV 910, c-Moll BWV 911, D-Dur BWV 912 und g-Moll BWV 915 hat Schoener diese Mischnutzung gewählt, die Toccata d-Moll BWV 913 spielt er nur auf der Konzertorgel. Für seine eigenen Bearbeitungen der zwei restlichen Toccaten aus dem Bachschen Konvolut hat er im Fall der Toccata e-Moll BWV 914 die Große Orgel gewählt, die Toccata G-Dur BWV 916 lässt er auf der Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Orgel erklingen.

Regers Vorstellung eines warm und füllig verblendeten Mischklangs macht dessen Entfaltung im Raum grundsätzlich etwas schwerfällig und wenig transparent. Doch Christoph Schoener gelingt es selbst hier durch eine adäquate Prägnanz und eine akzentuierende Artikulationsweise (vornehmlich in den Fugenabschnitten), ein durchhörbares und lebendiges Profil herauszuarbeiten. Und Regers Inspiration bei seiner Analyse der Werkstruktur ist infolge von Schoeners mannigfachen Register- und Manualwechseln schon beim bloßen Hören plastisch nachzuvollziehen. So erkennt man, dass Reger in die Textur von Bachs Toccatenform, die in diesem Fall der Vielfältigkeit und Sprunghaftigkeit einer Fantasie gleichkommt, mitunter schon die mögliche Isolierung einer einzigen kleinen Figur hineinliest (so etwa in der Toccata d-Moll BWV 913). Auf der anderen Seite hat Reger aber auch der originären Struktur etwas entgegenarbeitet und etwa in der Toccata g-Moll BWV 915 Bachs motivische Umkehrungen hier nicht zu einer möglichen farbigen Hervorhebung ausgenutzt; damit nimmt er sogar einen Verzicht auf ein Moment denkbarer Spannkraft hin. In der Toccata D-Dur BWV 912 vermag Christoph Schoener Regers Aufgliederung des Notentextes in abgegrenzte lebhafte Abschnitte, die der Bachbearbeiter in seine übergeordnete Intention eines ausgreifenden musikalischen Gestus eingelassen sehen wollte, in einen entwicklungsstarken, vorwärtsgerichteten Prozess zu bringen. Eine lebendige Gespanntheit weiß der Interpret hier auch in den kleinformatigen Abstufungen mit räumlich angelegten Echowirkungen zu befördern. In Regers Bearbeitung der c-Moll Toccata BWV 911 kann Christoph Schoener mit seiner detailreichen Einfärbung der fugierten Abschnitte im Sinne eines von langer Hand angelegten Aufbaus mit mächtigem Entwicklungspotential nachhaltig überzeugen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Toccaten BWV 910-916 bearbeitet von Max Reger

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
MDG
1
28.10.2016
EAN:

760623198163


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Bach, Johann Sebastian


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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