> > > Dallapiccola, Luigi und Togni, Camillo: An Mathilde
Donnerstag, 23. November 2017

Dallapiccola, Luigi und Togni, Camillo - An Mathilde

Vom Klavier zur Stimme und zurück


Label/Verlag: Stradivarius
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine außerordentlich gut konzipierte CD von Stradivarius befasst sich mit dem Schaffen zweier italienischer Komponisten des 20. Jahrhunderts.

Nach wie vor ist das Schaffen des italienischen Komponisten Luigi Dallapiccola (1904–1975) viel zu selten auf den Konzertprogrammen zu finden. Wie bedauerlich dies ist, macht die vorliegende Produktion von Stradivarius mit dem Orchestra die Padova e del Veneto unter Leitung des Dirigenten Marco Angius deutlich, die nicht nur zwei zentrale Werke Dallapiccolas miteinander verbindet, sondern sie auch mit zwei Beispielen aus dem Schaffen seines jüngeren Kollegen Camillo Togni (1922–1993) konfrontiert.

Den Anfang macht Dallapiccolas 'Piccolo concerto per Muriel Couvreux' für Klavier und Orchester (1939–41): Der erste Satz, vom Komponisten als 'Pastorale, Girotondo e Ripresa' betitelt, lebt vor allem von feinen, lichten Farbwerten, die der Pianist Aldo Orvieto mit zartem Klavierspiel wiederzugeben weiß. Die in den Rahmenteilen vorherrschende pastorale Stimmung lebt nicht nur von kammermusikalisch konzipierten orchestralen Texturen und teils überraschenden Stimmendialogen – etwa zwischen Soloklavier und Marimba –, sondern unterstreicht auch Dallapiccolas Hang zur Kantilene, dem Orvieto mit klanglich intensivem Pianospiel begegnet. Der zweite Satz, 'Cadenza, Notturno e Finale', führt einen Dreischritt aus, der mit einer ausgedehnten Klavierkadenz beginnt, von hier aus in die zarte Stimmung eines Nachtstücks mündet und schließlich mit einem rhythmisch geprägten Schlussteil zu Ende geht, dessen neoklassizistischer Tonfall durch einen elastischen Zugang von Orchestern und Solist geadelt wird.

Mit dem der dreisätzigen Kantate 'An Mathilde' für Sopran und Orchester auf späte Gedichte Heinrich Heines (1955) steht der konzertanten Komposition ein in Ausdruck und Haltung ganz anderes Werk gegenüber: Die Verwendung dodekaphoner Kompositionsverfahren, die der Komponist zwischenzeitlich sich angeeignet und verfeinert hat, ist hier nicht nur Anlass zu formaler Verknappung, sondern führt auch zur Steigerung der Expressivität. Den Anforderungen des Stimmparts begegnet die Sopranistin Liva Rado mit vielfachen Abstufungen des Vortrags und einem Ausdrucksspektrum, das – bei klar verständlicher Diktion der deutschen Sprache – zwischen lyrischer Liniengestaltung und dramatischem Gestus angesiedelt ist, allerdings in klanglicher Hinsicht manchmal etwas ausgefeilter ausfallen könnte.

Den musikalischen Weg, den die Produktion im Falle von Dallapiccola vom Neoklassizismus zur Dodekaphonie zeigt, wird im Falle Tognis umgekehrt: Den Anfang macht der anspruchsvolle, aus fünf Liedern bestehende Zyklus 'Helian di Trakl' für Sopran und Orchester, der – die zugrundeliegenden Gedichte Georg Trakls in deutscher Sprache aufgreifend – als ausgedehnteres Gegenstück zu Dallapiccolas im selben Jahr entstandenen Heine-Vertonungen erscheint. Hier läuft Rado zur Höchstform auf, steuert glockenreine Tonhöhen im hohen Register bei, lässt sich mit vielfältigen Stimmfärbungen auf die großen Ausdrucksunterschiede zwischen kantabler Linie und rezitativischem Deklamieren ein. Die 'Variazioni' für Klavier und Orchester op. 27 (1946) wiederum schlagen den Bogen zurück zu einem neoklassizistisch beeinflussten Ansatz und geben erneut Orvieto viele Möglichkeiten, sein Können – insbesondere bei der Wiedergabe filigraner Passagen – unter Beweis zu stellen.

