> > > Mozart, Wolfgang Amadeus: Sämtliche Klavierkonzerte Vol.11
Montag, 25. März 2019

Mozart, Wolfgang Amadeus - Sämtliche Klavierkonzerte Vol.11

Schwungvoll, aber fragwürdig


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Kölner Akademie unter Michael Alexander Willens und Ronald Brautigam spielen in ihrer letzten Folge mit Mozarts Klavierkonzerten gewohnt schwungvoll, einige Merkwürdigkeiten haben sich aber auf dieser Platte eingeschlichen.

Drei kräftige Akkorde der Kölner Akademie eröffnen die letzte Folge des Mozart Zyklus von Ronald Brautigam und Michael Alexander Willens, fast wie ein kleiner Fanfarenstoß. Doch für diese abschließende elfte Folge sind nicht etwa die großen, späten Klavierkonzerte Mozarts reserviert, die sind bereits früher veröffentlicht worden. Nein, ausgerechnet die vier frühen sogenannten Pasticcio-Konzerte haben sich Brautigam und Willens bis zuletzt aufgespart. Jene Werke KV 37 bis 41, die der elfjährige Mozart mithilfe des Vaters und nach bereits bestehenden Werken anderer Komponisten gestaltet hat.

Stilistisch sind diese Konzerte daher natürlich von seinen späteren Meisterwerken sehr verschieden, überaus charmant sind aber auch sie. Und die Interpreten widmen sich ihnen mit viel Schwung, musizieren mitreißend und frisch. Knackige und meist kurze Artikulation bei lebhaften Tempi, wenig oder kein Vibrato, kurze Kadenzen des Solisten, dazu sehr präzises Spiel, die Aufnahme macht also Spaß. Das 'Presto'-Finale des Konzerts D-Dur KV 40 etwa ist in der Hinsicht eine Wucht. Einen sehr guten Eindruck macht daher die neue Platte, obwohl es da einige Merkwürdigkeiten gibt.

Im Konzert B-Dur KV 39 spielen die Hörner eine Oktave tiefer als notiert. Die Stimme ist in der Neuen Mozart Ausgabe (NMA) mit ‚alto‘ gekennzeichnet, und die Bezeichnung der transponierenden Stimmen wurde laut dem kritischen Bericht aus dem einzigen Autograph übernommen. Hier spielen die Hornisten dennoch ‚basso‘. Es mag immerhin inzwischen andere Forschungsresultate geben oder die Interpreten haben sich ihren eigenen Reim darauf gemacht, das freilich erfährt man als Hörer nicht. Ein Motiv der Oboen jedenfalls beantworten die Hörner nun nicht in derselben Lage, sondern eine Oktave tiefer. Klanglich ist das nicht schlecht, nur wesentlich weniger auffällig. Anzumerken wäre, dass in anderen Aufnahmen die Hörner mal alto, mal basso spielen.

Eigenartig ist in diesem Konzert aber auch die Tempowahl. Grundsätzlich spielen die Interpreten immer rasch. Das betrifft die schnellen Ecksätze, in denen die Tempi schwungvoll wirken und Ronald Brautigam die Gelegenheit bieten, mit schnellen Läufen zu brillieren. Doch auch die Mittelsätze sind ziemlich rasch genommen, und im Konzert KV 39 ergibt sich daraus die Kuriosität, dass die Viertel im zweiten Satz, einem Vier-Viertel-'Andante', sogar schneller sind als im dritten, einem Zwei-Viertel 'Molto allegro'. Dieses Finale noch schneller zu nehmen, wäre kaum sinnvoll und würde schließlich auch an spieltechnische Grenzen stoßen. Im 'Andante' hingegen würde ein gemäßigteres Tempo die gerade in diesem Satz so zarte Schönheit wohl besser zur Geltung kommen lassen, das rasche Zeitmaß wirkt hingegen fast etwas lieblos.

Im Konzert G-Dur KV 41 gibt es vier verschiedene Notationen, die den Wert einer Viertelnote ausfüllen: erstens vier Sechzehntel, zweitens eine Achteltriole mit Vorschlag, drittens eine Achtel mit Vorschlag gefolgt von zwei Sechzehnteln (wie im berühmten türkischen Rondo). All diese Figuren werden hier gleich gespielt, nämlich als vier Sechzehntel. Dies entspricht sowohl der traditionellen Auffassung über die Ausführung von Vorschlagsnoten als auch den Anmerkungen in der NMA und der Umsetzung des Notentextes durch andere Interpreten, lässt aber die Frage offen, warum denn nicht alles gleich notiert wurde, wenn bei der Ausführung letztlich doch kein Unterschied gemacht wird. In letzter Zeit werden Vorschläge von vielen Interpreten aber nicht mehr derart angeglichen, und bei einer Neuaufnahme 2016, von Interpreten, die sich der aktuellen Mode entsprechend um eine besonders lebhafte Darstellung bemühen, überrascht ein so konventioneller Umgang mit den Vorschlägen schon, man hätte vielleicht eine andere Lösung erwarten können.

Schließlich, wie bei allen Folgen der neuen Gesamtaufnahme, der Hinweis auf das ‚falsche‘ Instrument. Ronald Brautigam spielt einen nachgebauten historischen Flügel, das Vorbild ist ein Johann Andreas Stein von 1788. Gut 20 Jahre zu jung ist dieses Instrument also. Hinzu kommt in diesem Fall, dass Mozart seine frühen Pasticcio-Konzerte wohl nicht für ein Hammerklavier, sondern für ein Cembalo schrieb, so ist die Stimme in der NMA und im Autograph bezeichnet. Nachdrücklich muss daher der Sinn einer Aufführung mit historischen Instrumenten angezweifelt werden, wenn dies ganz sicher nicht die historisch richtigen sind.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mozart, Wolfgang Amadeus: Sämtliche Klavierkonzerte Vol.11

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
07.09.2016
EAN:

7318599920948


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Mozart, Wolfgang Amadeus


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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