> > > Breathtaking - Musik für Zink und Sopran: Werke von Cazzati, Corradini, Marini, u.a.
Montag, 23. September 2019

Breathtaking - Musik für Zink und Sopran - Werke von Cazzati, Corradini, Marini, u.a.

Verschlungen


Label/Verlag: Passacaille
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Hana Blažíková singt berückend schön, Bruce Dickey und sein kleines Ensemble leisten einen gleichrangigen Beitrag. Sopran und Zink, menschliche Stimme und Instrument sind einander tatsächlich sehr nah, oft eng ineinander verschlungen.

Die Beziehung von menschlicher Stimme und instrumentalem Klang ist delikat: Manche Konstellation ergänzt sich glückend, manche wirft Fragen auf, in wieder anderen Beziehungen wird nach der Ähnlichkeit zwischen beiden Sphären gesucht. Die Sopranistin Hana Blažíková und der Zinkenist Bruce Dickey widmen sich auf ihrer aktuellen Platte unter dem Titel ‚Breathtaking‘ letzterem – galt der Zink doch in ausgehender Renaissance und erblühendem Barock als der menschlichen Stimme nah. Mögen auch spätere Beziehungen die Wahrnehmung der Gegenwart beeinflussen und andere Beispiele inzwischen plausibler scheinen: Der Zink und eine schwingungsarm geführte Sopranstimme klingen hörbar im selben Spektrum.

Programmatisch hat Bruce Dickey das abgebildet, indem er im italienischen Repertoire einen Längsschnitt durch die lange Koexistenz von Zink und menschlicher Stimme angelegt hat und damit nebenbei einen kundigen Überblick über die gewaltige stilistische und formale Entwicklung der Musik jener Epoche bietet – von der diminuierten kontrapunktischen Motette und madrigalisch motivierter Musik über das sich entwickelnde Geistliche Konzert bis zum Oratorium und zur Oper reifer neapolitanischer Prägung. Für diesen Weg stehen Namen wie Giovanni Pierluigi da Palestrina, Sigismondo d‘India, Giovanni Felice Sances, Tarquinio Merula, Giacomo Carissimi, Giovanni Battista Bassani oder Alessandro Scarlatti. Neben den vokal-instrumentalen Werken sind Kompositionen zu hören, die den solistischen Zink in den Mittelpunkt stellen; auch die größten Konkurrenten des Zink, die ihn schließlich ganz in seiner Funktion als hervorgehobenes Diskant-Instrument ablösenden Violinen, kommen zu ihrem immer deutlicher hervortretenden Recht. In all diesen Werken, meist wirklichen Kleinodien, wird geradezu ein Feuerwerk der vokalen und instrumentalen Möglichkeiten abgebrannt – beispielhaft in dem Geistlichen Konzert 'Nigra sum' von Merula zu erleben, in dem sich die beiden Soli tatsächlich so märchenhaft umschlingen wie der Untertitel der Platte suggeriert – ‚A cornetto and a voice entwined‘. Interessant und vor allem idiomatisch sehr gelungen fällt ein zeitgenössischer Beitrag aus, den Dickey für dieses Projekt bei der 1963 geborenen Komponistin Calliope Tsoupaki in Auftrag gegeben hat: Tsoupaki löst die innige Verbindung von menschlicher Stimme und Zink besonders glücklich ein, bis hin zum klingenden Verschmelzen. Bemerkenswert auch die abgesehen von der zeitgenössischen Komposition stilistisch modernsten Stücke der Reihe: Bei Scarlatti scheint der Zink schon nicht mehr ganz bei sich, bei seinem Kern zu sein. Hier wirkt er schon deutlich seiner Freiheiten beraubt, wirkt er als Orchesterstimme zu sehr in Form gebracht, als dass er seinen ganzen Charme noch entfalten könnte.

