> > > Bach, Johann Bernhard: Ouvertüren
Sonntag, 22. April 2018

Bach, Johann Bernhard - Ouvertüren

Farbensprühend


Label/Verlag: Ricercar
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Jedes Mitglied der Bachfamilie ist eine Entdeckung wert: Hier nun kann Johann Sebastians Vetter Johann Bernhard Bach gehörig Eindruck machen, dessen vier Ouvertüren nicht weniger brillant gesetzt sind als die Johann Sebastians.

Angesichts der weitverzweigten Familie der Bachs und ihrer Verwandtschaftsverhältnisse lässt sich nicht so leicht der rechte Überblick behalten. Johann Bernhard Bach, dessen Ouvertüren Gegenstand dieser CD-Besprechung sind, war 1676 in Erfurt in die Familie von Johann Ägidius Bach, einem Vetter von Johann Sebastian Bachs Vater hineingeboren worden. Johann Bernhard Bach, vom neun Jahre jüngeren Johann Sebastian Bach als Taufpate von dessen 1715 geborenem dritten Sohn Johann Gottfried Bernhard eingesetzt worden, war als Organist in seiner Heimatstadt und später in Magdeburg tätig gewesen, und ab 1703 folgte er anlässlich des Todes seines Onkels Johann Christoph Bach auf den Organistenposten der Georgenkirche von Eisenach. Gleichzeitig wirkte er – wie zuvor Johann Christoph – als Musiker am Eisenacher Hof, zunächst als Cembalist, ab 1712 dann als Kapellmeister. Und in dieser Funktion folgte Johann Bernhard Bach am Hof von Johann Wilhelm von Sachsen-Eisenach Georg Philipp Telemann nach, der diese Stellung dort vier Jahre lang innegehabt hatte.

Vom Komponisten Johann Bernhard Bach hat sich nicht viel erhalten. Neben einigen Orgelchorälen und ein paar Stücken für Cembalo sind eben diese vier Orchesterouvertüren überliefert, um die es hier geht. Doch es ist sicher, dass Johann Bernhard Bach weit mehr Orchesterwerke, und eben gerade auch weit mehr solcher Ouvertüren im französischen Stil nach der Art Telemanns, seines einstigen Kapellmeisters der Eisenacher Hofkapelle, komponiert haben dürfte. Erhalten haben sich diese wenigen auf uns gekommenen Werke allein in Abschriften von Johann Sebastian Bach (und dessen Sohn Carl Philipp Emanuel), der diese wohl in den Konzerten des Leipziger studentischen Collegium musicum im Zimmermannschen Kaffeehaus, deren Leitung er 1729 übernommen hatte, aufgeführt hat.

Die Einspielung dieser vier Ouvertüren mit dem Ensemble L’Acherón überrascht zunächst einmal durch ihre ungemein reichhaltig gehaltene Instrumentierung mit einer abwechslungsreichen Vielzahl von Holzbläsern, die immer wieder zu den Streichern hinzutreten oder diese ersetzen. Man könnte meinen, die Eisenacher Hofkapelle habe über einen unglaublich üppigen Musikerstamm verfügen können, der wahrlich keinerlei Vergleich hätte scheuen müssen. Doch ganz so war es nicht. Francois Joubert-Caillet, der Leiter des Ensembles L’Acherón, hat da etwas nachgeholfen und die Lineatur der überlieferten vier Streicherstimmen mit den Bläserfarben von zwei Oboen sowie zwei Traversflöten (samt Piccolo!) und zwei Blockflöten ergänzt. Außerdem wird dieser Orchesterapparat mit Violone und Fagott, dazu noch mit Bassgambe (die spielt Joubert-Caillet selbst), mit Laute und gelegentlich Gitarre unterfüttert. Das ergibt dieses farbensprühende, elektrisierend anspringende Klangbild dieser Einspielung, das auf den Grundfesten eines üppigen Basses geerdet ist.

Die kompositorische Anlage von Johann Bernhard Bachs Ouvertüren, deren Textur das Ensemble L’Acherón voller Differenzierungsfreude nachzuzeichnen weiß, besticht durch Individualität und eigenständige musikalische Lösungen. Was die Satzcharaktere angeht, so wechselt Bach in der Aufeinanderfolge auf die einleitende französische Ouvertüre einfallsreich die Ausdrucksebenen und mischt auch freie musikalische Charakterstücke unter die Tanzsätze. Dies ergibt eine mitreißende und mitunter kontrastreiche musikalische Vielfalt, die noch gefördert wird durch eingeschobene Soloeinlagen wie auch durch kammermusikalisch geringstimmige Instrumentation.

Das Ensemble L’Acherón versteht sich auf eine artikulatorisch differenzierte und feinnervige Herangehensweise an die tänzerischen Charaktere, die (wie in der G-Dur Ouvertüre) auch einmal einen mehr volkstümlich gehaltenen derberen Einschlag annehmen kann. Die melodischen Linien werden geschmeidig ausgelotet, sie sind rhetorisch einfühlsam ausformuliert und getragen von agogischem Feingefühl. Die Instrumentalisten, die Solovioline wie auch die Vielzahl der Holzbläser, lassen in Tonschönheit und technischer Fertigkeit keinen Wunsch offen und bereichern die Satzfaktur in ungemein aparter und bezwingender Weise.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Bernhard: Ouvertüren

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ricercar
1
07.10.2016
EAN:

5400439003736


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Bach, Johann Bernhard


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Ricercar

Von Haus aus Musikwissenschaftler und Gambist (und hier immerhin Schüler von Wieland Kuijken), gründete der Belgier Jérôme Lejeune 1980 sein Label RICERCAR, das schnell zu einem der wichtigsten im Bereich der Alten Musik wurde. Das war nicht nur durch die musikwissenschaftliche Arbeit Lejeunes nahe liegend, sondern auch dem Umstand geschuldet, dass Belgien von je her zu den führenden Nationen im Bereich der historischen Aufführungspraxis gehörte. Die Künstler, die für RICERCAR aufnehmen bzw. aufgenommen haben, lesen sich ohne Übertreibung wie das Who-is-Who der Alten Musik-Szene: Hier machte zum Beispiel Philippe Herreweghe genauso seine allerersten Aufnahmen wie das Ricercar Consort, Jos van Immerseel oder Mark Minkowski (sowohl als Fagottist als auch als Dirigent). Zu den Künstlern und Ensembles, die derzeit dem Label verbunden sind, gehören so prominente Namen wie der Organist Bernard Foccroulle, die Sopranistin Sophie Karthäuser sowie die Ensemble La Fenice und Continens Paradisi. Nach wie vor bietet Lejeune dabei jungen Künstlern und Ensembles eine künstlerische Plattform und er beweist dabei stets ein besonders glückliches Händchen. Viele der nicht weniger als 250 Aufnahmen, die hier veröffentlicht wurden, waren klingende Lektionen in Musikgeschichte, die in mehrteiligen Reihen solche Themen wie Bach und seine Vorgänger, die franko-flämische Polyphonie oder Instrumentenkunde behandelten und so etwas wie zu einem Markenzeichen des Labels wurden. Das erstaunliche dabei war auch, dass nahezu alle Produktionen des Labels von Lejeune sowohl wissenschaftlich als künstlerisch und technisch betreut wurden.


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