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Montag, 18. Oktober 2021

Schubert, Franz - Impromptus & Moments musicaux

Das Kanonisierte frisch und gut erzählt


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


So durchdacht und spannend, wie die altbekannten Impromptus op. 90 und 'Moments musicaux' in dieser Neuaufnahme daherkommen, ist an Lars Vogts Treue zum romantischen Kernrepertoire überhaupt nichts auszusetzen.

In der bereits historischen Klavier-Konkurrenz gibt es die vier Impromptus op. 90 (D 899) und die 'Moments musicaux' natürlich in vielfältigsten Belichtungen, in gewissermaßen selbst wieder kanonisierten Variationen: höchst virtuos und zugleich schmerzlich expressiv etwa aus der russischen Klavierschule mit Sofronitzky oder Svjatoslaw Richter, oder höchst poetisch mit viel Sinn für Klavierfarben mit dem Rumänen Radu Lupu. Zu den geläufigen Referenzen gehört zudem auch eine ebenso breite und beeindruckende deutsch-österreichissche Traditionslinie, die schon mit Artur Schnabel (Opus 90 aus dem Jahr 1950), Rudolf Serkin (in Amerika für CBS) und Wilhelm Kempff bis heute Aufmerksamkeit verdient: In Kempffs ‚klassischer‘ Einspielung der (acht) Impromptus von 1966 für die Deutsche Grammophon dürfte etwa der im Es-Dur-Impromptu (op. 90 Nr. 2) brutal, scharf akzentuiert in die schönen Geläufigkeiten hereinbrechende Kampfesmut immer noch gleichermaßen verstören und imponieren. Und jüngst hat Kempffs Schüler Gerhard Oppitz im Opus 90 der Folge 6 seiner Schubert-Gesamtschau (2011 bei hänssler classics, Aufnahme schon 2007) sein gelegentlich noch stürmischer aufbrausendes Temperament als individuelles Medium forcierter Ausdrucksvermittlung vorgeführt (wobei das eindrucksvolle spieltechnische Niveau durch die den ganzen Zyklus eintrübenden aufnahmetechnischen Defizite leider stark konterkariert wird).

Lars Vogt gilt hingegen als eher ziemlich bedachter, kontrollierter Vertreter der inzwischen ‚mittleren‘ deutschen Pianistengeneration. Passend zum eleganten Schwarzweiß-Stil (mit dezenter Betonung einer weiteren Grundfarbe) seiner aktuellen Aufnahme-Serie beim finnischen Label Ondine – produziert wurden die Aufnahmen in hervorragender Klangqualität beim Deutschlandfunk in Köln – geht es Vogt nach Brahms und Bach auch bei Schubert um eher unauffällig feine, genaue Kontrastzeichnungen in jedem einzelnen Stück, die bei konzentriertem Hören aber umso mehr als große Qualität der Interpretation auffallen.

Selten hat instrumentaler Schubert so singend ‚gesprochen‘

Schon das Eingangsstück, das 'Allegro molto moderato' op. 90 Nr. 1 in c-Moll, besitzt ein klares Klang- und Formkonzept: Der erste Durchlauf des Themas als marschartiger, aber noch etwas statischer ‚Satz‘ (gemäß fast noch zeitgenössischer Theorie bei A. B. Marx) wirkt noch vorsichtig ‚formuliert‘ auf der Suche nach der richtigen Diktion instrumentalen Phrasierens. Der Status des deutlichen Selbstbewusstseins in den Fortissimo-Sentenzen wird durch die sorgfältigen dynamischen Rücknahmen und die Überführung in die fließende Begleitung der ersten Themenvariante ergänzt, wo das liedhafte Material im Gegenteil zum starren Anfangssatz nun seinen offeneren, mit neuen Episoden gewürzten ‚Gang‘ zu nehmen beginnt. Lars Vogt gelingt es, den Formprozess tatsächlich als eine faszinierend inszenierte klangliche Geschichte zu vermitteln. Die Steigerungen bleiben dabei allerdings weiterhin höchst kontrolliert, es gibt keine selbstorientierten virtuosen Eskapaden und expressiven Ausbrüche wie in vielen Konkurrenzaufnahmen, sondern eine gewissermaßen objektive ‚auktoriale‘ Version der musikalischen Handlung, in der Vogt wie ein Kameramann den Blick auf die Details wie den großen Bogen, das Klang-Panorama, zu lenken versteht.

Vier Impromptus mit fast sonatenhafter Kohärenz gestaltet

Dieser Perspektivierung folgt die ganze vierteilige Anlage des genialen Impromptu-Zyklus Opus 90. Zunächst ein tänzerisch-bewegtes 'Allegro', dem Vogt anfangs die passende chopineske idyllische Walzer-Entspanntheit verleiht, bevor sie mit den rhythmisch hier schön gegenläufig gesetzten Akzenten vom drängenderen Mittelteil unterwandert wird. Dann das gerne als ‚verträumt‘ verharmloste Ges-Dur-Wunschkonzertstück, hier richtig leise gehalten als eine Art Gebet, dessen ‚Gesang‘ durch Vogts sorgfältige, pointierte Phrasierung ganz und gar plastisch zum musikalischen Sprechakt voller emotionaler Tiefe wird. Und im Finalstück besitzt die im Fallen jäh, aber sanft aufgehaltene Hauptfigur mal die Leichtigkeit, aber auch mal die Penetranz, um die verknüpften Veränderungen der Eingangsszenerie bis zum tröstlichen Gegenthema am Laufen und in Spannung zu halten. Selten hat dieser Zyklus so in sich geschlossen, so sonaten- und dramenhaft gewirkt.

Auf der Suche nach dem musikalischen Moment

Gut, dass nach solch konzentriertem Spielen und Hören dann in der Dramaturgie dieses Tonträgers sechs 'Deutsche Tänze' als eingeschobene Miniaturen folgen, in denen wiederum gerade das Detail des Liedsatzes, jeder sich verändernden Phrasierung und rhythmischen Akzentverschiebung als Nahaufnahme fast unmittelbar präsent erscheint. Lars Vogt erlaubt sich durchaus deutliche agogische Eingriffe, um in der sprachhaften Melodie-Bogenbildung wie ein Redner auch mal zu verlangsamen, ja innezuhalten, ein Gefühl für die Weite und Breite der Ausdrucksmöglichkeiten schon im Kleinen zu vermitteln. Und in den abschließenden sechs 'Moments musicaux' (Opus 94 D 780) wird das dann wieder in größeren Formaten vorgeführt: Vogt verfügt über faszinierende Mittel der musikalischen Rhetorik, so dass man ihn fast als einen Fischer-Dieskau der lyrischen Klavierkunst adeln möchte (dem in solcher Hinsicht oft stark überschätzten Alfred Brendel ist Vogt meines Erachtens klar überlegen).

Das in Werk und Auffassungen einführende Gespräch Vogts mit Friederike Westerhaus ist lesenswert (englisch und deutsch). Hinsichtlich klanglicher Prägnanz und zugleich dramaturgischer Geschlossenheit der Einzelstück- und Zyklus-Darstellungen gehört diese Interpretation des engsten ‚romantischen Kanons‘ unbedingt in den interpretatorischen Kanon.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schubert, Franz: Impromptus & Moments musicaux

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
1
14.10.2016
Medium:
EAN:

CD
761195128527


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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