> > > Mendelssohn Bartholdy, Felix: Sinfonien Nr. 1 & 4
Dienstag, 22. August 2017

Mendelssohn Bartholdy, Felix - Sinfonien Nr. 1 & 4

Auf der Stuhlkante


Label/Verlag: LSO Live
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die dritte Folge der Mendelssohn-Serie Sir John Eliot Gardiners mit dem London Symphony Orchestra fasziniert durch klangliche Luzidität und ungestümen Vorwärtsdrang.

Man mag es für eine bloße Äußerlichkeit halten, dass die hohen Streicher des London Symphony Orchestra in den von Sir John Eliot Gardiner geleiteten Aufführungen der Mendelssohn-Sinfonien stehend musizierten. Hört man allerdings, wie beschwingt und beweglich hier phrasiert wird, wie lebendig das Öffnen und Schließen von Phrasen gestaltet wird, wie ‚körperlich‘ hier Akzente geformt werden, so kommt man kaum umhin, die Hörerfahrung mit dem Wissen um die besondere Aufführungssituation kurzzuschließen. Das gerne bemühte Bild des Musizierens ‚auf der Stuhlkante‘ läuft in diesem Fall ins Leere – zumindest in Bezug auf die hohen Streicher. Und doch fasst es den Höreindruck dessen in eine bildliche Vorstellung, was das exzellent disponierte London Symphony Orchestra (das hier deutlich hochklassiger klingt als in vielen Aufnahmen mit Valery Gergiev) musikalisch zeigt: Hochspannung und flirrende Agilität.

Transparent, brillant, metallisch

Die dritte Folge der dem orchestereigenen Label des London Symphony Orchestra erscheinenden Mendelssohn-Reihe führt die Sinfonien Nr. 1 und 4 (‚Italienische‘) zusammen. Auch hier sind Konzertmitschnitte aus dem Londoner Barbican, aufgenommen 2016 und 2014, dokumentiert; wie gewohnt handelt es sich um eine Doppelproduktion als hybride SACD und Bluray-Audio. Die erstklassige Tontechnik gewährleistet, dass die Farbigkeit der Instrumentierung sowie vor allem die klangfarbliche Herausarbeitung durch Sir John optimal zur Geltung kommt – selbst in diesem oftmals wegen angeblicher Tendenz zu Grauwerten getadelten Konzertsaal. Entscheidend scheint allerdings eher zu sein, was vom Orchester verlangt wird, und hier setzt Gardiner auf einen durchsichtigen, quecksilbrigen, hellen und durchlüfteten Klang. Die (zahlenmäßig im Vergleich zu einem traditionellen Sinfonieorchester reduzierten) Streicher drosseln ihr Vibrato und pflegen einen drahtigen, konzentrierten, ‚geraden‘ Klang. Das trägt zur Klarheit und Tiefenschärfe des Klangbildes bei und macht es möglich, artikulatorische Abstufungen (etwa Portato-Striche gegenüber Staccati in den Holzbläsern) sehr deutlich wahrnehmen zu können. Allerdings wird bei nahezu vibratolos spielenden Streichern mit Stahlsaiten ein nicht eben angenehmer metallisch blitzender Klang erschaffen, dessen Schärfe und Brillanz im Gegensatz steht zu den wunderbar schlanken, weichen und farbigen Zeichnungen der quicklebendigen Holzbläser, die zum äußerst attraktiven Erscheinungsbild dieser Aufnahme in entscheidender Weise beitragen – nicht nur in der leuchtenden, blühenden, vitalen ‚Italienischen‘, sondern auch in dem jugendlichen Geniestreich der c-Moll-Sinfonie, dessen dritter Satz sowohl in seiner ursprünglichen Menuett-Version aufgenommen wurde wie auch in der Alternativfassung für Londoner Aufführungen mit dem großorchestral ‚aufgemotzten‘ Scherzo-Satz des Streicheroktetts.

