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Donnerstag, 21. September 2017

Lalo, Eduard und Manen, Joan - Violinkonzerte

Große Sinnlichkeit


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Tianwa Yang landet auch mit dieser Einspielung einen Volltreffer. Ihr Vortrag von Lalos 'Symphonie espagnole' ist sensationell. Ihr zur Seite stellt sie ein weiteres Violinkonzert mit spanischem Kolorit, das unbedingt lohnenswert ist.

Die ECHO-Klassik-Preisträgerin Tianwa Yang (Instrumentalistin des Jahres 2015 und Nachwuchskünstlerin 2014) hat für Naxos zusammen mit dem Orquestra Simfònica Barcelona i Nacional de Catalunya zwei spanische Violinkonzerte eingespielt: die 1875 entstandene "Symphonie espagnole" op. 21 von Lalo sowie das Violinkonzert Nr. 1 'Concierto espanol' op. A-7 (1897/revidiert 1935) von Manen. Am Pult begeistert der Singapurer Dirigent Darrell Ang.

Ang perfektionierte sich nach Studien bei Leong Yoon-Pin und Jorma Panula bei Colin Davies, Lorin Maazel, Vladimir Jurowski und Esa-Pekka Salonen. Vor zehn Jahren gewann er den 50. internationalen Dirigentenwettbewerb in Besançon, was seiner Karriere in Europa mächtig Auftrieb brachte. Er war fünf Jahre Assistenzdirektor (Chef war und ist dort noch immer Lan Shui) beim Singapore Symphony Orchestra, Ang war aber zeitgleich Leiter beim dortigen Singapore National Youth Orchestra, mit dem er auch nach Berlin kam. Momentan setzt er seine Karriere als Dirigent beim New Zealand Symphony Orchestera (NZSO) fort, gibt in dieser Saison auch sein Debüt beim Vancouver Symphony Orchestra und wichtige Konzerte mit dem Royal Liverpool Philharmonic, London Philharmonia Orchestra und London Philharmonic Orchestra. Die vorliegende Naxos-CD atmet großen Esprit und ist von Detailgenauigkeit gekennzeichnet. Zweifelsohne sind die Tempi manchmal auffallend rasch, aber das trägt auch dazu bei, dass das Zuhören mächtig Spaß macht.

Den entscheidenden Anteil an der sehr virtuosen Umsetzung von Lalos "Symphonie espagnole" hat die Solistin Tianwa Yang (Violine). In Peking geboren, ist sie soeben 30 Jahre alt geworden. Sie unterrichtet seit 2012 kontinuierlich als Dozentin für Violine an der Musikakademie Louis Spohr in Kassel, aber auch an der Hochschule der Künste in Bern (HKB). Als 16-Jährige war sie mit einem DAAD-Sonderstipendium zum Studium nach Deutschland gekommen.

Im ersten Satz "Allegro non troppo" von Lalos "Symphonie espagnole" op. 21 gibt es nur eine knappe Orchesterintroduktion, ehe die Violine ad hoc in die Vollen geht. Das macht Tianwa Yang mit Verve und technischer Perfektion – eine brillante Visitenkarte. Da sitzt jeder Ton, und die Violinistin verfügt über mächtig Power. Scheinbar mühelos gleitet sie durch die Oktaven. Auch kurz danach – bevor sie das Hauptthema intoniert –, sind die Paradeläufe blitzsauber und in einem rasenden Tempo vorgetragen. Staunend bleibt der Hörer da hängen und wundert sich, wie diese junge Frau das so beiläufig bewältigen kann: Sie greift in die Saiten wie kaum ein Geiger ihrer Generation. Schließlich hat sie für Naxos schon etliche CDs aufgenommen: Darunter die Gesamteinspielung der Werke Sarasates, und auch Werke von Wolfgang Rihm waren dabei. Auch Mendelssohns beide Violinkonzerte und die Solosonaten von Ysaÿe liegen vor. Erfahrung ist eben ein wichtiger Lehrer.

Spanisch-tänzerisch mutet der zweite Satz "Scherzando:Allegro molto" an, der sich so virtuos wie der erste entspinnt. Etwas lichter im Charakter ist der Satz schon, etwas charmanter ebenso, und er vergeht wie im Fluge. Gerade in so fabelhafter Kooperation wie hier mit dem sauber musizierenden Barcelona Symphony Orchestra, das allzeit den richtigen ‚Ton‘ trifft und die fälligen Akkordschläge präzise setzt, wird das offenbar. Das Holz, insbesondere die wunderbaren Klarinetten, korrespondieren auf betörende Weise.

Düster beginnt das "Intermezzo: Allegro non troppo". Die nachhallbetonte Akustik des Auditorium Pablo Casals in Barcelona, in der vom 25. bis zum 27. Juni 2015 aufgenommen wurde, verleiht der Produktion eine noble Stimmung. Der Raumklang ist überzeugend. Tonmeister Lukas Leonhard hat hier meisterhaft gewirkt. Die Geige, die wunderbar über das Orchester strahlt, hat große raumgreifende Resonanzen, das Orchester ebenso. Natürlich hat auch das Instrument seinen entscheidenden Anteil an diesem bezaubernden Ergebnis: Yang spielt hier auf der 1730er Guarneri del Gesu, die ihr dankenswerterweise von Mäzen Rin Kei Mei aus Singapur zur Verfügung gestellt wird.

