> > > Beethoven, Ludiwg van: Klaviersonaten und Klavierkonzerte
Freitag, 24. März 2017

Beethoven, Ludiwg van - Klaviersonaten und Klavierkonzerte

Durchbrechung der Schallmauer


Label/Verlag: Profil - Edition Günter Hänssler
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Jeder, der bis jetzt noch nicht in den Genuss der Beethoven-Deutung von Sviatoslav Richter gekommen ist, sollte bei dieser neu erschienenen 12-CD-Box zugreifen.

Der russische Pianist Sviatoslav Richter gilt für nicht wenige als der vielleicht größte Pianist des 20. Jahrhunderts. Insofern ist es für jeden Beethoven-Freund geradezu ein Muss, sich mit seiner Deutung der Beethoven‘schen Klaviermusik näher auseinanderzusetzen. Das Label Profil Edition widmet Richter nun ein 12-CD-Set, in dem vor allem die stürmischen Interpretationen seiner jungen Karriere dokumentiert werden. Die Beethoven-Box reicht hierbei von Klaviersonaten und Konzerten über Klaviervariationen bis hin zu Bagatellen und Cellosonaten. Ausgewählt wurden nicht nur auf dem Plattenmarkt bereits vorhandene Einspielungen, sondern ebenfalls eine erstmalig offizielle Veröffentlichung von vier Klaviersonaten, erklungen bei einem Moskauer Konzert im Jahr 1947, darunter auch die so berühmte ‚Pathétique‘. Für jeden, der sich bereits näher mit der Beethoven-Interpretation von Richter beschäftigt hat, werden diese Mitschnitte zwar nicht wirklich Neues zu erzählen haben; die im gewohnt charismatisch temperamentvollen Duktus erklingenden Interpretationen des jungen Richter werden dadurch aber in ihrer Qualität wahrlich nicht geschmälert.

Am Beispiel Richters wird deutlich, was eine wirklich mitreißende Deutung der Beethoven-Sonaten ausmacht – die perfekte Balance zwischen beeindruckender technischer Virtuosität und einer höchst anspruchsvollen Ausdrucksvielfalt. Letztere geht nicht selten in den oft viel zu kontrolliert wirkenden Interpretationen der heutigen Zeit verloren. Richter überbrückt die technischen Anforderungen mit einer beeindruckenden Leichtigkeit, sodass stets genügend Konzentration für die musikalische Expressivität bleibt.

Con sorpresa

Dies lässt sich bereits in der schonungslosen Aggressivität erkennen, mit welcher der Pianist in jeden Fortissimo-Schlag geht. So rüttelt Richter in den langsamen Einleitungen der ‚Pathétique‘ oder auch der sogenannten ‚Appassionata‘ mit solch dynamischen Kontrasten auf, dass sich selbst der erfahrene Kenner zu erschrecken droht. Dabei ist die Dynamik bei Richter keineswegs dramatische Selbstinszenierung, sondern jederzeit mit einer interpretatorischen Idee verknüpft. Im 'Andante' der Sonate Nr. 10 in G-Dur op. 14 Nr. 2 betont Richter den musikalischen Witz am Ende des Satzes, indem er den dynamischen Wechsel der Schlusskadenz vom Pianissimo ins Fortissimo mit aller erdenklichen Härte hervorhebt. Das gleiche Fortissimo wird am Ende des Kopfsatzes der Sonate Nr. 11 in B-Dur op. 22 nach einem ähnlich drastischen Dynamikwechsel vom Piano ins Fortissimo sehr viel schonender aufgebaut. Was in der G-Dur-Sonate noch als musikalischer Witz verstanden wurde, ist in der B-Dur-Sonate ein sehr viel expressiverer Moment. Zugleich wird hierdurch der offene Gestus gewahrt, da dem Fortissimo-Schlussakkord anders als in der G-Dur-Sonate nicht ein kurzer und leichter Schlusssatz, sondern drei umfassendere Sätze folgen.

Doch nicht nur Richters brutale Fortissimo-Schläge, auch sein Umgang mit dem Tempo kann in vielerlei Hinsicht als extrem bezeichnet werden, obgleich die Tempoauslegung ebenfalls stets die interpretatorische Zielsetzung im Auge behält. So wählt der Pianist in der ‚einfachen‘ G-Dur-Sonate op. 49 Nr. 2, welche von Beethoven gezielt für den Klavieranfänger konzipiert wurde, ein sehr konstantes und wenig spektakuläres Einheitstempo, wohingegen die zahlreichen variierenden Tempobezeichnungen im Schlusssatz der As-Dur-Sonate op. 110 in einer fast schon überakzentuierenden Weise ausgelotet werden. Eine solche Tempoüberzeichnung würde sich in dieser Weise heute vermutlich kein Pianist mehr zutrauen, geschweige denn in derselben beständigen Organik überhaupt zusammenhalten können.

