> > > Monteverdi, Claudio: Die 7 Todsünden - Arien und Madrigale
Mittwoch, 22. Januar 2020

Monteverdi, Claudio - Die 7 Todsünden - Arien und Madrigale

Emotional


Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dem Hörer bietet sich ein interessantes Monteverdi-Experiment, das erstaunlich deutlich verfängt. García Alarcón ist ein zweifellos begabter Interpret und Ensembleleiter. Zugleich erweist er sich als gedankenvoller, überzeugender Arrangeur.

Das Monteverdi-Jahr 2017 wetterleuchtet schon, in dem der 450. Geburtstag des italienischen Großmeisters begangen und sicher in mancher Einspielung bekannten Repertoires gespiegelt wird. Sehr wahrscheinlich werden dann nicht alle Platten programmatisch so interessant und anregend sein wie die aktuell vorliegende, von der Cappella Mediterranea unter der Leitung des Argentiniers Leonardo García Alarcón eingespielte. Unter dem Titel ‚Die sieben Todsünden‘ hat García Alarcón aus dem Reichtum des Schaffens bei Monteverdi eine mitreißende Auswahl an Einzelsätzen oder Szenen getroffen – zuallererst aus den drei vollständig erhaltenen Opern 'L‘Orfeo', 'L‘Incoronazione di Poppea' und 'Il ritorno d‘Ulisse in Patria', dazu aus den 'Selva morale e spirituale' und natürlich aus den Madrigalbüchern, hier aus dem dritten, vierten und achten.

Entlang der sieben Todsünden Faulheit, Neid, Hochmut, Geiz, Völlerei, Wollust und Zorn auf der einen und ebenso vielen Tugenden in der Gegenüberstellung – im Einzelnen sind es, in Anlehnung an die Kardinaltugenden, Mäßigung, Demut, Keuschheit, Hoffnung, Wohltätigkeit, Mut und Großzügigkeit – auf der anderen Seite ergibt sich ein denkbar weites Panorama menschlicher Emotionen. Natürlich finden sich zu all dem Entsprechungen bei Monteverdi: Die Emotionen expressiv in den Mittelpunkt zu stellen, ist ja einer der Kerne des ästhetischen Vulkanausbruchs, den Monteverdi an der Schwelle zum Barock maßgeblich mitverantwortete. In der engen Reihung, oft mit nahtlosen Übergängen, wirkt das schlüssig, erstaunlich organisch, ist es beinahe eine eigene Szenenfolge, musikalisch soghaft und mit großem Temperament gesegnet. Man sollte sich übrigens vom dräuenden Titel nicht erschrecken lassen: Die Platte lässt sich ohne gravierende Verluste auch als wunderbarer musikalischer Bilderbogen zum Schaffen Monteverdis hören.

Temperamentvolle Könner

Entscheidend für den Erfolg dieser Musik ist zunächst die vokale Ebene. Und da hat Leonardo García Alarcón ein wirklich vorzügliches Ensemble exzellenter Solisten versammelt, die in verschiedensten Konstellationen bis hin zum echten Madrigal-Consort überzeugen. Es sind die Soprane Mariana Flores und Francesca Aspromonte, der Countertenor Christopher Lowrey, die beiden Tenöre Emiliano Gonzalez-Toro und Mathias Vidal sowie der Bass Gianluca Buratto. Sie singen technisch durchweg glanzvoll, werden den Anforderungen an die Geläufigkeit mühelos gerecht. Und sie agieren vor allem dramatisch entschieden – das Spiel mit dem Affekt wird bis hin zur komödiantischen Überzeichnung lustvoll ausgekostet. In diesen Situationen wird die eigentlich hervorragende Intonation mit dem Ziel intensiverer Gestaltung auch um verwaschene Momente angereichert und augenzwinkernd aufs Spiel gesetzt. Mariana Flores ragt mit viel Stimmsilber etwas aus der Gruppe heraus, auch Gonzalez-Toro ist mit seiner unverwechselbar charaktervollen Stimme eindrücklich. Einzig Gianluca Burattos Bass wirkt manchmal rau und grob. Allein: Auch das steht wohl im Dienst der Expression.

Getragen wird das vokale Geschehen von einer lebendigen Instrumentalgruppe. Die ist, besetzt mit zwei Violinen, Theorbe, Erzlaute, Harfe, Viola da gamba, Violone, Cembalo und Orgel, zwar klein, aber deutlich befähigt zur farbigen Zeichnung, zur kontrastreichen Geste. Eine reiche Perkussivität greift sich Raum; die Violinen sind glücklich an die differenzierte Bass-Sphäre gebunden. García Alarcón wählt extrem variable Tempi, opernhaft frei, zuzeiten fast bis an den Rand des Stillstands geführt und zu vollster Konzentration versammelt, dann wieder in einen eruptiven Ausbruch von Graden übergehend – eben dem expressiven Gehalt entsprechend. Das Klangbild ist klar, bemerkenswert plastisch, jederzeit ausgewogen und es greift die Agilität des Musizierens gelungen auf. Das dreisprachige Booklet kommentiert informativ, es enthält die kompletten Texte und ist vor allem bildlich bezwingend gestaltet.

Dem Hörer bietet sich ein interessantes Monteverdi-Experiment, das erstaunlich deutlich verfängt. Der Rezensent ist ehrlich: Das hätte er vor dem Hören bei aller bekannten Klasse von García Alarcóns musikalischen Unternehmungen nicht erwartet. Der ist ein zweifellos begabter Interpret und Ensembleleiter. Zugleich erweist er sich als gedankenvoller, überzeugender Arrangeur der überreichen Möglichkeiten, die Monteverdi bietet.



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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Monteverdi, Claudio: Die 7 Todsünden - Arien und Madrigale

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Alpha Classics
1
07.10.2016
Medium:
EAN:

CD
3760014192494


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Monteverdi, Claudio


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Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


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