Öffnen und Schließen

Durchpulst von nie nachlassenden Energieströmen erweist sich diese Aufnahme von Mendelssohns Erster und Vierter Sinfonie als hochspannend und von leidenschaftlicher Vehemenz. Das wird zum einen durch Gardiners rasante Tempi erreicht, zum anderen aber durch eine Phrasierung, die das Flächige, auf größere Zusammenhänge ausgerichtete Ideal traditionellen Musizierens durch ein beweglicheres, in sich weitaus stärker gegliedertes Phrasieren mit eng umrissenen Spannungsgegensätzen aufhebt. Daneben erfüllt Gardiner auch den weitströmenden Atem der langsamen Sätze mit vibrierender Intensität und zeichnet melodische wie auch harmonische Prozesse klangfarblich feinfühlig nach – hier finden die Streicher auch mal zu einem samtigen Klang zusammen, der ansonsten in den Registern sehr trennscharf gehalten wird.

Mit dieser glänzenden, vor allem durch Vitalität und unbändigen Drive für sich einnehmenden Einspielung nähert sich Gardiner dem Abschluss der Mendelssohn-Serie mit dem London Symphony Orchestra, die sich, wenn auch die noch ausstehende Zweite Sinfonie ('Lobgesang') ähnlich gut gelingt, in der Diskografie dieser Werke in der Spitzengruppe einreihen wird.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mendelssohn Bartholdy, Felix: Sinfonien Nr. 1 & 4

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
LSO Live
1
02.09.2016
EAN:

822231176923


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Mendelssohn Bartholdy, Felix


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LSO Live

Einspielungen des Labels LSO Live vermitteln die Energie und Emotion der großartigsten Aufführungen mit höchster technischer Qualität und Finesse.

Liveaufzeichnungen bedeuteten früher gewöhnlich Kompromisse, aber heutzutage kann mit Hilfe der besten Aufnahmetechnik im Konzertsaal die Vitalität festgehalten werden, die im Studio so schwer nachzustellen ist.
Durch das Zusammenschneiden mehrerer Aufführungen können wir eine Vorlage schaffen, die die Spannung einer Konzertaufführung ohne unerwünschte Nebengeräusche bewahrt.

Seit 2000 veröffentlichte das LSO Live über 80 Alben und nahm zahlreiche Preise entgegen. Das London Symphony Orchestra war schon früher das am meisten aufgenommene Orchester der Welt, hatte es doch für zahlreiche Plattenfirmen gearbeitet und viele der berühmtesten Filmmusiken eingespielt. Die Investition in unsere eigenen Aufnahmen ermöglicht dem Orchester jedoch abzusichern, dass jede Veröffentlichung den höchsten Qualitätsansprüchen genügt und das Hören der besten Musik allen Menschen zugänglich ist.

Das LSO Live war eines der ersten klassischen Plattenfirmen, die Downloads anboten, um ein breiteres Publikum anzusprechen. Wir geben auch unsere Einspielungen im SACD Format (Super Audio Compact Disc) heraus. SACDs lassen sich auf allen CD-Spielern abspielen, ermöglichen aber den Hörern mit speziellen SACD-Spielern den Genuss eines hochaufgelösten, mehrkanaligen Klangs.

London Symphony Orchestra
Das London Symphony Orchestra wurde 1904 von einer Gruppe von Musikern gegründet, die für den Dirigenten Henry Wood spielten. Sie wollten ihr eigenes Orchester leiten und die Wahl haben, mit welchen Dirigenten sie zusammenarbeiteten. Sie beschrieben das LSO als eine musikalische Republik, und das Orchester war über Nacht ein Erfolg.

Heute gibt das LSO ungefähr 70 Konzerte pro Jahr in London und bis zu 90 auf Tournee. Es ist regelmäßig auf Konzertreise durch Europa, Nordamerika und im Fernen Osten. Waleri Gergijew ist seit 2007 Chefdirigent des LSO und Sir Colin Davis sein Präsident.

Das LSO organisiert auch das in der Welt am längsten laufende und umfangreichste Bildungsprogramm eines Orchesters: LSO Discovery. Mit seinem Sitz im Londoner Musikbildungszentrum LSO St Lukes schafft Discovery die Möglichkeit für Menschen aller Altersgruppen und Veranlagungen, mit Musikern des LSO zusammenzuarbeiten, etwas über Musik zu lernen und ihre Fertigkeiten zu entwickeln.


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