> > > Bach, Johann Sebastian : Das Wohltemperierte Klavier 1 & 2
Freitag, 15. Dezember 2017

Bach, Johann Sebastian - Das Wohltemperierte Klavier 1 & 2

Von tiefer Traurigkeit


Label/Verlag: CAvi-music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dina Ugorskaja hat sehr viel Konzentration, Liebe und Zeit in ihre Gesamtaufnahme des 'Wohltemperierten Klaviers' investiert. Der Schuber ist wahrlich ein Testament ihres keineswegs alten, sondern fast zeitlos ganz subjektiven Klavierspiels geworden.

Diese Aufnahmen nehmen mit: Sie enthalten unzählige Facetten und Spielmöglichkeiten. Was Dina Ugorskaja alles an Vorläufern gehört hat, an historisch in Aufzeichnungen formierter wie auch ‚historisch informierter‘ Interpretationsbreite reflektiert hat, das unterstreicht das auf die zwei Booklets des ersten und zweiten Teils verteilte Gespräch mit Katharina Raabe, einer ausgezeichneten Lektorin und Herausgeberin osteuropäischer Literatur. Offenbar ist auch an eine Verbreitung der beiden Einzelfolgen gedacht; vorab: Es lohnt sich die Anschaffung der ganzen Breite! Denn Ugorskaja wird den unterschiedlichen Charakteren beider Durchgänge der ‚temperierten‘ Harmonien gerecht.

Reflektierte Sicht auch im Wort-Dialog mit Katharina Raabe

Sie liefert einen überwiegend freizügig-verspielten Zugang zu den flotten Stücken des ersten Teils, bereits konterkariert durch einen deutlichen cis-Moll-Einbruch von Melancholie und das fast depressive finale Versinken in die abschließenden schmerzhaft-chromatischen h-Moll-Gedankenwindungen von mehr als einer Viertelstunde Dauer, die die Esoterik jeder 'Kunst der Fuge' vorausnimmt und die ewigen schönen und starren Sequenzen des Seins. Das lustvolle Ausspielen der Synkopen im sehr rasch genommenen C-Dur-Präludium, wie es ja jeden Klavierschüler und reifen Klavierspieler reizt, ist da im Selbst vergessen, aber auch als Bachs kommunikativere Seite latent jederzeit wieder präsentabel: Ugorskaja fasst die Zusammenstellung musikalischer Satz- und rhythmischer Tanz-Typen explizit als eine durchaus recht moderne, in ihren Möglichkeiten grenzen- und auch irgendwie zeitlose Enzyklopädie des Klavierspiels auf. Natürlich sind das Pedal verpönt, der stückinterne dynamische Kontrast meist nicht zu extensiv, die Einzelstimmen im polyphonen Zusammenhang klar disponiert (tadellos die natürlich wirkende Stereo-Aufzeichnung des geradezu personalisierten ‚Steinway No. 586030‘).

Ugorskaja kennt ihren Glenn Gould wie ihren Svjatioslav Richter, findet Maria Judina ‚sehr extrem‘, schwärmt von Rosalyn Tureck, Samuel Feinberg, András Schiff und Evgeni Koroliov, nennt aber auch die Agogik von Wanda Landowska und ihr Arpeggieren von Akkorden. Der erste Band spricht dann auch von ihren beobachteten Aspekten des ‚rein Klavieristischen‘, wo die pianistischen Lösungen der Vergangenheit Spiegelungen und eigene Veränderungen erfahren und die Schwere etwa der russischen Schule stellenweise durch die Gulda-Gouldeske Beweglichkeit und Schnörkellosigkeit (auch bei Wiederholungen), mehr aber noch durch eine ganz natürliche, entspannte Klavier-Rhetorik der gegenwärtigen, kaum mehr nationenspezifischen Klavierkultur geläutert erscheint.

‚Klavieristisch‘ Teil I, expressionistisch Teil II

Den zweiten Teil – aufgenommen im Herbst 2015 (Teil 1 im Frühjahr) – legt die frische Wiener Klavierprofessorin dann im Ganzen ganz versunken, in den Tempi zurückhaltend an (mit über 170 Minuten auf drei CDs verteilt). Der Versuch, hier das ‚Klavieristische‘ eher vergessen zu machen und sich allgemeiner dem unmittelbaren, oft hochemotionalen Ausdruck der aus Vokal- und großer Instrumentalmusik übertragenen Phrasierungskunst zu nähern, geht auf: Man höre nur das wirklich ganz herausragend interpretierte Doppel aus Präludium und Fuge in g-Moll (BWV 885) zum Abschluss des zweiten Drittels des Zyklus und der zweiten CD, das genau dort emotional ergreifend und zugleich im Fugen-Soggetto klar artikuliert als wahres Schluss-Stück erscheint wie der dichte h-Moll-Schluss der ersten Folge. Auch der dramaturgische Einsatz der Lautstärken ist im Verlauf hier (er)schlagend gestaltet. Man möchte das danach kaum mehr anders hören.

War Bach zeitweise depressiv – nicht nur im Karzer?

