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Montag, 25. Juni 2018

Schütz, Heinrich - Weihnachtshistorie

Meilenstein


Label/Verlag: Christophorus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine Wiedervorlage, die man sich gern gefallen lässt: In der nicht gerade unendlichen Reihe hochklassiger Einspielungen von Schütz' Weihnachtshistorie behauptet diese Interpretation von La Fenice und Jean Tubéry auch heute ihren Rang.

Die 1664 erstmals in der heutigen Form aufgeführte Weihnachtshistorie SWV 435 ist ein Prachtstück aus dem Spätwerk Heinrich Schütz‘: Der beinahe Achtzigjährige findet hier wie in den verwandten Passionsvertonungen jener Jahre zu einer fabelhaft gesammelten Schlichtheit, in höchster Konzentration seiner noch immer reichen Möglichkeiten, in gleichsam sublimierter Meisterschaft. Schütz muss nicht mehr alles zeigen, das ist deutlich spürbar, Andeutungen genügen: Wer Ohren hat zu hören, der höre. Das Ergebnis ist auch dem heutigen Hörer so charmant wie sinnlich; ein Meilenstein, ein ästhetischer Aufbruch des Komponisten im vorgerückten Alter.

Für eine Plattenproduktion – aktuell liegt eine 2004 beim Label K 617 erschienene Einspielung bei Christophorus neu vor – ist für die Weihnachtsgeschichte von Heinrich Schütz immer die Frage zu beantworten: Womit soll man sie schlüssig koppeln? Bei nur einer guten halben Stunde Spieldauer der Historie eine wesentliche Aufgabe der Interpreten. Jean Tubéry und sein Ensemble haben sie überzeugend gelöst: Einerseits, indem sie weitere Werke Schütz‘ dazugestellt haben, das 'Magnificat' SWV 468 und das 'Hodie Christus' SWV 456. Schließlich kommen zwei ebenso gehaltvolle Kompositionen zu Gehör, die sich hörbar auf einer künstlerischen Ebene mit Schütz befinden: Vom Thomaskantor Johann Hermann Schein, dem Schütz freundschaftlich verbunden war und auf dessen Tod er eine ergreifende Trauermotette geschrieben hat, ist aus dem zweiten Teil der ‚Opella Nova‘ das wunderbare Konzert 'Mach dich auf, werde Licht, Zion' zu hören, vom Schütz-Schüler Matthias Weckmann das gleichfalls substanzreiche 'Gegrüßet seist du, Holdselige'.

Echte Könner

Entscheidend für den Erfolg der schlichten, erzählenden Form der Weihnachtsgeschichte ist die Besetzung des Evangelisten. Hier singt Hans-Jörg Mammel die Partie ganz famos: Eloquent und in vollkommen natürlicher Diktion, mit einem wunderbaren Parlando-Ton – niemand, der ihn hört, wird etwas vermissen oder nach einer anderen Stimme verlangen. In die Schlichtheit der Geste mischt Mammel eine bemerkenswerte stimmliche Autorität, der man sich gern anvertraut. Die Sopranpartien singt Claire Lefilliâtre, mit schöner, ausgeglichener Stimme, eher dunkel in der Grundanlage, hin und wieder ein wenig kehlig, jedoch von einiger Präzision, die gelegentlich zur Schärfe neigt.

Für das chorische Geschehen liefert der Choeur de Chambre de Namur konzise, klang- und sprachsensible Beiträge, ist er ein präziser Gegenpart zum solistischen Geschehen. In den Intermedien der Hirten oder der Weisen treten solistische Stimmen rollendeckend aus dem Chor hervor, wiewohl nicht exzeptionell. Ein wahres Fest bietet die instrumentale Sphäre: Das ist höchstklassige Artikulationskunst von knackiger Gestalt, die auch die Vokalisten zu behändem Gesang animiert. La Fenice, unter anderem mit Jean Tubéry, François Petit-Laurent, Mira Glodeanu, Stefan Legée, Jérémie Papasergio, Mathias Spaeter oder Jean-Marc Aymes besetzt, ist eine famose Gruppe, die bemerkenswerte Virtuosität und eine enorme Spielfreude mit viel charmanter Natürlichkeit verbindet – und damit ganz der Stimmung und Ästhetik dieser Historie entspricht. Intoniert wird geradezu vibrierend lebendig, mit inspirierenden Impulsen auch für das vokale Geschehen. Bemerkenswert ist eine ausgesprochen reiche und variable Besetzung im Basso continuo, unter anderem bezieht Tubéry gelegentlich Posaune und Fagott ein.

Rezitativisch wird das ausgesprochen ruhig und in der Geste ausgewogener Balance musiziert, die Intermedien geraten dagegen sehr frisch, gelegentlich auch etwas zu bewegt, wie bei den würdigen Weisen, die durch ihren tiefliegenden Chor vierer Bassisten doch einigermaßen eilen müssen. Das Klangbild ist angenehm erwärmt, konzentriert, charmant und klug disponiert, vor allem in schöner Balance von vokalen und instrumentalen Anteilen.

Insgesamt ist das eine Wiedervorlage, die man sich gern gefallen lässt: In der nicht gerade unendlichen Reihe hochklassiger Einspielungen von Schütz‘ Weihnachtshistorie behauptet diese Interpretation auch heute ihren Rang.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schütz, Heinrich: Weihnachtshistorie

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Christophorus
1
07.10.2016
EAN:

4010072774040


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Schütz, Heinrich


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Christophorus

Christophorus ist das älteste deutsche Plattenlabel mit dem Schwerpunkt "Geistliche Musik". Es wurde 1935 gegründet, um religiöse Inhalte mittels Schallplatten und Bücher auch während des Nazi-Regimes zu verbreiten. Heute - mehr als 75 Jahre später - stehen spirituelle Themen weiterhin im Mittelpunkt des Labels, mit besonderem Interesse für unbekannte Werke und historische Interpretation. Gregorianische Gesänge, geistliche Vokalmusik, Musik der christlichen Kirchen und die Gesänge aus Taizé sind im Katalog ebenso vertreten wie Musik des Mittelalters und der Renaissance. Mit diesem Repertoire gilt Christophorus heute als eines der wichtigsten unabhängigen Labels auf dem internationalen Klassikmarkt.


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