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Sonntag, 20. Oktober 2019

Bach, Carl Philipp Emanuel - Cellokonzerte

Beseelte Redekunst


Label/Verlag: Hyperion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Nicolas Altstaedt und das Ensemble Arcangelo unter Jonathan Cohen legen eine mitreißende Aufnahme von C.P.E. Bachs Cellokonzerten vor.

Hergebrachterweise fällt einem vielleicht nicht gerade Carl Philipp Emanuel Bach ein, wenn es um das Konzertrepertoire für Violoncello geht. Indes sind manche Musikwissenschaftler, ausgehend von einem Eintrag im Nachlassverzeichnis des Komponisten, der Ansicht, dass sich hinter dreien seiner Cembalokonzerte eigentlich solche für das Streichinstrument verbergen. Könnte es einen klingenden Beweis für solche Thesen geben – der Cellist Nicolas Altstaedt und das Ensemble Arcangelo unter Leitung von Jonathan Cohen hätten ihn geliefert. So selbstverständlich und idiomatisch fließen Ersterem die Soloparts aus den Fingern, von so zwingender musikalischer Schlüssigkeit ist das Ganze der Aufnahme, dass man sich bei der Frage ertappt, wie man diese Stücke jemals für etwas anderes denn für Cellokonzerte hat halten können.

Nicht zum mindesten beeindruckt die kongeniale Übereinstimmung zwischen den Musikern – Altstaedt formt seinen Part in dichtester Fühlung mit den Musikern von Arcangelo, die ihrerseits höchst präsent und flexibel im Wechselspiel mit dem Solisten agieren. Eine eindrucksvolle interpretatorische Geschlossenheit ist daher das Kennzeichen dieser Aufnahme, die überall pulsiert, ungemein beredt und lebendig ist.

Fetzig-behaglich

Getrennt von Solisten und Orchester zu sprechen, verbietet sich daher eigentlich – und dennoch kann man nicht umhin, die Eleganz von Altstaedts Spiel besonders zu rühmen, dessen sinnlich-legeren, aber ungeheuer intensiven Duktus, den treffend ausgespielten Facettenreichtum, die Dichte und expressive Kraft der Tonbildung. Die Basis ist ein voll singender Ton, der in Richtung eines fetzigen Staccato (etwa im a-moll-Konzert) ebenso wandelbar ist wie in die eines breit-behaglichen Sich-Aussingens (man höre das unüberbietbar charmante erste Solo im Finalsatz des B-Dur-Werks!).

Das Ensemble Arcangelo unterstützt diese beseelte Rhetorik mit Verve. Kommt das dem Solo bemerkenswert kontrastierende Ritornell im B-Dur-Finalsatz leichtfüßig und spritzig daher, evoziert der Kopfsatz des Konzertes a-Moll druckvoll schroffe Gestik, verweist deutlich auf den Stil des Sturm und Drang. Schön, dass man sich gerade in diesem Fall traut, statt auf ein gleichsam kammermusikalisch schlankes Klangbild auf orchestrale Wucht zu setzen – der Stilistik des Werkes ist das absolut angemessen, zumal die Entscheidung für das größere Klangvolumen bei diesem Ensemble nicht bedeutet, dass man auf Werte wie Agilität und Biegsamkeit verzichten müsste. Wie flexibel das Ensemble in seinen interpretatorischen Entscheidungen ist, zeigt sich dann wiederum an dem sonnigen, lichtvoll-transparenten Tonfall, den man in den beiden Konzerten in Dur-Tonarten und zumal dem in A-Dur anschlägt. Kurzum: Hier liegt eine interpretatorisch mitreißende, auf höchstem Niveau musizierte Einspielung vor, die unzweifelhaft das Potenzial zur Referenzaufnahme hat.



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Bisherige Kommentare zu diesem Artikel

  1. Weder expressiv noch beseelt
    Altstaedt spielt mit wenig oder gar keinem Vibrato, also ausdrucksarm, und bei schnellen Tempi, z.B. im 3. Satz des A-Dur-Konzerts, leidet durch robuste Bogenführung die Tongebung. Insoweit trifft die Kritik von Tobias Roth an den Haydn-Konzerten auch hier zu. Wer eine beseelte und expressive Interpretation des (schönsten) A-Dur-Konzerts hören will, greift zu der Einspielung mit Pierre Fournier. Wem diese - auch im Orchesterpart von der historischen Aufführungspraxis "unbeleckte" - Interpretation zu romantisch ist, greift zu der Aufnahme mit Janos Starker und dem Santa Fé Festival Orchester (mit schönen Kadenzen, für mich die Referenzaufnahme). Wenn es wie bei Altstaedt alle 3 Cellokonzerte sein sollen, wäre die Einspielung von Truls Mœrk vorziehen, im Stil vergleichbar mit den Altstaedt-Versionen, aber wesentlich ausdrucksstärker. Mißverständlich ist der Zusammenhang, den der Rezensent mit Cembalokonzerten herstellt. Die Cellokonzerte hat CPE Bach original für Cello komponiert.

    aficionado, 13.04.2017, 19:27 Uhr
    Registriert seit: 12.04.2017

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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Carl Philipp Emanuel: Cellokonzerte

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Hyperion
1
02.09.2016
Medium:
EAN:

CD
034571281124


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Bach, Carl Philipp Emanuel


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Hyperion

Founded in 1980, Hyperion is an independent British classical label devoted to presenting high-quality recordings of music of all styles and from all periods from the twelfth century to the twenty-first. We have been described as 'Britain’s brightest record label'. In January 1996 we were presented with the Best Label Award by MIDEM's Cannes Classiques Awards. The jury was made up of the editors of most of the leading classical CD magazines in the world - Classic CD (England), Soundscapes (Australia), Répertoire (France), FonoForum (Germany), Luister (Holland), Musica (Italy), Scherzo (Spain), and In Tune (USA & Japan).

We named our label after an altogether splendid figure from Greek mythology. Hyperion was one of the Titans, and the father of the sun and the moon - and also of the Muses, so we feel we are fulfilling his modern role by giving the art of music to the world.

The repertoire available on Hyperion, and its subsidiary label Helios (Helios, the sun, was the son of Hyperion), ranges over the entire spectrum of music - sacred and secular, choral and solo vocal, orchestral, chamber and instrumental - and much of it is unique to Hyperion. The catalogue currently comprises nearly 1400 CDs and approximately 80 new titles are issued each year. We have won many awards.

Our records are easily available throughout the world in those countries served by our distributors. A list of the world's top Hyperion dealers, listed by country and city, can be found on our homepage. But if you have any difficulty please get in touch with the distributor in your territory. In Germany that is Note 1 Music Gmbh.


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