Insgesamt gibt sich das Orchester einige Blößen und wirkt manchmal gar etwas überfordert. So lässt vor allem im Schlussteil von Dallapiccolas 'Piccolo concerto' und in Tognis 'Variazioni' die Intonation der Bläser einiges zu wünschen übrig, und in den Liederzyklen sind immer wieder ungenaue oder klanglich zu undifferenziert formulierte Einsätze der Orchesterinstrumente zu bemerken. Darüber hinaus ist die Aufnahme auch – zumindest in Tognis op. 27 – zu stark in Richtung des Solisten ausbalanciert und fällt ansonsten durch ein recht enges Klangbild auf. Dennoch bleibt die Produktion (auch in Ermangelung von Alternativen) empfehlenswert, weil sie durch ihre intelligente Konzeption auffällt und wichtige Einblicke in die Entwicklung des italienischen Komponierens zwischen 1940 und 1955 vermittelt. Der von Gian Paolo Minardi verfasste Booklettext liefert dazu eine gute Verstehenshilfe, liegt allerdings nur in italienischer und englischer Sprache vor.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Dallapiccola, Luigi und Togni, Camillo: An Mathilde

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Stradivarius
1
02.09.2016
EAN:

8011570370419


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Dallapiccola, Luigi


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Stradivarius

Das 1988 gegründete Label STRADIVARIUS hat sich auf dem internationalen Markt als unabhängige Schallplattenfirma durchgesetzt, die vor allem auf zwei musikalische Gattungen spezialisiert ist: klassisch - aus der Renaissance und dem Barock - (mit der Reihe Dulcimer) und zeitgenössisch (mit der Reihe Times Future). Diese programmatische Entscheidung kommt aus dem Willen, eine ganz bestimmte und bezeichnende Rolle im heutigen Schallplattenumfeld zu spielen. Insbesondere hat STRADIVARIUS immer das Ziel verfolgt, den Vorrang italienischen Komponisten und Interpreten zu geben, um die bemerkenswertesten italienischen Kulturdarsteller auf aller Welt kennenlernen zu lassen.

In einem weiten Bereich ist STRADIVARIUS tätig: geistige, säkulare, Vokal-, Instrumental-, Solo-, Kammer- und Orchestermusik. Es gibt viele Beispiele seltener Registrieren, die als außerordentliche Kunstwerke weltweit betrachtet werden, wie zum Beispiel die Serie Un homme de concert, die die Zusammenarbeit mit dem berühmten Sviatoslav Richter offiziell festgelegt hat.

Was das zeitgenössische Repertoire betrifft, ist STRADIVARIUS im Laufe der Jahre, dank der Reihe Times Future, ein Bezugspunkt geworden, indem sie Werke von Franco Donatoni, Salvatore Sciarrino, Bruno Maderna, Goffredo Petrassi, Ivan Fedele, Luis De Pablo, Toshio Hosokawa und viele andere veröffentlicht hat.

Bruno Canino, René Clemencic, Alan Curtis, Emilia Fadini, Monica Huggett, Lucas Pfaff, Arturo Tamayo, Maggio Musicale Fiorentino, Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI, Orchestra Verdi di Milano, Orchestre Philarmonique de Radio France, Orquesta y Coro de Madrid: Sie sind nur einige der Musiker und Formationen, die CDs für STRADIVARIUS aufgenommen haben.

Mit der Zeit ist das Bedürfnis entstanden, den Verlegervorschlag weiter zu diversifizieren; dadurch sind wichtige Reihen geboren, und zwar Guitar Collection (unter der Leitung von Frédéric Zigante), Ricordi Oggi (Ergebnis der Zusammenarbeit unter Stradivarius, dem Ricordi Universal Verlag und den Erben des Malers Emilio Tadini) und Milano Musica Festival (in Zusammenarbeit mit Milano Musica und RAI Radio3). Letzte in zeitlicher Reihenfolge ist die Landscape Serie, mit der STRADIVARIUS ihre Bereitschaft beweist, innovative Projekte zu verwirklichen.


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