> > > Bach, Johann Sebastian : Das Wohltemperierte Klavier 1 & 2
Mittwoch, 26. April 2017

Bach, Johann Sebastian - Das Wohltemperierte Klavier 1 & 2

Von tiefer Traurigkeit


Label/Verlag: CAvi-music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dina Ugorskaja hat sehr viel Konzentration, Liebe und Zeit in ihre Gesamtaufnahme des 'Wohltemperierten Klaviers' investiert. Der Schuber ist wahrlich ein Testament ihres keineswegs alten, sondern fast zeitlos ganz subjektiven Klavierspiels geworden.

Diese Aufnahmen nehmen mit: Sie enthalten unzählige Facetten und Spielmöglichkeiten. Was Dina Ugorskaja alles an Vorläufern gehört hat, an historisch in Aufzeichnungen formierter wie auch ‚historisch informierter‘ Interpretationsbreite reflektiert hat, das unterstreicht das auf die zwei Booklets des ersten und zweiten Teils verteilte Gespräch mit Katharina Raabe, einer ausgezeichneten Lektorin und Herausgeberin osteuropäischer Literatur. Offenbar ist auch an eine Verbreitung der beiden Einzelfolgen gedacht; vorab: Es lohnt sich die Anschaffung der ganzen Breite! Denn Ugorskaja wird den unterschiedlichen Charakteren beider Durchgänge der ‚temperierten‘ Harmonien gerecht.

Reflektierte Sicht auch im Wort-Dialog mit Katharina Raabe

Sie liefert einen überwiegend freizügig-verspielten Zugang zu den flotten Stücken des ersten Teils, bereits konterkariert durch einen deutlichen cis-Moll-Einbruch von Melancholie und das fast depressive finale Versinken in die abschließenden schmerzhaft-chromatischen h-Moll-Gedankenwindungen von mehr als einer Viertelstunde Dauer, die die Esoterik jeder 'Kunst der Fuge' vorausnimmt und die ewigen schönen und starren Sequenzen des Seins. Das lustvolle Ausspielen der Synkopen im sehr rasch genommenen C-Dur-Präludium, wie es ja jeden Klavierschüler und reifen Klavierspieler reizt, ist da im Selbst vergessen, aber auch als Bachs kommunikativere Seite latent jederzeit wieder präsentabel: Ugorskaja fasst die Zusammenstellung musikalischer Satz- und rhythmischer Tanz-Typen explizit als eine durchaus recht moderne, in ihren Möglichkeiten grenzen- und auch irgendwie zeitlose Enzyklopädie des Klavierspiels auf. Natürlich sind das Pedal verpönt, der stückinterne dynamische Kontrast meist nicht zu extensiv, die Einzelstimmen im polyphonen Zusammenhang klar disponiert (tadellos die natürlich wirkende Stereo-Aufzeichnung des geradezu personalisierten ‚Steinway No. 586030‘).

Ugorskaja kennt ihren Glenn Gould wie ihren Svjatioslav Richter, findet Maria Judina ‚sehr extrem‘, schwärmt von Rosalyn Tureck, Samuel Feinberg, András Schiff und Evgeni Koroliov, nennt aber auch die Agogik von Wanda Landowska und ihr Arpeggieren von Akkorden. Der erste Band spricht dann auch von ihren beobachteten Aspekten des ‚rein Klavieristischen‘, wo die pianistischen Lösungen der Vergangenheit Spiegelungen und eigene Veränderungen erfahren und die Schwere etwa der russischen Schule stellenweise durch die Gulda-Gouldeske Beweglichkeit und Schnörkellosigkeit (auch bei Wiederholungen), mehr aber noch durch eine ganz natürliche, entspannte Klavier-Rhetorik der gegenwärtigen, kaum mehr nationenspezifischen Klavierkultur geläutert erscheint.

‚Klavieristisch‘ Teil I, expressionistisch Teil II

Den zweiten Teil – aufgenommen im Herbst 2015 (Teil 1 im Frühjahr) – legt die frische Wiener Klavierprofessorin dann im Ganzen ganz versunken, in den Tempi zurückhaltend an (mit über 170 Minuten auf drei CDs verteilt). Der Versuch, hier das ‚Klavieristische‘ eher vergessen zu machen und sich allgemeiner dem unmittelbaren, oft hochemotionalen Ausdruck der aus Vokal- und großer Instrumentalmusik übertragenen Phrasierungskunst zu nähern, geht auf: Man höre nur das wirklich ganz herausragend interpretierte Doppel aus Präludium und Fuge in g-Moll (BWV 885) zum Abschluss des zweiten Drittels des Zyklus und der zweiten CD, das genau dort emotional ergreifend und zugleich im Fugen-Soggetto klar artikuliert als wahres Schluss-Stück erscheint wie der dichte h-Moll-Schluss der ersten Folge. Auch der dramaturgische Einsatz der Lautstärken ist im Verlauf hier (er)schlagend gestaltet. Man möchte das danach kaum mehr anders hören.

War Bach zeitweise depressiv – nicht nur im Karzer?

Im Gespräch kommen die Damen Ugorskaja und Raabe hier auch auf Beethoven und Kierkegaard, auf Wille, Zeitlichkeit und Ewigkeit. Die Beethoven untergeschobene Sehnsucht nach dem Zerreißen der Dinge scheint in diesem zweiten Teil ganz punktuell auf, betont wird aber als Sehnsucht des musikalischen und philosophischen Spiels von Komponist und Pianistin wahrlich eine Synthese, die Sehnsucht nach dem Ganzen, das um seine artifizielle Endlichkeit, aber auch um deren subjektive Perfektionierung im musikalischen Augenblick weiß. Ugorskaja gedenkt dabei des Beginns von Bachs Arbeit am Zyklus 1717 noch im ‚Weimarer Knast‘ (vor dem Wechsel nach Köthen als ‚ungehorsamer Lakai‘). Aus ihrer insgesamt sorgfältigen und ganz und gar einfühlsamen Einspielung – in der nur einige wenige Zugänge nicht sofort berühren oder andere, etwas bessere Alternativen in Erinnerung bringen – spricht gleichwohl die Intensität der längeren einsamen Aneignung dieser Musik, einer geradezu existenziellen, aber produktiven ‚Einzelhaft am Klavier‘, deren spürbar melancholischer Grundzug sich gerade beim einsamem, ‚stillen‘ konzentrierten Hören mitteilt, wenn wir – nicht nur am Jahresende – zur Ruhe kommen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Bach, Johann Sebastian : Das Wohltemperierte Klavier 1 & 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
CAvi-music
3
16.09.2016
EAN:

4260085535033


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Bach, Johann Sebastian


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CAvi-music

"Es muss nicht viel sein, wenn's man gut ist" heißt die Devise für das Label, das stets den Künstler in den Vordergrund stellt, das partnerschaftlich Projekte realisiert, das persönliche Wünsche und Ideen der Künstler unterstützt, das sich vorwiegend auf Kammermusik konzentriert, das handverlesen schöne Musik in hervorragender Interpretation anbietet, mit einer Künstlerliste, die sich sehen lassen kann. Eine sehr persönliche Sache, die von Herzen kommt !! Außerdem kommen neben dem Label CAvi-music auch die Labels "SoloVoce" und "CAvi-Autentica" aus dem Hause Avi-Service for music.


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