> > > Streichquartette: Werke von Krasa, Tansman und Krenek
Montag, 19. August 2019

Streichquartette - Werke von Krasa, Tansman und Krenek

Auf der Vorstufe zum Expressionismus


Label/Verlag: Gramola
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Als 'entartet' gebrandmarkte Musik lässt sich nicht eindeutig definieren. Nur eines ist gewiss: Komponisten, die dadurch in Vergessenheit geraten sind, zählen zu den Bedeutendsten ihrer Epoche.

1938 startete in Düsseldorf eine vom Naziregime initiierte Ausstellung. Der Titel ‚Entartete Musik‘ unterstrich die Eingrenzung und Konzentration auf ein Teilsegment dessen, was bereits seit 1937 nach dem Münchner Auftakt unter dem Titel ‚Entartete Kunst‘ als Wanderausstellung durch deutsche Städte zog. Als ‚entartet‘ wurde all das gebrandmarkt, was in das Konzept der neuen Machthaber nicht passte. Das bezog sich auf den Musikstil ebenso wie auf die Geisteshaltung, politische Orientierung und Religion der Künstler. Juden, Kommunisten, Monarchisten, Freigeister und Vertreter der Avantgarde sowie neuerer Musikformen wie dem Jazz wurden verfemt, verfolgt, vernichtet – und infolgedessen schon bald vergessen.

Seit 2005 läuft ein Forschungsprojekt an der Universität Hamburg, um verfolgte Musikerinnen und Musiker der NS-Zeit wieder in Erinnerung zu rufen. Auch Musiker widmen sich diesem Ziel. Dazu zählt das Adamas Quartett. 2003 gegründet gilt das Wiener Streichquartett nicht nur wegen seines überraschend früh zur Meisterschaft entwickelten persönlichen Stils als eines der interessantesten jungen Streichquartett-Formationen. Claudia Schwarzl (1. Violine), Roland Herret (2. Violine), Anna Dekan (Viola) und Jakob Gisler (Violoncello) proben immer wieder den Ausstieg aus eingefahrenen Bahnen an ungewohnten Auftrittsorten und machen sich zum Anwalt der Vergessenen.

Auf der jüngsten, bei Gramola erschienenen Einspielung geht es um Streichquartette von Hans Krása, Alexandre Tansman und Ernst Krenek, die zwischen 1921 und 1930 komponiert wurden und ab 1933 als ‚entartet‘ deklariert aus dem Musikleben verschwanden. Kaum, dass die ersten Töne erklingen, ist man mittendrin. Die vier Musiker verstehen es, aus einem einheitlichen Klang heraus minutiös und differenziert zu interpretieren. Ihr Augenmerk gilt den musikalischen Gesten, den Sinnzusammenhängen und Stimmungen, die sie in jedem Moment durchhörbar und so ineinander verwoben mitteilen, dass man tatsächlich davon überzeugt ist, hier agiere ein Künstler mit acht Armen. Die Musiker scheuen keine Extreme und stehen zum Wagnis einer sehr individuellen Ausdrucksform, die analytisch durchdrungen und selbst in den düstersten Passagen musikalisch hinreißend schön gestaltet wird und dadurch wahrhaftig überzeugt.

Zunächst erklingt das Streichquartett op. 2 des tschechischen Komponisten Hans Kràsa. 1899 als Sohn eines Anwalts in Prag geboren, scheint seiner musikalischen Laufbahn zunächst nichts im Weg zu stehen. Er lernt Klavier und Geige, wird Schüler von Alexander Zemlinsky und geht schließlich zu weiteren Studien bei Albert Roussel nach Paris. Mit der Uraufführung seiner Symphonie 1926 durch das Boston Symphony Orchestra unter Serge Koussevitzky in Zürich wird Kràsa über Nacht international bekannt. Wieder zurück in Prag bekommt er eine Assistenz an der Seite von Georg Szell. Dieser setzt sich auch für die Aufführung von Kràsas Oper 'Verlobung im Traum' ein. 1933 erhält Hans Kràsa den Tschechischen Staatspreis und zählt damit zu den ersten Komponisten seines Landes. Nach dem Überfall der Deutschen auf Polen wird Kràsa 1942 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Hier verfasst er aus dem Gedächtnis einen Klavierauszug seiner Kinderoper 'Brundibar', die Kindern das Leben im Lager erträglich gestalten soll. Gezielt nutzen es die Nazis für ihren Propagandafilm. Kràsa rettet dies jedoch nicht. Im der Nacht zum 16. Oktober 1944 wird er nach Ausschwitz deportiert und noch in der Nacht in der Gaskammer ermordet.

