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Mittwoch, 20. September 2017

Platti, Giovanni Benedetto - Sechs Triosonaten

Wiederentdeckung des Gesangs


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Ensemble Armoniosa bringt Giovanni Benedetto Plattis Triosonaten zum Funkeln. Mitreißend vom ersten bis zum letzten Ton.

Faszinierend, welche klanglichen Schichten die Musiker des Ensembles Armoniosa in den Triosonaten des italienischen Komponisten Giovanni Benedetto Plattis entdecken und freilegen. Die Werke des um 1697 in der Gegend um Padua geborenen Oboisten und vermutlich auch Violinisten, der den größten Teil seines Lebens in Würzburg verbracht hat und dort in Diensten der Fürstbischöfe stand, werden seit einigen Jahren immer mal wieder als Abwechslung zu der zuvorderst aus Vivaldi bestehenden italienischen Kost serviert – doch bislang nirgends so reichhaltig, vielschichtig und voller unterschiedlichster Facetten. Das italienische Ensemble Armoniosa um die Brüder Cerrato, das bei Dabringhaus und Grimm bereits mit einer fulminanten Vivaldi-Platte auf sich aufmerksam gemacht hatte, hat sich einer Sammlung von sechs Triosonaten angenommen, die in der Musikaliensammlung des Grafen von Schönborn-Wiesentheit in der Nähe von Würzburg erhalten sind und vor wenigen Jahren als Faksimile-Ausgabe veröffentlicht wurde. Was diese Triosonaten-Sammlung auszeichnet, ist die Besetzung sowie die musikalische Satzanlage: Statt zwei Oberstimmen und Basso continuo sind Plattis Triosonaten für Violine, Violincello und Basso continuo angelegt. Daher haben die solistischen Anteile in unterschiedlichen Registern ihren Platz, und auch das Continuo-Cello wird mal mit dem Bass zusammen als Basis geführt, mal löst es sich und fügt dem Satzgeschehen einen weiteren Kontrapunkt hinzu.

Akribisch geformt

Die Reize der musikalischen Satzanlage können sich jedoch nur so prächtig entfalten, weil der Geiger Francesco Cerrato, der Cellist Stefano Cerrato sowie die anderen beteiligten Musiker (Marco Demaria, Cello; Michele Barchi, Cembalo; Daniele Ferretti, Orgel) jedes Detail akribisch beleuchten und ausformen. Auffällig ist vor allem, dass dieses Ensemble im Gegensatz zu dem Trend historisch orientierter Spezialisten, zumal aus Italien, immer forscher, knackiger und fetziger zu spielen, wie die Wiederentdeckung des (instrumentalen) Gesangs wirkt: Die Kantilenen atmen Weite und Eleganz der Linie, sie entfalten mit stets substanzreichem Klang edelsten kantablen Schmelz. Die Cerratos sind keine Puristen, sondern formen die sanglichen Linien, die sie luftig zu verzieren wissen, zuweilen auch mit sachtem Vibrato, so dass Violine und Cello dem menschlichen Gesang ganz nah kommen, gleichzeitig aber die ureigensten Qualitäten der Streichinstrumente ebenso facettenreich ausspielen, etwa wenn der Klang in der Triosonate c-Moll (WD 694) im Mittelsatz mit Lamento-Topos ganz fahl und blass wird.

Lauerstellung und spirituelle Weite

Dem Ensemble Armoniosa gelingt es auf berückende Weise, mit dynamischen Mitteln ungeheure Spannungsmomente zu erzeugen. Selten entdecken andere Interpreten in Werken des mittleren 18. Jahrhunderts Passagen, die durch dynamische Zurücknahme wie eine Lauerstellung wirken, aus der dann die Aktion hervorbricht. Diese hochspannende Zurücknahme bei gleichzeitig bebender Energie gelingt den Musikern ganz fabelhaft, etwa im 'Presto' der G-Dur-Sonate (WD 691) oder in der Fuge der Triosonate B-Dur (WD 689). Gleichzeitig schaffen die Musiker in der 'Siciliana' derselben Sonate durch die starke dynamische Zurücknahme, dass sich durch das plötzliche Piano eine neue Dimension eröffnet, die alle Aktion anzuhalten scheint und eine spirituelle Weite auftut – selten, dass derlei ins Metaphysische ausgreifende Ausdrucksebenen in Werken dieser Zeit erkundet werden. Für solche interpretatorische Kühnheit gebührt dem Ensemble Armoniosa höchste Anerkennung.

Raum zum Atmen

Derlei Stimmungen und Kontrastwirkungen erscheinen jedoch nicht wie von außen auf die Musik gesetzt, sondern aus ihr heraus entwickelt. Das Ensemble geht stilistisch versiert zu Werke, spielt auf Dissonanzen schwungvoll hin und betont die Spannung, rundet Phrasen geschmackvoll ab, schafft eleganteste, sanfteste Punktierungen, zieht die Noten bissig und mit Schmackes durch, schafft opulente, mitreißende Steigerungen, zelebriert lyrischen Schmelz und gibt der Musik viel Raum zum Atmen, selbst in den rhythmisch griffigen Passagen, die einen regelrecht rockenden Groove entfalten. Vom Nähmaschinenbarock des 20. Jahrhunderts und Terrassendynamik ist man hier glücklicherweise Lichtjahre entfernt – hier ist alles in spannungserfüllter Bewegung.

Das bekommt diesen Werken, in denen ganz unterschiedliche Tonfälle angeschlagen werden, ausgezeichnet. Manchmal wirken die meist viersätzigen Sonaten mit langsamen Einstiegssätzen etwas traditionell - so etwa die Triosonate c-Moll (es ist auch die einzige dreisätzige) -, in anderen Werken schlägt Platti mit harmonischer Furchtlosigkeit bereits andere Töne an, während manches gar schon in Richtung Boccherini zielt ('Allegro' der A-Dur-Triosonate). Das Ensemble Armoniosa arbeitet dies mit feiner Flexibilität und engster Abstimmung der solistischen Stimmen mit dem Continuo ungemein präzise und farbig heraus. Ein Hochgenuss, zumal auch die klangtechnische Umsetzung höchsten Ansprüchen genügt! Eine in allen Belangen überzeugenderes Plädoyer für Plattis ist schlechterdings nicht vorstellbar.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Platti, Giovanni Benedetto: Sechs Triosonaten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
MDG
1
28.10.2016
EAN:

760623197869


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Platti, Giovanni Benedetto


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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