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Samstag, 20. Oktober 2018

Prokofieff, Sergej - Semyon Kotko

Kriegspropaganda


Label/Verlag: Mariinsky
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit Raritäten hat man es nicht immer leicht, das ist eine alte und leider nur zu wahre Weisheit. Sergej Prokofkews 'Semyon Kotko' aus dem Mariinsky Theater zeigt das nur allzu deutlich.

Für das Auge ist das, was sich da so abspielt, auf jeden Fall eine Wonne. Ein faszinierendes Bühnenbild (Semyon Pastukh), das auf einer mehr als guten Idee beruht, passende Kostüme (Galina Slolvieva), eine ausgeklügelte Lichtregie (Gleb Filshtinsky) und nicht zuletzt ausgefallene, bisweilen schon fast zu ‚filmische‘ Kamerablickwinkel (Anna Matison) machen die Blu-Ray/DVD-Produktion des Mariinsky-Theaters St. Petersburg aus. Doch ach, wenn es sich nicht um ein so ungünstiges, ja ungutes Stück handeln würde!

Prokofjew darf zu recht der Rang eines der großen Musikdramatiker des 20. Jahrhunderts zugesprochen werden, auch wenn 'Semyon Kotko' alles andere als eine gelungene Oper ist. Wer die fast schon als surreal zu bezeichnende 'L’amour des trois orange', das ob seiner vielen Einzelcharakteren fast nicht zu überblickende Bühnenepos 'Krieg und Frieden', die herrlich komische Mozart-Allusion 'Verlobung im Kloster oder den Jugendgeniestreich 'Der Spieler' liebt, bekommt schon einen gehörigen Schock ob des Kriegs-Propaganda-Stückes, das diese Oper darstellt und das dem heutigen Russland doch irgendwie ins Konzept zu passen scheint. Wohlweislich ist nicht alles schlecht; wer Prokofjew schätzt, kommt auf seine Kosten. Aber um welchen Preis?

Eines ist und bleibt sicher: Musiziert wird einwandfrei. Dafür garantiert Valery Gergiev, Musikdirektor des Mariinsky-Theaters seit gefühlten Jahrhunderten und Dirigent dieser Produktion. Er gestaltet gemeinsam mit dem trittsicheren Mariinsky-Orchester, das, was dieses Stück hergibt, mit Herzblut und Verve. Auch die Sängerinnen und Sänger des Mariinsky-Chores wie des Extrachores zeigen ihr Können durch saubere Diktion und Bühnenpräsenz. Unter den Solisten, die bis auf eine Ausnahme außer Kennern der russischen Opernszene nur wenig sagen, ragt besonders Bassbariton Jewgeni Nikitin heraus. Ihm, den man schon schlechter erlebt hat, hat das Bayreuther Tattoo-Debakel nicht geschadet, und das zeigt er vollstimmig und mit schauspielerischer Extravaganz als blutvoller Remeniuk. Er ist ohnehin gerade die ultimative Geheimwaffe des Mariinskys, ob nun als Boris Godunow oder Klingsor in Wagners 'Parsifal'. Viktor Luzjuk und Tatjana Pawlowskaja geben sich in der pathetischen Bühnenshow, die Yuri Alexandrov auf die Bretter gestellt hat, mit entsprechender Gestik, aber gesanglich souverän. Pawloskajas stimmliche Wärme tut dabei besonders wohl. Roman Burdenko, Bariton, gibt einen herzerfrischenden Matrosen Tsaryov, und zu den tragikomischen Höhepunkten dieser Produktion darf Gennady Bessubenkow gezählt werden, der mit leichtem Spielbass den unglücklichen Zwangsschwiegervater mimt.

Insgesamt eine Blu-Ray/DVD-Produktion des Mariinsky-Hauslabels, die nur bedingt glücklich macht. Pathos und Propaganda aus längst vergangenen Zeiten stehen dem Genuss ebenso im Weg wie der Pathos heutiger Regisseure aus dem Neuen Russland. Aus Perspektive der Ausführenden darf gesagt werden, dass hier ein Glücksgriff gelungen ist. Vorsicht: Diese Produktion ist wohl nur etwas für Prokofjew-Kenner. Einsteigern ist das nicht unbedingt zu empfehlen.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Prokofieff, Sergej: Semyon Kotko

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Mariinsky
1
02.09.2016
EAN:
BestellNr.:

822231859222
MAR 0592


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Prokofieff, Sergej


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Mariinsky

Das Mariinsky-Theater gehört zu den renommiertesten Opernhäusern der Welt. Zu Sowjetzeiten in Kirow Theater unbenannt, trägt es seit 1992 wieder seinen ursprünglichen Namen. Seit 1996 ist Valery Gergiev dem Haus als künstlerischer Leiter und Intendant verbunden. Auf dem hauseigenen Label werden die herausragende künstlerische Leistung dieses traditionsreichen Hauses dokumentiert. Das Repertoire umfasst neben Oper auch das große symphonische und konzertante Repertoire des 19. und 20. Jahrhunderts.


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