Im Gespräch kommen die Damen Ugorskaja und Raabe hier auch auf Beethoven und Kierkegaard, auf Wille, Zeitlichkeit und Ewigkeit. Die Beethoven untergeschobene Sehnsucht nach dem Zerreißen der Dinge scheint in diesem zweiten Teil ganz punktuell auf, betont wird aber als Sehnsucht des musikalischen und philosophischen Spiels von Komponist und Pianistin wahrlich eine Synthese, die Sehnsucht nach dem Ganzen, das um seine artifizielle Endlichkeit, aber auch um deren subjektive Perfektionierung im musikalischen Augenblick weiß. Ugorskaja gedenkt dabei des Beginns von Bachs Arbeit am Zyklus 1717 noch im ‚Weimarer Knast‘ (vor dem Wechsel nach Köthen als ‚ungehorsamer Lakai‘). Aus ihrer insgesamt sorgfältigen und ganz und gar einfühlsamen Einspielung – in der nur einige wenige Zugänge nicht sofort berühren oder andere, etwas bessere Alternativen in Erinnerung bringen – spricht gleichwohl die Intensität der längeren einsamen Aneignung dieser Musik, einer geradezu existenziellen, aber produktiven ‚Einzelhaft am Klavier‘, deren spürbar melancholischer Grundzug sich gerade beim einsamem, ‚stillen‘ konzentrierten Hören mitteilt, wenn wir – nicht nur am Jahresende – zur Ruhe kommen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Bach, Johann Sebastian : Das Wohltemperierte Klavier 1 & 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
CAvi-music
3
16.09.2016
EAN:

4260085535033


Cover vergössern

Bach, Johann Sebastian


Cover vergössern

CAvi-music

"Es muss nicht viel sein, wenn's man gut ist" heißt die Devise für das Label, das stets den Künstler in den Vordergrund stellt, das partnerschaftlich Projekte realisiert, das persönliche Wünsche und Ideen der Künstler unterstützt, das sich vorwiegend auf Kammermusik konzentriert, das handverlesen schöne Musik in hervorragender Interpretation anbietet, mit einer Künstlerliste, die sich sehen lassen kann. Eine sehr persönliche Sache, die von Herzen kommt !! Außerdem kommen neben dem Label CAvi-music auch die Labels "SoloVoce" und "CAvi-Autentica" aus dem Hause Avi-Service for music.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag CAvi-music:

  • Zur Kritik... Tiefendimensionen: Mit einer dritten CD beschließt die Geigerin Antje Weithaas ihr Großprojekt einer kombinierten Einspielung der Violin-Solowerke von Johann Sebastian Bach und Eugène Ysaÿe. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Fantastische Vier: Das Boulanger Trio hat sich für sein neustes Album Verstärkung geholt: Zusammen mit Bariton André Schuen schaffen sie hervorragende Interpretationen verschiedener Beethoven-Lieder. Weiter...
    (Maxi Einenkel, )
  • Zur Kritik... Haydnscher Mahler: Die Düsseldorfer Symphoniker und Ádám Fischer präsentieren auf ihrer zweiten Mahler-CD eine sachlich bestens ausgearbeitete Interpretation ohne jedoch die emotionalen Konflikte der Sinfonie zu vertiefen. Weiter...
    (Daniel Eberhard, )
blättern

Alle Kritiken von CAvi-music...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Hartmut Hein:

  • Zur Kritik... Kunst des Sich-Fügens?: Die ultimative, einzig wahre Aufführung eines rätselhaften Werkes? Mit diesem Anspruch kommt eine Neuaufnahme daher (mit mehr als zwanzig Jahren Vorlauf). Überzeugend? Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Der Unbekannte Wagner: Es gibt Werke von Richard Wagner, für die sich die Nachwelt in gewisser Weise zu schämen scheint. Seine frühen Ouvertüren lassen den späteren kompositionsgeschichtlichen Revolutionär kaum schon erahnen. Märkls geballte Sammlung hat aber Informationswert. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Claras und Ragnas persönliche Handschrift: Beethovens Viertes Klavierkonzert ist ein Repertoire-Stück. Und zwar eines, das schon Clara Schumann mit eigener Kadenz spielte. 'Clara' als Konzert-Pianistin und Komponistin rückt in Ragna Schirmers neuer Aufnahme ins Visier. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Hartmut Hein...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Für Tournee und Touristen?: Muss man das verstehen? Innerhalb kürzester Zeit kommen gleich drei verschiedene Versionen von Bruckners Vierter Symphonie heraus, dirigiert von Christian Thielemann. Ist seine Interpretation so genial, dass sie das rechtfertigt? Weiter...
    (Dr. Kevin Clarke, )
  • Zur Kritik... Kunst des Sich-Fügens?: Die ultimative, einzig wahre Aufführung eines rätselhaften Werkes? Mit diesem Anspruch kommt eine Neuaufnahme daher (mit mehr als zwanzig Jahren Vorlauf). Überzeugend? Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Der Unbekannte Wagner: Es gibt Werke von Richard Wagner, für die sich die Nachwelt in gewisser Weise zu schämen scheint. Seine frühen Ouvertüren lassen den späteren kompositionsgeschichtlichen Revolutionär kaum schon erahnen. Märkls geballte Sammlung hat aber Informationswert. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Dank an das Leben

Anzeige

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/2017) herunterladen (0 KByte) Class aktuell (4/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Frédéric Chopin: 12 Etüden op. 10 - Nr. 6 es-Moll Andante

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 4442 im Portrait Musik ohne Grenzen
Programme abseits der Konventionen beim Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo

weiter...
Alle Interviews...


Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich