> > > As Dreams: Werke von Norgard, Lachenmann, Janson, u.a.
Donnerstag, 23. Mai 2019

As Dreams - Werke von Norgard, Lachenmann, Janson, u.a.

Klangsinnliche zeitgenössische Chormusik


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Norwegische Solistenchor glänzt mit einer neuen Veröffentlichung, die ausgewählte Werke aus den vergangenen fünf Jahrzehnten zu einer musikalischen Umkreisung des Themas Traum verbindet.

Diese Produktion des schwedischen Labels BIS, thematisch das Sujet des Träumens umkreisend, ist ein zweifaches Plädoyer für das zeitgenössische Musikschaffen. Zunächst einmal steht sie dafür ein, dass die Musik, die während der jüngst vergangenen Jahrzehnte europäischer Musikgeschichte entstanden ist, als Gesamterscheinung betrachtet werden muss, so divergierend sie in ästhetischer Hinsicht oder musikalischer Ausprägung auch sein mag: als unterschiedliche Facetten einer übergreifenden historischen Entwicklung, die einander in der Zusammenschau ergänzen und das jeweils Andere gerade durch Kontraste einem erweiterten Verständnis zuführen. Um diese Sicht der Dinge überzeugend vertreten zu können, bedarf es allerdings einer entsprechenden technischen Meisterschaft – womit wir beim zweiten Punkt angelangt wären: Der Norwegische Solistenchor, eine der führenden Kammerchorformationen Skandinaviens, gibt unter Leitung von Grete Pedersen mit der vorliegenden Programmauswahl nicht nur Einblicke in seine außergewöhnlichen Gestaltungsfähigkeiten, sondern überrascht, in einigen Stücken von Musikern der Oslo Sinfonietta unterstützt, auch dort durch einen extrem klangsinnlichen Zugang zur Musik, wo die eingespielten Werke eine Tendenz zum Geräuschhaften aufweisen.

Gerade die beiden aus dem Umkreis der Avantgarde stammenden Kompositionen, 'Consolation II' (1968) von Helmut Lachenmann und 'Nuits' (1968–68) von Iannis Xenakis, wirken aus diesem Grund wie Kristallisationspunkte, an welche das übrige, vorwiegend dem skandinavischen Raum entstammende musikalische Schaffen angelagert ist: Lachenmann zerlegt den seinem Werk zugrundeliegenden Text – das mittelalterliche Wessobrunner Gebet – in Sprachfragmente und macht diese zum Gegenstand von Vokalaktionen, die, vom Atem bis hin zum gesungenen Klangband, den Produktionsprozess von Klängen und das Werden sprachlicher Artikulation beleuchten. Die irritierenden Perspektivwechsel, die der Chor hier herausarbeitet, begegnen auch im Chorstück von Xenakis, wo – basierend auf Phonemen archaischer Sprachen wie dem Sumerischen und Assyrischen – die Sänger im energiereichen Aufeinanderprall von Registern, in der Formung von Impulsrhythmen und der glissandierenden Bewegung der Stimmen durch den Tonraum einen rauen, intensiven Klangrausch entfalten.

Gegenpositionen zu den hier greifbaren Auflösungstendenzen bieten beispielsweise die beiden Kompositionen von Per Nørgård: Seine Rilke-Vertonung 'Singe die Gärten, mein Herz, die du nicht kennst' (1974) hat der dänische Komponist ganz aus der vokalen Linie heraus erdacht, die er mit den Parts von acht Instrumenten zu einem filigranen Netzwerk aus polyphonen Bewegungen verbindet. Diesem von den Interpreten klar nachgezeichneten Klanggebilde steht mit dem jüngeren 'Drømmesange' für gemischten Chor und Schlagzeug (1981) ein Werk voller bewusst altertümelnder Tonalität gegenüber. Das als Fundament dienende Lied, von Nørgård ursprünglich für ein Hörspiel des Schriftstellers Finn Methling komponiert, erfährt eine Behandlung aus mehreren kompositorischen Perspektiven, was den Chor auf unterschiedliche Weise fordert und ihm – sowohl im Gesang als auch im abschließenden, ins vollklingende Piano zurückgenommenen Summen – die Möglichkeit bietet, sich als wunderbar geschlossenen Klangkörper zu präsentierten.

Von hier aus ist es nicht weit zu den tonalen Elementen, die der Norweger Alfred Janson bei der Vertonung eines Nietzsche-Textes in der Komposition 'Nocturne' für Doppelchor, zwei Violoncelli, Harfe und zwei Schlagzeuger (1967) heranzieht. In der selben Zeit wie die Werke von Lachenmann und Xenakis entstanden, bezieht das Stück seine Faszination gleichfalls aus dem Umgang mit den klanglichen Elementen der Sprache, findet dabei aber gänzlich andere Lösungen: Das Augenmerk liegt hier auf vokalen Klangbänder, die, gestützt von Cellotremoli, sich in unterschiedlichen Registern aufbauen und schließlich, nach einer von zischenden Beckenklängen begleiteten Flüsterpassage, auf eine finale Klangmassierung zustreben. Die Intensität, die der Norwegische Solistenchor beim Vortrag des Werkes erreicht, indem er dessen Hang zur Überwältigung unterstreicht, findet sich schließlich auch in den beiden Werken Kaija Saariahos, wobei in diesen zugleich die solistische Stimme größeres Gewicht hat.

Während die kurze Komposition 'Überzeugung' für drei Frauenstimmen, Krotales, Violine und Violoncello (2001, auf einen Text von Friedrich Hölderlin) von der Beschäftigung der finnischen Komponistin mit der Musik des Mittelalters zeugt und gelegentlich im Tonfall an Nørgårds 'Drømmesange' erinnert, changiert das ausgedehnte 'Nuits, Adieux' für gemischten Chor und vier Solisten (1991/96) mit seiner kompositorischen Lektüre von Texten Jacques Roubauds und Honoré de Balzacs in Bereichen von Klang- und Sprachbehandlung, die vielfach wie eine Synthese der unterschiedlichen Verfahren von Nørgård, Janson, Lachenmann und Xenakis anmuten. Durch Platzierung dieser Komposition am Ende der SACD zeigt sich besonders eindrücklich, wie sorgfältig die einzelnen Werke ausgewählt und in ihrer Abfolge aufeinander abgestimmt wurden. Dass dies alles auf höchstmöglichem musikalischem Niveau passiert, macht die Veröffentlichung zu einem wahren Juwel im Bereich zeitgenössischer Chormusik.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    As Dreams: Werke von Norgard, Lachenmann, Janson, u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
07.09.2016
EAN:

7318599921396


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Lachenmann, Helmut
Norgard, Per
Saariaho, Kaija
Xenakis, Yannis


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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