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Dienstag, 20. August 2019

Kabelac, Miroslav - Sinfonien

Martinůs unbekannter Zeitgenosse


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Fast vierzig Jahre nach dem Tod von Miloslav Kabeláč legt Supraphon nun eine Gesamteinspielung der acht Symphonien des tschechischen Komponisten vor.

Als Vertreter der tschechischen Komponisten-Generation um Bohuslav Martinů (1890–1959) und vor Petr Eben (1929–2007) hat es Miloslav Kabeláč (1891–1979) nie zur internationalen Berühmtheit seiner beiden Landsmänner gebracht. Politische Faktoren mögen dabei eine Rolle gespielt haben, nach dem ‚Prager Frühling‘ im Jahr 1968 wurde Kabeláčs Schaffen (wie das vieler anderer Komponisten und Dichter) totgeschwiegen oder sogar unterdrückt; der sowjetische Einmarsch brachte eine zuvor lebhafte Kulturszene praktisch zum Stillstand. Auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs blieb das Schaffen des Tondichters zunächst vergessen, erst in den letzten Jahren sind es vor allem tschechische Musiker, die das Werk Kabeláčs nach und nach zu Gehör bringen.

Das Radio-Symphonieorchester Prag unter Marko Ivanović legt nun eine Gesamteinspielung der acht Symphonien vor, die in den Jahren 1941 bis 1968 entstanden sind und schon durch ihre individuelle Besetzung aufhorchen lassen. Nur die Zweite Symphonie fordert das ‚normale‘ Orchester, die anderen sieben Werke sind für unterschiedliche Ensembles konzipiert, in seiner Achten Symphonie verzichtet Kabeláč sogar vollständig auf die Standard-Besetzung und schrieb das Werk stattdessen für Sopran, gemischten Chor, Orgel und ein Schlagzeug-Ensemble. Eine stilistische Einordnung der Werke ist schwierig, eine ungefähre Nähe zu manchen Stücken von Hindemith oder Strawinsky ist sicherlich nicht von der Hand zu weisen. Vor allem durch seine starke Vorliebe für Perkussions-Instrumente gelangte der Komponist zu einem individuellen, jedoch den Hörer auch stark fordernden Tonfall; bei der ersten Begegnung kann man diese Werke schroff und kantig finden und gelangt erst nach mehrmaligem Hören hinter die Absicht Kabeláčs, einen expressiven Klang mit höchst raffinierten instrumentatorischen Details zu mischen.

Dies gilt nicht für alle Werke gleichermaßen, in der während des Zweiten Weltkrieges entstandenen Ersten Symphonie op. 11 ist der Komponist hörbar noch auf der Suche. Die Besetzung für Streicher und Schlagwerk führt zu einigen originellen Klang-Effekten, aber auch zu häufigen Wiederholungen und einem fast floskelartigen Einsatz der Perkussionsgruppe. Angesichts solcher hörbarer kompositorischer Defizite können Orchester und Dirigent nicht viel machen; Ivanović ist hörbar bemüht, mit maximaler dynamischer Differenzierung das Bestmögliche aus dem oft eintönigen und insgesamt zu langen Werk herauszuholen. Der tragisch-düstere Tonfall, vermutlich der Entstehungszeit geschuldet, kann den Hörer zwar an einzelnen Stellen beeindrucken, aber nicht insgesamt packen. Ein wirklich großer Wurf gelang Kabeláč erst in seiner Zweiten Sinfonie op. 15, deren Uraufführung 1947 ihm eine gewisse nationale Bekanntheit sicherte.

Eine sichere Handhabung des großen Orchesters, das Wissen um instrumentatorische Effekte und eine geschickte Dramaturgie zeichnen das Stück aus. Wie sich das gesamte Werk allmählich aus dem Eingangsmotiv der Blechbläser entwickelt, ist spannend nachzuvollziehen und wird von Orchester und Dirigent präzise umgesetzt; Langeweile kommt hier, anders als im Vorgängerwerk, keine Sekunde auf. Die Schluss-Steigerungen am Ende des ersten und dritten Satzes wurden auch klanglich hervorragend eingefangen, überhaupt haben die Aufnahmen hier einen großen Pluspunkt – wenig Hall und große Transparenz zeichnen das Klangbild aller acht Symphonien aus.

