> > > Huppertz, Gottfried: Zur Chronik von Grieshuus
Sonntag, 22. Juli 2018

Huppertz, Gottfried - Zur Chronik von Grieshuus

Und noch ein Meisterwerk der Stummfilmzeit


Label/Verlag: Pan Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Erneut widmen sich Frank Strobel und das hr-Sinfonieorchester einer Filmmusikpartitur von Gottfried Huppertz und überzeugen dabei auf ganzer Linie.

Im Anschluss an die monumentale Partitur zu Fritz Langs viereinhalbstündigem Stummfilmepos 'Die Nibelungen' (1922–24) und vor der gleichfalls monumentalen Musik zu dessen zukunftsweisendem Film 'Metropolis' (1925–27) widmete sich der Komponist Gottfried Huppertz einer bislang kaum bekannten Vertonung von Arthur von Gerlachs Theodor-Storm-Verfilmung 'Zur Chronik von Grieshuus' (1924). Wie im Fall der 2015 erschienenen 'Nibelungen'-Musik brilliert auch auf dieser Produktion des Labels Panclassics das hr-Sinfonieorchester unter Leitung des Filmmusikexperten Frank Strobel bei der Wiedergabe der Partitur. 94 Minuten, verteilt auf zwei CDs, dauert dieses seit der Stummfilmzeit nicht mehr aufgeführten Werk, das vielleicht stärker als die übrigen beiden Filmmusiken über die exzellente Qualität von Huppertz’ Arbeit Auskunft gibt. Während nämlich die 'Nibelungen' von einer durch das Sujet nahegelegten Orientierung an Richard Wagners Musik geprägt sind und 'Metropolis' ganz unter dem Einfluss der immer wieder aufgegriffenen Maschinenrhythmen steht, lässt der Komponist hier seiner melodischen Erfindungskraft freien Lauf.

Bereits der stimmungsvolle Prolog mit einem Englischhornsolo, das von schwelgenden Melodiebögen der Streicher aufgegriffen und weitergeführt wird, verweist darauf, dass Huppertz vor allem auf das liedhafte Element setzt, um thematische Einfälle und feinsinnige melodischen Gedanken daraus abzuleiten, die er dann – ganz im Sinn eines der historisch weit ausgreifenden Filmhandlung unterlegten Erinnerungsnetzes – einer ständigen Wandlung unterzieht. Tatsächlich verdankt sich die außerordentliche Wirkung des Werkes einem tief in der Romantik verwurzelten Tonfall, der mit vereinzelten archaisierenden Wendungen angereichert ist. Seine Grundlage ist eine klangfarblich abwechslungsreiche, das Filmgeschehen mitunter emotional akzentuierende Instrumentation, die unter Strobels Leitung zu einem plastischen Gebilde geformt wird und dabei immer wieder zu dramatischen Höhepunkten findet. Resultat ist ein stimmungsvolles sinfonisches Gemälde, das man sich – etwa in Gestalt suitenartiger Auszüge – auch in den Konzertsaal versetzt vorstellen könnte.

Die Aufnahme, entstanden im Zusammenhang mit der Restaurierung des Films, basiert auf einem außergewöhnlich umfangreichen Quellenmaterial. Grundlage ist die Partitur für großes Orchester – offenbar die Fassung der Filmpremiere im Ufa-Palast am Zoo (Berlin) vom 11. Februar 1925 –, deren fehlende Stellen von Olav Lervik anhand des Klavierauszugs, des Particell-Manuskripts und der Version für kleines Orchester rekonstruiert wurden. Um diese Musik mit dem restaurierten Film zu synchronisieren, waren darüber hinaus, verantwortet von Frank Strobel, auch Kürzungen und Verlängerungen des Originals notwendig. Solche Eingriffe in eine doch im Grunde vollständig erhaltene Musik machen deutlich, dass die Prioritäten bei der Wiederherstellung historischer Filmkunstwerke weiterhin eher beim Bild, denn bei der akustischen Ebene liegen. Begleitet wird die Produktion von einem reich bebilderten Booklet, das neben einer Zusammenfassung der Filmhandlung einen ausführlichen, von Nina Goslar verfassten Beitrag zur Geschichte dieser Huppertz’schen Filmmusik und ihrer zeitgenössischen Rezeption enthält.



Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Huppertz, Gottfried: Zur Chronik von Grieshuus

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Pan Classics
2
02.09.2016
EAN:

7619990103559


Cover vergössern

Pan Classics

Gegründet 1992 vom Musikhaus Pan in Zürich, wurde das Label 1997 von den Tonmeistern Clement Spiess und Koichiro Hattori übernommen. 2011 entschloss man sich zu einem radikalen Neuanfang: Der umfangreiche Katalog wurde gelichtet und die verbliebenen Aufnahmen erhielten ein neues, attraktives Erscheinungsbild. Den CDs wird so ein unverwechselbares Äußeres mit einem hohen Wiedererkennungswert verliehen. Geblieben sind dagegen die Vorliebe für außergewöhnliches Repertoire und der Anspruch, mit renommierten Musikern und Ensembles einen künstlerisch hochwertigen Katalog zu schaffen. Zu diesen Künstlern zählen Namen wie die Hammerklavier-Spezialisten Edoardo Torbianelli und Arthur Schoonderwoerd, der Tenor Jan Kobow u.v.a.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Von Prof. Dr. Stefan Drees zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

  • Zur Kritik... Ein Meisterwerk der Stummfilmzeit: Eine Gesamteinspielung der Musik zu Fritz Langs 'Die Nibelungen' zeigt den Komponisten Gottfried Huppertz als Meister seines Faches. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, 09.12.2015)

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Pan Classics:

  • Zur Kritik... Nicht bloß apologetisch: Drei weniger relevante Werke der Kontrabassliteratur, ausgezeichnet interpretiert. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Englisches Nebenbarock: Eine erfreuliche Neuerscheinung zu einem wichtigen Komponisten, der gleichwertig neben dem Berühmtesten des englischen Barock stehen sollte. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Herzensprojekt mit Schwachstellen: 'Fiamma vorace' ist ein Herzensprojekt, aber musikalisch macht es den Hörer nur bedingt glücklich. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Pan Classics...

Weitere CD-Besprechungen von Prof. Dr. Stefan Drees:

  • Zur Kritik... Blick in die Interpretationswerkstatt: Eine neue DVD-Reihe vermittelt unschätzbare Einblicke in die musikalischen und technischen Problemstellungen von Helmut Lachenmanns Musik. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Doppelkonzert-Varianten: Beate Zelinksy und David Smeyers präsentieren als Klarinettenduo drei für sie komponierte Doppelkonzerte und überzeugen dabei durch ihren facettenreichen Zugang. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Profiliertes Klanggemälde: Unter Leitung von Frank Strobel spielt das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin die vollständige Musik zu Fritz Langs Film 'Metropolis'. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
blättern

Alle Kritiken von Prof. Dr. Stefan Drees...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Klingendes Faszinosum: Johannes Hämmerle spielt das gesamte Orgelwerk von Hugo Distler – eine wahre Bereicherung. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
  • Zur Kritik... Das Spinnrad läuft von alleine, die Symphonie nicht: Den Kreis aller neun Symphonien von Antonín Dvorak hat Marcus Bosch jetzt mit seiner Staatsphilharmonie Nürnberg geschlossen. Die frühe zweite Symphonie, ein Stiefkind im Repertoire, kommt aber nicht überzeugend daher. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Noch ein Nilsson-Windgassen-'Tristan'? Ja!: Dieser 'Tristan' dokumentiert die junge Birgit Nilsson und den hörbar entflammten Wolfgang Windgassen in ihren Paraderollen – einige Jahre, bevor sie als Traumpaar dieses Werks in die Geschichte eingingen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (2/2018) herunterladen (3463 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (7/2018) herunterladen (3001 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich