> > > Milhaud, Darius: Sämtliche Violinsonaten
Sonntag, 16. Januar 2022

Milhaud, Darius - Sämtliche Violinsonaten

Solide Umsetzung mit einigen Schwächen


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mauro Tortorelli und Angela Meluso spielen Kompositionen für Violine bzw. Viola und Klavier von Darius Milhaud.

‚Complete Violin Sonatas‘ und ‚Complete Viola Sonatas‘ verspricht diese aus zwei CDs bestehende Edition von Brilliant Classics, doch ist es mit der Vollständigkeit wieder mal so eine Sache. Denn gerade das, was ich als Bestandteil einer als ‚complete‘ deklarierten Edition erwarte (und worauf ich mich übrigens als Rezensent besonders gefreut hatte) – nämlich die wunderbare Sonate für Violine und Cembalo op. 257 und die als op. 144 veröffentlichte freie Transkription der D-Dur-Sonate von Baptiste Anet für ebendiese Besetzung (von der 'Sonatine pastorale' op. 383 für Violine solo oder der Sonate für zwei Violinen und Klavier op. 15 ganz zu schweigen) – ist hier nicht enthalten. Dieser Ausschluss macht klar, dass sich die Bestimmung ‚complete‘ offenbar lediglich – und bedauerlicherweise – auf die Besetzung Violine oder Viola und Klavier erstreckt, was sich jedoch dem Titel der Veröffentlichung nicht eindeutig entnehmen lässt.

Um solche Enttäuschungen zu vermeiden, sollte man bei Brilliant Classics dringend den Sprachgebrauch überprüfen oder einen genaueren Blick auf die Werkverzeichnisse der eingespielten Komponisten werfen, zumal zwar die einsätzige Komposition 'Le Printemps' op. 18 und zumindest eine der drei Paganini-Bearbeitungen aus den 'Trois Caprices de Paganini' op. 97 (warum nur eine?), nicht aber die Kompositionen op. 91, op. 256 und op. 262 erfasst sind. Dabei hätten die beiden CDs aufgrund ihrer kurzen Spieldauern von gerade mal 45 und 38 Minuten hierfür wahrlich noch genügend Raum geboten – was die Edition zudem erheblich aufwerten würde. Hat man sich erst einmal mit dieser zusammengestutzten Auswahl abgefunden, bekommt man allerdings von Mauro Tortorelli (Violine/Viola) und Angela Meluso (Klavier), die unter dem Respekt gebietenden Namen Gran Duo Italiano konzertieren, eine gute, wenn auch nicht in allen Aspekten ideale Einspielung des ausgewählten Repertoires geliefert.

Die Wiedergabe der dreisätzigen, noch ganz unter dem Einfluss impressionistischer Harmonik stehenden Violinsonate Nr. 1 op. 3 (1911) beeindruckt, weil sie trotz ungewöhnlich schwieriger Tonartenverhältnisse (bis hin zu dis-Moll und Cis-Dur) keine Schwankungen der Intonation aufweist und zudem – insbesondere bei den zahlreichen Tempoübergängen – von großer Sicherheit im Zusammenspiel zeugt. Beide Instrumente sind sehr gut ausbalanciert und vor allem in den ruhigen Sätzen (wie auch in der Miniatur op. 18) klanglich fein aufeinander abgestimmt, doch könnten die raschen Sätze durchaus ein höheres Maß an dynamischer Differenzierung vertragen. Auch die viersätzige Violinsonate Nr. 2 op. 40 (1917), gegenüber dem älteren Werk harmonisch geschärft und einige bitonale Bildung aufweisend, überzeugt in der Darstellung durch das Duo: Der pastorale Tonfall des Kopfsatzes mit seinem improvisatorischen Gestus, die Kantilenen im langsamen Satz, aber auch die humoristischen Einbrüche in die Musik sind gelungen umgesetzt, und lediglich dem Laufwerk im zweiten Satz wünscht man etwas mehr Würze und Prägnanz.

Dass die musikalisch weitaus geschlossenere, 1943/44 während der Exilzeit in Kalifornien entstandene Gruppe der Werke für Viola und Klavier trotz des generell guten kammermusikalischen Zusammenspiels einen ungünstigeren Eindruck hinterlässt, liegt daran, dass Tortorelli auf der Viola weniger überzeugt als auf der Violine: Seine Tongebung erscheint etwas dünn, die Intonation ist – vor allem in den virtuosen Passagen der 'Quatre visages' op. 238 – nicht immer völlig treffsicher, und dem Bogenansatz fehlt es deutlich an Präzision, wodurch die neobarocken Ausflüge im zweiten und vierten Satz der Violasonate Nr. 1 op. 240 ausgesprochen schwerfällig wirken und es dem Klangbild auch etwas an Klarheit fehlt. Immerhin punkten die Interpreten damit, dass sie in op. 238 den feinen Humor von Milhauds einfallsreichen Charakterporträts weiblicher Protagonistinnen aus der neuen Welt und dem alten Europa ('La Californienne', 'The Wisconsonian', 'La Bruxelloise' und 'La Parisienne') umzusetzen wissen und zudem die drei als kontrastierende Stimmungsbilder angelegten Sätze der Violasonate Nr. 2 op. 244 klanglich überzeugend gestalten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Milhaud, Darius: Sämtliche Violinsonaten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
1
07.10.2016
Medium:
EAN:

CD
5028421952321


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Milhaud, Darius


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