Mit den Symphonien Nummer 3 und 4 kehrte Kabeláč zu den von ihm favorisierten individuellen Ensemble-Kombinationen zurück. Die Dritte (op. 33) für Orgel, Blechbläser und Pauken sowie die Vierte (op. 36) für Kammerorchester wirken im europäischen Kontext der 1950er Jahre zwar möglicherweise etwas konservativ, da sie weitgehend tonal konzipiert sind. Der Wirkung auf den heutigen, aufgeschlossenen Hörer tut dies jedoch keinen Abbruch. Vor allem die geschickte Integration der Orgel macht die Dritte Symphonie zu einem hörenswerten Werk, während die Vierte mit ihrer Durchhörbarkeit punkten kann. Beide Stücke zeigen Ivanović als versierten Dirigenten, der auch ungewöhnlichen Klang-Koppelungen stets gewachsen ist. Technisch beeindruckend und hochpräzise ist zumal der dritte Satz ('Allegro feroce') aus op. 33, Organist Jan Kalfus gibt hier eine Kostprobe seines Könnens.

Weniger gelungen ist dem Tondichter die Integration einer Sopranstimme, die durchgehend Vokalisen vorträgt, in der Fünften Symphonie op. 41. Obwohl sich die Solistin Pavla Vykopalová technisch keine Blöße gibt, fehlt in allen vier Sätzen die Abwechslung, wirken die Vokalisen aufgesetzt und nicht so sinnvoll in das Werk integriert wie die Orgel in der Dritten Symphonie. Trotz einiger gelungener Effekte fehlt hier der schlüssige, zwingende Eindruck der vorangegangenen Symphonien Nummer zwei bis vier. Etwas besser ist Kabeláč der Spagat zwischen Symphonie und Klarinettenkonzert in seiner Sechsten op. 44 gelungen, auch wenn hier die Konkurrenz im mittleren und späten 20. Jahrhundert groß ist. Dank des exzellenten Solisten Karel Dohnal dürfen die drei Sätze als gelungen bezeichnet werden, vor allem der düster-melodiöse 'Lento'-Mittelsatz. Ob es sich nun strenggenommen noch um eine Symphonie handelt oder eher (die Dreisätzigkeit spricht dafür) um ein Konzert, muss der geneigte Hörer zum Glück nicht entscheiden.

Mit seinen letzten beiden Symphonien (Nr. 7 op. 52 für Sprecher und Orchester sowie Nr. 8 op. 54 für Sopran, Chor, Orgel und ein Perkussions-Ensemble) wandelt Kabeláč auf dem schmalen Grad zwischen kontrollierter Entfesselung wilder Klangmassen und ungewollter akustischer Anarchie. Vor allem in der Achten kommt es regelmäßig zu Steigerungen, bei denen der beste Dirigent nicht mehr differenzieren kann – natürlich kann man diskutieren, ob der chaotische Eindruck bewusst herbeigeführt werden soll oder doch eher eine Entgleisung darstellt. Wer sich hiervon nicht abschrecken lässt, sollte dem Werk eine Chance geben, die Interpreten tun jedenfalls ihr Bestes, um die Achte (nach Texten aus dem biblischen Buch Daniel) als letzten großen sinfonischen Wurf darzustellen. Dagegen wirkt die Einbindung des etwas sehr stark hervortretenden Sprechers in der Siebten Symphonie ähnlich wenig zwingend wie schon die Vokalise in der Fünften; der anfänglich noch faszinierende Effekt nutzt sich mangels Abwechslung schnell ab.

Für alle Musikfreunde, die Symphonik des 20. Jahrhunderts jenseits der ausgetretenen Pfade suchen, ist diese Box mit vier CDs auf jeden Fall ein Gewinn, auch wenn Kabeláč lediglich in seinen Symphonien Nr. 2 bis 4 dem Vergleich mit Martinů standhält. Dirigent und Orchester legen sich in den auch klanglich vorbildlichen Einspielungen ordentlich ins Zeug und können dieser ganz auf individuelle Klang-Koppelungen zielenden Musik immer wieder faszinierende Momente entlocken. Was man allerdings nicht tun sollte: Kabeláč an der technischen Perfektion eines Richard Strauss oder der expressiven Kraft eines Gustav Mahler messen. Aber das gilt ja auch für eine Menge anderer Tondichter.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Kabelac, Miroslav: Sinfonien

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Supraphon
4
02.09.2016
Medium:
EAN:

CD
099925420222


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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