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Montag, 24. September 2018

Venosa, Carlo Gesualdo de - 3. Madrigalbuch

Meisterhaft


Label/Verlag: Glossa
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine überzeugendere Präsentation dieser Musik ist im Grunde nicht vorstellbar, so delikat, so expressiv wird hier gesungen. Wunderbare Werbung für den Gesualdo vor dem chromatischen Exzess.

Carlo Gesualdo hatte in den mittleren 1590er Jahren zu einer neuen Phase in seinem Madrigalschaffen gefunden: Waren die kurz zuvor publizierten ersten beiden Sammlungen bei aller satztechnischen Souveränität noch deutlich konventionell, ist im dritten Madrigal-Buch, jetzt in einer spektakulären Neueinspielung von der Compagnia del Madrigale zur Diskussion gestellt, eine deutliche Weiterentwicklung zu beobachten. Das mag in Teilen den veränderten Umständen geschuldet sein: Gesualdo war nach dem sogenannten Ehrenmord an seiner ersten Frau eine zweite Ehe mit Eleonora d‘Este in Ferrara eingegangen – der Glanz des fürstlichen Namens sollte Ferrara für die Familie der Este vor den Begehrlichkeiten des Kirchenstaats retten, was schließlich misslang. Gesualdo war also aus einer sicher auch persönlich belastenden Vergangenheit aufgebrochen in ein zunächst neues Leben. Zudem begegnete er in Ferrara dem inspirierenden Komponisten Luzzasco Luzzaschi, dem er in einiger Anerkennung verbunden war. Diese Nähe forderte Gesualdo heraus, fachte seinen exploratorischen Mut an, lenkte ihn zu hörbaren Schritten in Richtung jener chromatischen Durchformung, die den beiden letzten Madrigal-Büchern so unverwechselbar Profil gibt. Den siebzehn Madrigalen des dritten Buchs eignet eine gewisse Schwere und Düsternis, doch ist ihr Satz durchaus noch als sehr verständlich zu bezeichnen, wirkt er unmittelbar fasslich – ein durchaus deutlicher Kontrast vor allem zu den Arbeiten des letzten Konvoluts. Aber auch hier überraschen Wendungen, die mit dem Üblichen brechen. Am Ende der Platte sind drei Madrigale von Zeitgenossen beigegeben: Bei aller Qualität, vor allem von Luzzaschi, wird im Kontrast deutlich, dass es bei Gesualdo keinerlei Schematismus gibt, nichts Formelhaftes, dass im Gegenteil alles konsequent einem klar gezeichneten expressiven Rahmen dient.

Beeindruckend

Es ist atemberaubend, wie souverän die Compagnia del Madrigale in den vergangenen Jahren mit einer beeindruckend umfangreichen und qualitätvollen Reihe von Produktionen die führende Position im Reich der Madrigalkunst übernommen hat. Alle Qualitäten, die schon früher bei Programmen mit Gesualdo, Monteverdi oder Marenzio zu hören waren, sind auch hier zu erleben: Klar profilierte Einzelstimmen verbinden sich zu einem beseelten Ganzen, das so lebendig singt und die Anmutung des Natürlichen, Selbstverständlichen pflegt, als wäre das gar nichts Besonderes – ästhetisch meint man eine einzige Stimme zu hören. Dabei sind es sämtlich Vokalisten von sehr eigenständigem Gewicht: Rossana Bertini und Francesca Cassinari im Sopran, die Altistin Elena Carzaniga, die Tenöre Giuseppe Maletto und Raffaele Giordani, schließlich der Bass Daniele Carnovich – alle erfahren in sehr verschiedenen Ensemble-Kontexten, dazu mit solistischem Potenzial, mit individuellem Charakter.

All das entfalten die Vokalisten der Compagnia sehr frei aus den Texten, versammelt zu bezwingenden musikalischen Gesten, in größter Gemeinsamkeit. Dynamisch wird ein Höchstmaß an Differenz realisiert: Wie da in feinsten Stufen das Mögliche ausgelotet wird, beeindruckt ungemein. Damit kontrastiert eine edel und geschmackvoll entfaltete Kraft. Ein Wunderwerk vokaler Kunst ist die Intonation: Keine einzige Note wird durch beiläufiges Singen gefährdet, alles wirkt durchgeformt, dezidiert, aber eben vollkommen selbstverständlich und nie demonstrativ oder vordergründig. Eine große Leistung.

Das Klangbild konzentriert sich deutlich auf das Ensemble und sein luzides Klangideal, wirkt plastisch und ist von hervorragender Balance, dabei lebendig und dringlich zugleich. Einmal mehr eine überzeugende Platte der Compagnia del Madrigale. Eine überzeugendere Präsentation dieser Musik ist im Grunde nicht vorstellbar, so delikat, so expressiv wird hier gesungen. Wunderbare Werbung für den Gesualdo vor dem chromatischen Exzess.



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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Venosa, Carlo Gesualdo de: 3. Madrigalbuch

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Glossa
1
07.10.2016
EAN:

8424562228061


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Venosa, Carlo Gesualdo da


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Glossa

Spaniens renommiertestes Klassiklabel wurde 1992 von Carlos Céster und den Brüdern José Miguel und Emilio Moreno gegründet. Sein "Hauptquartier" hat es in San Lorenzo del Escorial in den Bergen nahe Madrid. Zahlreiche herausragende Künstler und Ensembles aus dem Bereich der Alten Musik (z.B. Frans Brüggen und das Orchestra of the 18th Century, La Venexiana, Paolo Pandolfo, Hervé Niquet und sein Concert Spirituel u.v.a.) finden sich im Katalog des Labels. Doch machte GLOSSA von Anfang an auch wegen der innovativen Gestaltung und Produktionsverfahren von sich reden. Zu nennen wären hier die Einführung des Digipacks auf dem Klassikmarkt und dessen konsequente Verwendung, der Einsatz von Multimedia Tracks oder die Platinum-Serie mit ihrem avantgardistischen Design. Innerhalb der vergangenen knapp zwei Jahrzehnte konnte GLOSSA so zu einem der interessantesten Klassiklabels auf dem Markt avancieren. Zu verdanken ist dies nicht zuletzt auch dem Spiritus rector und Gesicht des Labels, Carlos Céster.


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