Früh erworbene Reife und kompositorisches Können bestimmen sein Streichquartett op. 2, 1923 in Paris uraufgeführt. Es ist von einem expressiven Musikstil geprägt, der sehr an Leos Janaceks Streichquartette und an die erst viel später entstehenden Werke von Dimitri Schostakowitsch erinnern. Überraschend düster setzt Krása im ersten Satz 'Moderato' mit einem Motiv ein, das vom hell timbrierten Solo der ersten Violine überspielt, aber nicht übertönt wird. Als stünde das Werk noch unter dem Einfluss der zur gleichen Zeit entstandenen Orchestergrotesken führt er das Spiel der harlekinartig tänzelnden Violinmelodie in einen turbulenten Lauf, konterkariert von perkussiven Klängen und laut auftrumpfender Schrägheit, die in fahle Disparitäten mündet. Immer wieder taucht das Eingangsmotiv zwischen diesen wirbelnden Stimmungsbildern auf und bahnt sich seinen Weg durch ein engmaschig verwobenes, aber grundsätzlich polyphones Stimmengeflecht. Im zweiten Satz des Opus 2, das Krása dreiteilig anlegt, rührt er in seinem lustvollen Spiel mit Motiven aus der Ouvertüre der Oper 'Die verkaufte Braut' sowie dem Duett von Hans und Marie kunstvoll ironisch am ‚Heiligtum der Tschechen‘. Nach diesen lustvoll aufgepeitschten Turbulenzen überraschend wehmütig setzt der dritte Satz ein, ein 'Molto lento', in welchem zunächst aus hauchig intonierten Klängen eine Melodie emporsteigt. Mit zunehmend anschwellender Dynamik verdichten sich die Stimmen zu einem scharfen Nadelspitzentanz, um subito wieder in diese Fahlheit abzutauchen.

Als Alexandre Tansman 1930 sein 'Triptyque pour Quatuor ou Orchestre à cordes' komponierte, galt er neben Karol Szymanowski als bedeutendster polnischer Komponist seiner Zeit. Bereits drei Jahre zuvor hatte sich der 1897 in Łódź geborene Sohn eines Großindustriellen mit Koussevitzky und dem Boston Symphony Orchestra auf seine erste USA-Tournee begeben. Er trat als Solist seines Zweiten Klavierkonzerts auf und erhielt Kompositionsaufträge, u.a. das 'Triptyque' in zwei Fassungen: für Streichquartett und für Orchester. Es entstand im Auftrag der berühmten amerikanischen Mäzenin Elisabeth Sprague Coolidge für die Kammermusikreihe der Library of Congress in Washington. Die Uraufführung dieses Auftragswerks erfolgte jedoch in Tansmans Wahlheimatstadt Paris am 26. Oktober 1931. Die US-amerikanische Erstaufführung fand knapp zwei Monate später, am 23. Dezember 1931 in der Carnegie Hall mit der New Yorker Philharmonic Society unter Vladimir Golschman statt. 1932 und 1933 folgten weitere Welttourneen. Als die Deutschen 1940 Frankreich besetzten floh Tansman über Umwege in die USA. Hier arbeitete er hauptsächlich in der Filmindustrie, wurde sogar 1946 bei der Oscarverleihung für die beste Filmmusik nominiert. Nach dem Krieg kehrte er nach Paris zurück, komponierte und trat als Pianist auf bis zu seinem Tod am 15. November 1986.

Das 'Triptyque' entspricht in der Anlage einer dreisätzigen Sonate (schnell–langsam–schnell) im Stil zwischen französischem Neoklassizismus und Neobarock. Es basiert auf einer klar strukturierenden Harmonik, die durch chromatische Läufe nervös aufgebrochen wird. Dem von aufpeitschender Rasanz geprägten 'Allegro risoluto' folgt ein meditatives, zum Teil nach den Regeln der Bachschen Fugentechnik angelegtes 'Andante'. Der Satz ist bestimmt von herrlichen Kantilenen und einer sanft satten Klangdichte. Mit maschinell gleichförmig gepeitschten motorischen Motiven setzt sich das 'Presto' zum vorangegangenen Satz in starkem Kontrast ab, wird aber sofort geradezu gewaltsam durch ein 'Andante cantabile' zur Ruhe gebracht, um schließlich im 'Lento' geradezu feierlich auszuklingen.