Wie ein Trauermarsch erhebt sich das "Andante". Die dunklen Blechbläser gestalten mit Ernst und Fatalismus, vielleicht dem spanischsten Charakterzug, der hier genial vertont wurde. Leider ist das Booklet nur auf Englisch verfasst. Es bietet auch, was die Biografien betrifft, nur knapp bemessenen Inhalt. Tianwa Yang gelingt hier künstlerisch ein schmerzlicher Auftritt, den sie durch süßes Vibrato – passend zur Musik – unterstreicht. Das ist absolut betörend.

Mit Joan Manéns Violinkonzert Nr. 1 verknüpfen die Interpreten auf dieser Platte Populäres (Lalo) mit Unbekanntem (Manén): Eine halbe Stunde dauert das formal ausgewogen strukturierte und mit sinnlicher Klangfarbenkombination ausgedeutete dreisätzige Werk, das im "Allegro ben moderato" beschwingt wie ein Walzer im Wien des ausgehenden 19. Jahrhundert anhebt. Ganz zaghaft mengen sich da Fin-de- Siecle-Einflüsse unter, aber auch fantastische Momente wie im langsamen-süßlichen "Lamento-Adagio ma non troppo" sind zu vernehmen. Strauss'sche Prachtfülle ergießt sich dem Hörer mit einer sinnlichen Kraft, wie sie nur wenige Komponisten aufbieten können.

Joan Manén y Planas – so der vollständige Name des hierzulande nahezu unbekannten Tonschöpfers – wurde 1883 in Barcelona geboren. In seiner Kindheit erlernte er das Klavierspiel so rasch, dass sein Vater – ein musikliebender Kaufmann – dachte, sein Sohn wäre ein Wunderkind. Aber er studierte nicht Klavier, sondern Violine, die er mit 5 Jahren begonnen hatte zu erlernen. Auch machte der Knabe da so schnell Fortschritte, dass sein Landsmann, der Geigenvirtuose Pablo de Sarasate bald auf ihn aufmerksam wurde und ihn noch in seinen jungen Jahren mit auf Tournee nach Deutschland nahm, wo er auch später längere Zeit lebte und bekannter als in seiner spanischen Heimat war. Vier Violinkonzerte sind von ihm überliefert. Bereits mit neun Jahren hatte er eine Lateinamerika-Tournee absolviert. Mit Musikern wie Enrique Granados, Pablo Casals, Richard Strauss, Camille Saint-Saens und Antonín Dvořák stand er zusammen auf der Bühne. Das klingt alles wunderlich, aber dieser kosmopolitische Geist schwebt auch über dem ersten Violinkonzert. Manén hatte alle (!) Werke Paganinis drauf, und da war er mit Sarasate der einzige aus Spanien, der solche Schwierigkeiten auf der Violine beherrschte. Leider sind auch seine insgesamt fünf Opern und zwei Ballette in Vergessenheit geraten und von den Spielplänen verschwunden. Interessant ist zu wissen, dass ihm die 1702 gebaute Guarneri-Violine aus dem vormaligen Besitz von Felix Mendelssohn-Bartholdy gehörte. Manén trat später unter Dirigenten wie Walter Damrosch, Felix Weingartner, Willem Mengel, Bruno Walter, Clemens Krauss, Fritz Reiner sowie Ernst von Schuch auf. Erst 76-jährig (1959) beendete er seine Violinistenkarriere, blieb aber als Komponist weiterhin aktiv. Übrigens war er zu seiner Zeit nicht unbekannter als sein Cellistenkollege Pablo Casals. Schließlich hatte Manén mehr als 4000 Konzerte rund um den Erdball in seinem Leben gespielt.

Auch der Schlusssatz des "Concierto espagnol" ist eine ansprechende katalanische Weise, mit Kastagnetten im Orchester und viel Zauber und kleinteilig gearbeiteter Soloviolinstimme, die schmelzendes Pathos und virtuose Könnerschaft vereint. Auch dem wird Tianwa Yang mehr als gerecht. Sie zeigt ihre Meisterschaft auf dem Instrument mühelos. Hochvirtuos (welch blitzblanke Oktaven!) und im Vollbesitz ihrer technischen Möglichkeiten leitet sie mit nimmermüder Zugkraft den Hörer durch das rund achtminütige Finale. Das Konzert ist ein Geheimtipp. Sicher wird es bald öfter in den Konzertsälen zu hören sein.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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    Lalo, Eduard und Manen, Joan: Violinkonzerte

Label:
Anzahl Medien:
Naxos
1
EAN:

747313306770


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Lalo, Edouard


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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