> > > Telemann, Georg Philipp: 12 Fantasien für Solovioline
Sonntag, 19. Mai 2019

Telemann, Georg Philipp - 12 Fantasien für Solovioline

Kühn, manchmal bizarr


Label/Verlag: Glossa
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Fabio Biondis Einspielung von Telemanns Fantasien für Violine solo stellt Hörgewohnheiten auf die Probe.

‚Telemann, die zwölf Fantasien – Leute, das sind Übungsstücke für Geiger, eine Aneinanderreihung von Floskeln, die man sich sonst aus einem Satz heraussuchen muss. So ein Übematerial aufzunehmen, ist Unfug.‘ Das sagte jemand, der sich als Praktiker wie als Theoretiker mit barockem Repertoire und insbesondere mit dem für Violine auskennt: Reinhard Goebel. Unter denen, die solchen ‚Unfug‘ treiben, ist nunmehr auch Fabio Biondi. Und was immer man von Goebels Aussage halten mag: Es scheint immerhin, als sei Biondis Interpretation von einer nicht geringeren Freude an der Zuspitzung und der eigenwilligen Pointe geprägt als jenes Diktum.

So kann man sich beim ersten Hören wundern über die Freiheiten, die Biondi sich nimmt. Die Tempi selbst in den langsamen Sätzen sind straff, und in den schnellen überwiegt ein improvisatorischer Gestus: Die Tempogestaltung ist oft frei, Figurenwerk wird rhythmisch-melodisch variiert und bei Wiederholungen bevorzugt durch Arpeggi ersetzt, ganze Takte werden durch improvisierte Passagen ersetzt. Dynamisch wird wenig differenziert; und Biondi gibt dem Hörer kaum Zeit zum Atemholen: Abrundung von Phrasen, Gliederung durch – und wären es noch so kleine – Pausen interessieren ihn wenig, manche Periodenenden oder -übergänge kommen so beiläufig daher, dass sie fast verschluckt wirken. Nicht zuletzt deshalb hat man manchmal den Eindruck einer gewissen interpretatorischen Grobheit gegenüber der Musik. Biondi scheint fortwährend unter Überdruck zu agieren, wie ein Autofahrer, der entweder 180 fährt – oder gar nicht.

Rettung vom Etüdenhaften

Es bedarf schon eines zweiten oder dritten Hörens, um ein Ohr für seine unkonventionellen Auffassungen zu bekommen. Dabei ist eines von Anfang an klar: Biondi ist und bleibt ein technisch hervorragend versierter Geiger, der nicht nur den Anspruch hat, schnell und temperamentvoll zu spielen, sondern das auch wirklich kann. Dem Instrument – einer wunderbar warm getönten Violine von Ferdinando Gagliano, gebaut in Neapel 1767 – entlockt er darüber hinaus einen Reichtum an Klangfarben, der vom schüchtern-fragenden Säuseln über straffe Brillanz bis hin zur Leidenschaftlichkeit reicht; interpretatorisch eingesetzt wird diese Fülle weniger streng planmäßig als vielmehr so, wie es der Augenblick eingibt. Die Einspielung wirkt dadurch willkürlicher, aber auch frischer, bunter, unberechenbarer als das übliche Mainstream-Barock-Violinspiel.

Womit wir bei der Eigenschaft wären, die wahrscheinlich der Haupt-Vorzug dieser Einspielung ist: Biondi fasst diese Stücke wirklich als ‚Fantasien‘ auf und rettet sie dadurch vom Etüdenhaft-Korrekten und Musterhaft-Abgezirkelten. Er missachtet hergebrachte Gestaltungs- und Interpretationsmaßstäbe weniger, als dass er sie mit einer unbestreitbaren, fest in der Violintechnik wurzelnden musikalischen Fantasie neu und überraschend auffasst und Telemanns Stücken damit den Charakter des Kühnen, manchmal Bizarren gibt, den ihr Titel anzukündigen scheint.

Ob einem das Ergebnis gefällt, ist hier vielleicht stärker eine Frage von Geschmack (und Geduld) als bei anderen Einspielungen. Diese wird jedenfalls abgerundet durch eine plastisch-authentische klangtechnische Realisierung und einen Beiheft-Text von Peter Wollny, der, von wissenschaftlicher Seite nicht minder ein Kenner der Musik des 18. Jahrhunderts als Goebel, erfrischenderweise eine völlig gegensätzliche Position zu diesem bezieht. Wer Lust hat, seine Hörgewohnheiten auf die Probe zu stellen, wird Spaß an dieser Aufnahme haben.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Telemann, Georg Philipp: 12 Fantasien für Solovioline

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Glossa
1
02.09.2016
EAN:

8424562234062


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Telemann, Georg Philipp


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Glossa

Spaniens renommiertestes Klassiklabel wurde 1992 von Carlos Céster und den Brüdern José Miguel und Emilio Moreno gegründet. Sein "Hauptquartier" hat es in San Lorenzo del Escorial in den Bergen nahe Madrid. Zahlreiche herausragende Künstler und Ensembles aus dem Bereich der Alten Musik (z.B. Frans Brüggen und das Orchestra of the 18th Century, La Venexiana, Paolo Pandolfo, Hervé Niquet und sein Concert Spirituel u.v.a.) finden sich im Katalog des Labels. Doch machte GLOSSA von Anfang an auch wegen der innovativen Gestaltung und Produktionsverfahren von sich reden. Zu nennen wären hier die Einführung des Digipacks auf dem Klassikmarkt und dessen konsequente Verwendung, der Einsatz von Multimedia Tracks oder die Platinum-Serie mit ihrem avantgardistischen Design. Innerhalb der vergangenen knapp zwei Jahrzehnte konnte GLOSSA so zu einem der interessantesten Klassiklabels auf dem Markt avancieren. Zu verdanken ist dies nicht zuletzt auch dem Spiritus rector und Gesicht des Labels, Carlos Céster.


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