Echte Könner

Insgesamt ist das natürlich ein Programm, das Hana Blažíková und Bruce Dickey auf den Leib geschneidert ist. Die tschechische Sopranistin glänzt wie so oft schon in der Vergangenheit, mit ihrer schlanken, ausgeglichen schönen, an Farben reichen, enorm beweglichen Stimme, deren sichere technische Grundlagen ihr wunderbar geläufige Verzierungen ebenso erlauben wie edel ausgesungene Kantilenen. Auch in ärgerer Linearität – es handelt sich vielfach um hochvirtuose Musik – verströmt sie sich absolut natürlich, die Texte geformt von einer aktiven Diktion, begabt mit der Fähigkeit zur geschmackvoll gesetzten Attacke. Bruce Dickey schmiegt sich eloquent an diesen wunderbaren Sopran, mit großer Leichtigkeit, mühelos und beweglich scheint er praktisch keine Hürden zu kennen, wirken seine Beiträge immer glücklich ins Gesamtbild eingefügt.

Auch das schmale Ensemble, mit Viola da gamba, Theorbe, Orgel und Cembalo, ist fein und licht besetzt, intensiv beteiligt an luzider Gestaltung, gelegentlich etwas karg in der Wirkung. Die Violinen Veronika Skuplik und Catherine Aglibut steuern solistische Potenz bei. Gemeinsam ist allen Akteuren eine vorbildliche Intonation – Blažíková etwa ohne den Hauch einer Trübung, was in dieser selbstverständlichen Konstanz einfach beeindruckt. Der Längsschnitt im Repertoire bedeutet: Es ist stilistische Vielfalt gefordert, die souverän gestaltet und differenziert wird, mit großer Seriosität. Das Klangbild ist geprägt von Plastizität und Klarheit, ist reich an Details und gleichsam lichtdurchflutet. Es greift damit die wesentliche Prägung der Musik auf, vernachlässigt allerdings latent das freilich knapp besetzte Bassregister.

Blažíková und Dickey verlebendigen eine interessante Idee mit Können und Überzeugung: Sopran und Zink, menschliche Stimme und Instrument sind einander tatsächlich sehr nah, oft eng ineinander verschlungen. Hana Blažíková singt berückend schön, Bruce Dickey und sein kleines Ensemble leisten einen gleichrangigen Beitrag.


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    Breathtaking - Musik für Zink und Sopran: Werke von Cazzati, Corradini, Marini, u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Passacaille
1
02.09.2016
Medium:
EAN:

CD
5425004150202


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Passacaille

Das belgische Label PASSACAILLE wurde 1995 gegründet und sollte von Anfang an eine Plattform für hochrangige belgische Künstler der historischen Aufführungspraxis sein. Das Barockorchester il Fondamento mit seinem Leiter Paul Dombrecht und der Hammerklavierspezialist Jan Vermeulen gehörten zu den ersten, die für das Label aufnahmen. Später erweiterte sich der Künstlerkreis um weitere prominente Namen wie Wieland Kuijken oder das Ensemble Octophorus. Bald erhielten die Aufnahme internationale Preise, was als zusätzlicher Anreiz gesehen wurde, sich im künstlerischen Bereich auch internationalen Künstlern und Ensembles zu öffnen. Ab 2000 begann die Zusammenarbeit mit Künstlern aus verschiedenen europäischen und transatlantischen Ländern. 2006 übernahm der belgische Traversflötist und Musikwissenschaftler Jan de Winne das Label und erweiterte den Künstlerkreis des Labels erneut um international renommierte Künstler wie zum Beispiel Graham O'Reillys Ensemble Européen William Byrd und Lorenzo Ghielmis Ensemble La Divina armonia, das hier erst kürzlich eine fulminante Aufnahme von Händels Orgelkonzerte Op.4 vorgelegt hat. Als weitere Neuzugänge seien noch der brasilianische Cembalist Nicolau de Figueiredo, der Cellist Sergei Istomin und der Fortepianist Alexei Lubimov zu nennen. Im Rahmen der Neuorganisation des Labels möchte Jan de Winne den bewährten ursprünglichen Schwerpunkt Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beibehalten, aber auch nach und nach Musik späterer Epochen in das Programm integrieren.


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