Presto ma troppo

Die Schlusssätze stehen bei Richter derweil im Zeichen des dramaturgischen Höhepunktes, womit nicht selten das Ganze in einen einzigen Sturmlauf mündet. Das beeindruckendste Beispiel ist in diesem Fall mit Abstand der Schlusssatz der ‚Appassionata‘. Das irrwitzige und selbst für den so virtuosen Richter unspielbare Tempo folgt dabei einer dramaturgischen Idee des ständigen Überbietens. Beethoven macht am Anfang des Allegro-Satzes mit dem Zusatz ‚ma non troppo‘ deutlich, dass er in Anbetracht der beständigen 32tel-Läufe zwar ein schnelles Tempo im Sinn hatte, zugleich aber der Temposteigerung eine sehr entscheidende Bedeutung zuwies und erst der genialen Coda ein wirkliches 'Presto' vorschrieb. Richter geht mit seinen technischen Möglichkeiten überhaupt nicht ‚ma non troppo‘ ans Werk, wohlwissend, dass eine Temposteigerung in seinem Fall dennoch möglich ist. Eine Wiederholung wird dann konsequenterweise zum Anlass genommen, das ohnehin schon absolut hohe Tempo aufs Neue zu beschleunigen. Der Versuch, die Schallmauer zu durchbrechen, mag sicherlich nicht jedem Hörer gefallen; dennoch ist diese Art, Beethoven an den Rand des Spielbaren und darüber hinaus zu bringen, als Hörerfahrung ungemein elektrisierend.

Historisch wertvoll

Die CD-Edition ist letzten Endes nicht nur aufgrund von Richter ihren Kauf wert, sondern auch wegen der anderen mitwirkenden hochkarätigen Musiker. So kann man beim Dritten Klavierkonzert in c-Moll op. 37 in den Genuss eines ‚Espressivo-Dirigenten‘ wie Hermann Abendroth kommen oder sich in den Cellosonaten am brillanten Spiel von Mstislav Rostropovich erfreuen. Die Einspielungen sind demnach auch in diesem Sinne als historisch wertvoll einzuordnen.

Dass die Box etwas instabil und die CDs nur in Papierhüllen und nicht in den gewohnten Pappschachteln präsentiert werden, kann ebenso wie die Tatsache, dass die Mitschnitte in Anbetracht ihres Alters keine überragende Klangqualität mit sich bringen, den inhaltlichen Wert der Aufnahmen in keiner Weise mindern. Für Musikliebhaber, die Sviatoslav Richters Beethoven-Interpretation noch nicht kennen, ist dieses Set dementsprechend geradezu ein Muss. Der Kenner wiederum erfreut sich nicht nur an den neuen Moskauer Mitschnitten, sondern wird sicherlich ebenso aufs Neue in den Bann von Richters einzigartigem Spiel gezogen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Beethoven, Ludiwg van: Klaviersonaten und Klavierkonzerte

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Profil - Edition Günter Hänssler
12
28.10.2016
EAN:

881488160307


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Beethoven, Ludwig van


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Profil - Edition Günter Hänssler

Profil - The fine art of classical music
EDITION GÜNTER HÄNSSLER - EIN LABEL MIT "PROFIL"
Bei der Gründung seiner "EDITION GÜNTER HÄNSSLER" und dem neuen Label "PROFIL" betrat Produzent Günter Hänssler, der ehemalige Chef des erfolgreichen Labels Hänssler Classics, mit einer ganz klaren Philosophie und Zielsetzung den Klassik-Markt:
"Nur ein Label mit einem klaren PROFIL, mit einem eindeutigen Wiedererkennungseffekt hat heute noch eine Chance auf dem heiß umkämpften CD-Markt - um die Liebhaber klassischer Musik heute mit einem Produkt zu überzeugen braucht man Originalität, Innovation und optimierte Vertriebswege."
Der Name PROFIL ist Programm. Günter Hänssler denkt in Serien. Nur groß angelegte Projekte haben heute noch eine Chance, sich nachhaltig auf dem Markt wiederzufinden. So entstanden international hoch gepriesene und mehrfach mit internationalen Preisen ausgezeichnete Editionen wie die EDITION STAATSKAPELLE DRESDEN oder die GÜNTER WAND EDITION.
Die Repertoire-Politik ist charakteristisch. Eine Auswahl erster internationaler Künstler finden sich im Programm von PROFIL ebenso wieder wie erfolgreiche Newcomer der Klassikszene, darunter das mehrfach preisgekrönte Klenke-Quartett, das in der Interpretation von Kammermusik in den letzten Jahren neue Maßstäbe setzen konnte.
Ergänzt wird das Repertoire durch ausgewählte, digital aufwendig restaurierte historische Aufnahmen, Interpretationen von legendärem Ruf in neuer, bisher nicht gekannter digitaler Klangqualität. Auf diese Weise schlägt PROFIL die Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart und versteht sich so auch als Bewahrer musikalischer Traditionen.
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