> > > Goetz, Hermann: Klavierkonzerte Nr.1+2 & Frühlingsouvertüre
Donnerstag, 21. Juni 2018

Goetz, Hermann - Klavierkonzerte Nr.1+2 & Frühlingsouvertüre

Guter Solist, prekärer Klang


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Davide Cabassi am Klavier beeindruckt mehr als das recht kompakt aufgenommene Magdeburger Orchester.

Die beiden Klavierkonzerte des früh verstorbenen ‚Hochromantikers‘ Hermann Goetz (1840-1876) sind keine aus dem nicht kanonisierten Fundus des 19. Jahrhunderts herausragenden Entdeckungen, aber auch nicht uninteressant in ihrer Zeit-Typik. Im zu Lebzeiten unveröffentlichten Studien-Gesellenstück, 1861 am Stern‘schen Konservatorium in Berlin präsentiert, nimmt Goetz klar auf Liszts knapp zehn Jahre ältere Vorbilder Bezug, sei es in der scheinbar durchkomponierten, wenn auch weniger zyklisch stringenten Anlage, sei es in den virtuosen Mustern schon des Eingangs und der durchaus abwechslungsreichen Passagen. Gleichwohl steht das Konzert – gerade im melodischen Zuschnitt der lyrischeren Themen – auch in der etwas älteren Tradition des ‚brillanten‘ Klavierstils eines Carl Maria von Weber oder auch von Felix Mendelssohn. Im zweiten, erfolgreicheren Konzert B-Dur op. 18 von 1867 (allerdings erst recht rasch posthum veröffentlicht) ändert sich daran nicht viel außer der formalen Dimensionen: Es ist fast doppelt so lang, aber auch im mittleren Satz langatmiger und im Finale doch etwas abgeschmackt durch einen recht offenbaren thematischen Bezug auf Mendelssohns Hochzeitsmarsch. Dennoch wurde das mit Opus versehene zweite Konzert zuerst und auch danach häufiger eingespielt – zuletzt 2010 von Hamish Milne in der Reihe romantischer Klavierkonzerte des Labels Hyperion. Das frühe Es-Dur-Konzert ist mir nur in der wohl verbreitetsten Referenzaufnahme beider Werke mit Volker Banfield und der von Werner Andreas Albert geleiteten NDR Radiophilharmonie Hannover bekannt (Label: cpo), die schon mehr als 20 Jahre zurückliegt. Also wahrlich Gelegenheit für eine preiswerte Neuaufnahme, etwa mit aktuellerer Aufnahmetechnik zu punkten.

Wenig Konkurrenz?

Hier ist der Eindruck etwas enttäuschend: Offenbar auf der Bühne des Theaters Magdeburg eingespielt, enttäuscht die wenig natürliche Raumwirkung insbesondere des sehr kompakt gestaffelten Orchesters, dessen Bässe, recht breit und hallig eingemischt, gerade die höheren Streicher überdecken. Die ersten Violinen entwickeln keinen Glanz, sondern treten meist eher etwas stumpf zurück, offenbar ein Schwachpunkt des Orchesters, dem auch gelegentlicher, wohl ‚künstlicher‘ Hall nicht viel nutzt (das wirkt je nach Stereo-Anlage wie in einer Eiskunstlaufhalle). In der dazugegebenen 'Frühlingsouvertüre' überzeugen die Streicher ebenso wenig wie das Dirigat von Kimbo Ishii, der die Charaktere der thematischen Abschnitte auch in den Konzerten durch deutliche Tempowechsel zu unterstreichen sucht; seine agogischen Maßnahmen – in den Konzertkopfsätzen gibt es durchaus ein regelrechtes Ausbremsen des Grundtempos vor den lyrischen Seitenthemenbereichen – behindern einen dramaturgischen Fluss, den Goetz in der Tradition gerade auch des Dirigenten Mendelssohn durchaus an ein konstanteres Grundtempo gekoppelt haben dürfte (wie man es besser, aber auch nicht ganz überzeugend bei Albert wahrnehmen kann, auch in der von ihm anderweitig für cpo eingespielten Ouvertüre).

Herausragende Solisten

Stärken hat das Orchester hingegen bei den Bläsern. Ganz passend agiert in der 'Frühlingsouvertüre' der Solo-Trompeter, die Hörnergruppe hat – hier auch einmal dank der Klangregie – ziemlich plastische Auftritte, und die Holzbläser bewältigen ihre solistischen Parts ebenso tadellos wie manche melodische Verzierung (besonders in den raschen Partien der Finalsätze), die in den Streichern mitunter etwas gehudelter klingt.

Letztlich rechtfertigt sich diese im Herbst 2016 erschienene Neuaufnahme (von 2014) durch den Solisten Davide Cabassi, der den recht anspruchsvoll zwischen Mendelssohn und Liszt changierenden Solopart teilweise ganz anders anlegt als der schon höchst brillant und akzentuiert spielende Pionier Volker Banfield: Cabassis Flügel dominiert das Klangbild noch mehr nicht nur durch die klare aufnahmetechnische Bevorzugung (nur in den Höhen mitunter etwas zu klirrend), sondern auch durch sein engagiertes, ausdrucksstarkes Spiel, das u.a. in der schon chromatisch-dichten Kadenz des Kopfsatzes von Opus 18 mit schönen individuellen Anschlagsschattierungen einen Höhepunkt findet. In den langsamen Sätzen muss man allerdings nachregeln, um in den Genuss seiner schönen Phrasierungskünste zu kommen, denn auch das Verhältnis vieler leiser zu manch überlauten Stellen ist – mit Kopfhörer, im Auto und auf einer ordentlichen Anlage gehört – für die Hörpraxis nicht gerade uneingeschränkt brauchbar ausgefallen. Schade, möchte man doch Cabassis einwandfrei sehr gute Leistung (vier Sterne) ohne die Beeinträchtigungen seiner ‚Orchesterbühne‘ durchaus empfehlen.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Goetz, Hermann: Klavierkonzerte Nr.1+2 & Frühlingsouvertüre

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
09.09.2016
EAN:

747313332779


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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