Ernst Krenek wurde 1900 als Sohn eines k.u.k.-Offiziers böhmischer Herkunft in Wien geboren. Er studierte bei Franz Schreker und lernte alle großen Komponisten seiner Zeit kennen. 1933 wurden seine Werke als ‚entartet‘ verboten. 1938 emigrierte er in die USA. Als er 1991 in Palm Springs als US-amerikanischer Komponist österreichischer Herkunft starb, hinterließ er rund 240 Werke als Beispiel stilistischer Universalität. Wie kein anderer repräsentiert er in diesem reichen Schaffen die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts. Mit seinen acht Streichquartetten dokumentiert er die Entwicklung seines Kompositionsstils. Am Ende von einem Personalstil zu sprechen gelingt aber nur, wenn man eben diese stilistische Universalität, geboren aus einer nie müden Experimentierfreude, als solchen definieren wollte.

Sein Streichquartett Nr. 5 trägt, obgleich gekennzeichnet als op. 65, alle Kennzeichen eines Übergangswerkes in einer Zeit, in welcher er kompositionstechnisch betrachtet gerade eine neoromantische Phase hinter sich hatte und die Zwölftonmusik Arnold Schönbergs eingehend studierte. Krenek selbst spricht von einer ‚Schubert-Atmosphäre‘, die den großen Bogen vorgibt und dennoch neuere Töne anklingen lässt. Energiegeladen startet Krenek im 'Allegro'. Die Sonatenform gibt die klassische Klammer vor. Einzelne Motive folgen dem lieblichen romantischen Duktus und scheinen Töne vorerst auszutreiben, sie sich witzig dazwischen mischen. Überaus apart mutet der gezupfte Zwischenteil, dem ein neuerlicher Versuch folgt, sich traditionellen Bahnen zu entziehen. Im zweiten Satz, einem Thema mit zehn Variationen, folgt der kreative Ausstieg im lustvollen Spiel mit dem Basismaterial. Überraschend und um so dramatisch wirkungsvoller bedient sich Krenek zur Einstimmung seiner im Verlauf ausufernden Phantasie einem Zitat aus Monteverdis 'Lamento d‘Arianna'. Was folgt, kann man als von Zusammenhängen losgelöste Spielwiese definieren, die bei allem Streben nach expressionistischem Anklang doch konsequent romantisch bleibt.

Hinweise im zweisprachig (deutsch/englisch) gefassten Booklet zu Komponisten und Werk geben einen ersten Einblick in das Leben der drei Komponisten und versuchen Zusammenhänge zwischen ihrer Lebensgeschichte herzustellen. Eher spärlich fallen die Werkerläuterungen aus. Dem musikalisch und interpretatorisch überzeugenden Adamas Quartett ist erfreulicherweise umfangreicher Platz eingeräumt, um den Werdegang des jungen Ensembles aufzuzeigen.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Streichquartette: Werke von Krasa, Tansman und Krenek

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Gramola
1
28.10.2016
Medium:
EAN:

CD
9003643991095


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Krenek, Ernst
Tansman, Alexandre


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Gramola

Gramola wurde im Jahr 1924 als Detailgeschäft und Vertrieb der beiden englischen Plattenlabels „Gramola“ und „His Master’s Voice“ gegründet. Durch den damaligen Vertrieb dieser Labels ist eines der ganz wenigen, weltweit noch existierenden Originalbilder des legendären, der Stimme seines Herrn lauschenden Hundes „Nipper“ noch heute im Geschäft zu besichtigen. Das Unternehmen ist heute das älteste Tonträgergeschäft Österreichs und arbeitet inzwischen als Familienbetrieb in der fünften Generation. In internationalen Rankings um das beste Klassikfachgeschäft der Welt nahm Gramola mehrmals Spitzenränge ein. Das denkmalgeschützte Geschäftslokal in Wien am Graben wurde nach einem Jugendstilentwurf von Dagobert Peche in den frühen Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts erbaut.

Vor etwa 10 Jahren wurde bei Gramola die Produktion von Klassik-CDs wieder aufgenommen und konnte seither durch seine international vielfach ausgezeichneten Produktionen den allerhöchsten Qualitätsstandard österreichischer Musikschaffender nachdrücklich unter Beweis stellen. Gramola-CDs sind inzwischen in allen klassikinteressierten Ländern zwischen Tokyo und New York zu haben. Ergänzt wird das Gramola-Angebot durch ein Webshop, das rund um den Kalender bereitsteht, Kundenwünsche auch außerhalb regulärer Ladenöffnungszeiten zu erfüllen.


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