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Montag, 20. Mai 2019

Beethoven, Ludiwg van - Sämtliche Sinfonien

Who needs another cycle?


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Philippe Jordan und das Orchestre de l'Opéra national de Paris bereichern den Plattenmarkt durch einen gelungenen und zeitgemäßen Beethoven-Zyklus; revolutionierend ist das Unterfangen am Ende allerdings nicht.

Auf die Fragen ‚Why another cycle? Who needs another cycle?‘ hat der Dirigent Paavo Järvi im Zuge seines Sinfonie-Zyklus mit dem klaren Statement geantwortet: ‚We will always need another cycle of Beethoven symphonies!‘ Mit dieser Erwiderung wird einem kritischen Rezipienten vielleicht nicht unbedingt die Skepsis genommen; gleichwohl kann die Beethoven-Interpretation von Paavo Järvi und der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen aus der jüngeren Vergangenheit als Beleg dafür herangezogen werden, dass es nach wie vor möglich ist, die oftmals gehörten Sinfonien in ein neues Licht zu rücken. Insofern kann der vorliegende Zyklus unter dem Orchestre de l’Opéra national de Paris und Philippe Jordan durchaus seine Berechtigung besitzen. Zum einen aufgrund der bloßen Tatsache, dass bisher weder das Pariser Opernorchester noch ihr junger Generalmusikdirektor auf dem Plattenmarkt präsent sind. Zum anderen da anhand vorliegender Videomitschnitte eine These wie die oben zitierte von Järvi ausführlicher erörtert werden kann. Ist es demnach immer noch sinnvoll, aufwendige Neuproduktionen der Beethoven-Sinfonien in der heutigen Zeit zu legitimieren?

Mensch statt Gott

Philippe Jordan geht es bei seiner interpretatorischen Ausrichtung, wie er im Interview deutlich macht, darum, einer Mystifizierung Beethovens entgegenzuwirken – nicht der Musik-Heros, der ‚Gott‘, sondern der Mensch Beethoven soll ins Zentrum der Interpretation rücken. Dies verlangt eine kleinere Orchesterbesetzung, die Beethovens teils sehr schnellen Metronomangaben besser zu realisieren vermag. Das Bemühen um eine adäquate zeitgemäße Deutung von Beethovens Musik ist anerkennenswert. Aber gab es das nicht schon? Und hier wäre man erneut bei Paavo Järvi. Dessen kammermusikalische Neuausrichtung der Sinfonien ist scheinbar auch Jordan nicht entgangen, wenn man teilweise sogar exakte interpretatorische Parallelen in der Siebten Sinfonie wiederfindet. So entscheidet sich Jordan ebenso für einen nahtlosen Übergang vom ersten in den zweiten Satz aufgrund von Beethovens ungewöhnlicher Konzeption, den langsamen Satz mit Quartsextakkord anzufangen. Der Schweizer zielt zudem auf eine ausgesprochen hohe Präzision und steht dem Vorbild Järvi in seiner Akribie um glasklares Zusammenspiel in nichts nach. Das Hauptmotiv im ersten Satz der Fünften Sinfonie erklingt kontrolliert wie ein Uhrwerk, sein Durchwandern der Instrumentengruppen ist geradezu lehrbuchmäßig realisiert – vorbildlich, um einem Einsteiger Beethovens Komposition klanglich zu vermitteln.

Die lupenreine Präzision stellt dabei allerdings noch keine Grundlage für wirklich elektrisierendes und organisches Musizieren miteinander im Orchester dar. Auch zu Beginn der Neunten Sinfonie lässt Jordan die Sextolen in der Streicherbegleitung mit solcher Klarheit herauskommen, dass sich ein Dirigent wie Wilhelm Furtwängler heute vermutlich fragen würde, warum er sich seinerzeit über Arturo Toscaninis Eröffnung der Sinfonie so echauffiert hatte. Dem Ansatz Furtwänglers, diesen Beginn wie einen nebelartig flirrenden Schleier zum Leben zu erwecken, setzt Jordan eine rhythmisch klar verständliche Begleitung entgegen. Dies kommt zwar seiner strukturbetonten Deutung entgegen, wirkt allerdings auch sehr kalkuliert und kann einem Vergleich mit der Sogwirkung ‚großer‘ früherer Interpretationen kaum standhalten. Ebenfalls verwunderlich sind die hier und da auftretenden Possen des Dirigenten. Jordan selbst gibt im Interview zu verstehen, dass es eine wichtige Aufgabe des Dirigenten sei, auf Gesten zu verzichten, welche auf reine Äußerlichkeiten zielen. Doch sind die Faust an den Enden der Sinfoniesätze oder gar – viel verwunderlicher – der Fingerzeig ins Orchester am Ende der Neunten Sinfonie wirklich sinnvolle Zeichen oder nicht doch effekthascherische Showeinlagen?

Pastoraler Höhepunkt

Gleichwohl hat der vorliegende Zyklus seine Stärken und Vorzüge. Das souveräne und tadellose Spiel des Orchesters wie auch die hörbare Motivation der Musiker können zweifellos zahlreiche Vergleichseinspielungen in den Schatten stellen. Den größten Eindruck hinterlässt am Ende die ‚Pastorale‘. Hier ist die Transparenz im Orchester nicht nur Selbstzweck, sondern eröffnet sinnvoll Beethovens instrumentatorische Farbvielfalten zur lautmalerischen Vertonung der ländlichen Atmosphäre. Die perfekte Balance zwischen Liegetönen in den Bläsern und Achtelfigurationen in den Streichern in der Durchführung des Kopfsatzes lässt Beethovens Verarbeitung der Themen in einer selten gehörten Deutlichkeit nachvollziehen, sodass man als Zuhörer den Atem anhält.

Hinzu kommt auf produktionstechnischer Seite eine vom Label Arthaus bestens realisierte Bluray-Edition, welche sowohl in Bild- als auch Tonqualität absolut gelungen ist. Ergänzt wird das Ganze durch ein informatives Booklet sowie den Dokumentarfilm ‚Philippe Jordan – Geboren zum Dirigieren‘. Die Edition sei daher nicht nur den Fans von Jordan empfohlen, sondern kann all denjenigen ans Herz gelegt werden, welche noch nicht im Besitz einer visuellen Aufzeichnung der Beethoven-Sinfonien sind und besondere Präferenzen für eine strukturelle Durchleuchtung der Musik haben.

Just another cycle

Insgesamt ordnet sich die Einspielung in eine große Reihe an Konkurrenzmitschnitten ein, an deren Spitze sie am Ende jedoch nicht bestehen kann, zumal Jordans vermeintliche Neuerungen in der jüngeren Vergangenheit bereits vorweggenommen wurden. Was bleibt, ist ein gelungener, aber nicht wirklich revolutionärer Beitrag zur Beethoven-Diskographie – zufrieden können das Orchester und Jordan allemal sein. Ob sich in einigen Jahren allerdings jemand an diesen Zyklus erinnern wird, oder ob man nicht doch lieber auf die traditionellen Deutungen von Furtwängler, Klemperer, Karajan und viele andere Dirigentengrößen oder ebenso bedeutsame Zyklen von Gardiner und Harnoncourt zurückgreifen wird, ist eine andere Frage. Die ganz große ‚another cycle‘-Interpretation liegt mit dieser Aufzeichnung noch nicht vor.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Beethoven, Ludiwg van: Sämtliche Sinfonien

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arthaus Musik
3
30.09.2016
EAN:

4058407092490


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Beethoven, Ludwig van


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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