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Mittwoch, 18. Oktober 2017

Zimmermann, Walter - Voces Abandonadas

Gezimmerte Klänge


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Walter Zimmermann, Jahrgang 1949, gehört zu den wichtigsten Klavierkomponisten der Neue-Musik-Szene. Seine Klavierwerke der Jahre 2001 bis 2006 sind nun von Nicholas Hodges eingespielt worden.

Zu welcher sinnlich unmittelbar ansprechenden Synthese von Konstruktion und Emotionalität Walter Zimmermann fähig ist, vermittelte schon David N. Seels Einspielung der 1986 komponierten, zwanzigminütigen 'Wüstenwanderung' ( auf HAT HUT Records, Reihe: [now]ART 139). In diesem Stück zeigen sich bereits ganz unverstellt viele Einflüsse und Orientierungen des Schwabacher Komponisten: neben dem Durchlaufen von Studien bei Werner Heider und Maurizio Kagel eine breite historische und ethnologische Stilkundigkeit – u.a. durch Aufenthalte in der Oase Siwa (1976) wie auch in amerikanischen Indianer- und Komponisten-Reservaten. Die Pattern-Landschaft der 'Wüstenwanderung' kündet von der Verbindung zu Morton Feldman, dem übrigens die ‚segunda serie‘ der 'Voces abandonadas' gewidmet ist, des in zwei Serien 2005 – ‚primera serie‘ für ‚Helmut Lachenmann zum 70sten‘ – und 2006 (‚segunda serie‘) komponierten Hauptzyklus der neuen Wergo-Veröffentlichung, der mit fast 40 Minuten mehr als die Hälfte des Programms einnimmt.

Was 'Wüstenwanderung' ebenfalls durch direktes Hineinsprechen von Texten in die Klavierkulisse offenlegt, nämlich einen durchgängig engen, notwendigen Bezug auf Literatur und breites moral- und existenzphilosophisches Gedankengut, ist in den 'Voces abandonadas' subkutanes Konstruktionsprinzip: Dem Zyklus liegen 514 Sentenzen des Italo-Argentiniers Antonio Porchia (1885-1968) zugrunde. Zimmermann selbst hat die Idee der semantischen ‚Übersetzung‘ von Porchias gleichwohl 1943 und 1948 erschienenen zwei Aphorismen-Bänden in 514 ‚Klavier-Sentenzen‘ beschrieben als radikale Arbeit mit kontrastierenden und komplementären Kernbegriffen (Alles, Nichts, Zeit, Liebe, Schmerz, eins, meins usw.), so dass sich ‚formstiftende Wortfelder‘ in einem tagebuchartigen Kompositionsprozess in den Klangfeldern der beiden längeren, eher recht dezenten Folgen pianistischer Ausdrucksmomente spiegeln. Zimmermann wird dabei dem ökonomischen wie dem konstruktivistischen Minimalismus der beiden Widmungsträger gerecht. Die Feldman-Serie ist dabei die rhythmisch bewegtere und unmittelbar interessantere, der Eingang wirkt mit seinen längeren Pausen und Fermaten dagegen meditativ-konzentriert. Und Hodges vermittelt das ganz uneitel und zurückgenommen mit einer Ruhe und einer durch tadellose Aufzeichnungstechnik unterstützen Klarheit jeder Aktion, die dieser genügsamen Musik angemessen erscheint.

Klavier-Aphoristisches

Walter-Wolfgang Sperrer liefert im elfseitigen deutschen Booklet-Text sowohl die wesentlichen Einführungspassagen Zimmermanns zu seinen Werken als auch zusätzlich nötige Erklärungen, um ein zumindest basales intellektuelles ‚Verstehen‘ der in ihrer Intertextualität hochkomplex erscheinenden Musik Zimmermanns zu gewährleisten. Stärker als bei den beiden bekannteren und ästhetisch weltgewandteren Zimmermänner Bernd Alois und Udo vermittelt Walter Zimmermanns Musik den Eindruck einer Privatsprache, welche eigentlich immer einen Nachvollzug der Entstehungsbedingungen, entsprechende literarische Bildung und Erfahrung u.a. mit seriellen Techniken und Poetiken voraussetzt.

Die Trias 'Cura - Fuga - Svara' aus dem fünfteiligen Zyklus 'AIMIDE' reflektiert 2001 etwa in 'Cura' die terroristische Zerstörung des World Trade Centers (9-11), deren zwölftöniges 'Thema vom 4. November [2001] ' sich dann in einer durchaus technisch orientierten 'Fuga' reflektiert findet, welche durch ‚Stimmkreuzungen und Pausen‘ eine Wahrnehmung polyphoner Strukturen geradezu zu verhindern sucht. Und darauf folgt mit 'Svara' eine Adaption indischer Musik oder Musik-Philosophie, in der für Zimmermann der Gedanke des Überbrückens kultureller Unterschiede zum Ausdruck kommt. Mit der so plastischen 'Wüstenwanderung' verbindet sich die 'AIMIDE'-Trias – durch Hodges wieder mit viel Sinn für Farben inszeniert – stärker zumindest in den lebendigeren Bewegungsstrukturen (Tanz-Allusionen?) als die semantisch ganz immanente und noch abstraktere Welt der 'Voces abandonadas' als ‚Blaupause‘ oder ‚Blueprint‘.

Diese beiden und zwei weitere knapp fünfminütige Stücke aus den Jahren 2003 und 2004 machen die Konsequenz, aber auch Vielseitigkeit in Zimmermanns jüngerem Klavierschaffen deutlich: Während das Durchpausen, die Arbeit mit zwei sich ergänzenden Hohlformen eher in einer konstruktivistischen Postserialität verharrt, bietet 'The Missing Nail At the River for piano and toy piano' eine auch klanglich ironische Hommage an John Cage, inspiriert durch einen Aufenthalt in Charles Ives‘ Geburtshaus und Robert Lowrys Beitrag zu Ives‘ Repertoire religiöser Hymnen und Erweckungslieder. Zitieren und erneutes Zitieren des Zitierten gerät hier hin den Fokus reflektierender Hörer, wobei der Verlust des musikalisch Unmittelbaren umso evidenter gemacht wird. Und 'Romanska bågar' für Klavier linke Hand (2004) kündet von dem schwedischen Literatur-Nobelpreisträger Tomas Tranströmer (1931-2015), der das Schicksal nur noch einer funktionierenden Linken ja mit einigen Pianisten teilt und für seine Haiku-ähnliche Verknappung des Ausdrucks international bekannt wurde. Hierin spiegelt sich Walter Zimmermanns eigene pointierte Ausdruckskunst, die das durchaus bilderreiche Gedicht, auf das sich der Titel 'Romanische Bögen' bezieht, zwar im Wortlaut verloren hat (der Text findet sich aber im Booklet), doch dessen Momente im merkwürdigen Spagat gerade des Klanges und der Musik zwischen Lebensweltlich-Banalem und Religiös-Transzendentem möglicherweise bewahrt. Auf diesen Bogen kann man sich in einem extrem ruhigen Moment durchaus einlassen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Zimmermann, Walter: Voces Abandonadas

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
07.10.2016
EAN:

4010228735628


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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