> > > Mendelssohn-Bartholdy, Felix: Streichquartette vol.3
Sonntag, 19. Mai 2019

Mendelssohn-Bartholdy, Felix - Streichquartette vol.3

Der Blick fürs Detail


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit einer herausragenden Wiedergabe der Streichquartette Nr. 5 und 6 beschließt das Escher String Quartet seine Einspielung der Quartettkompositionen Felix Mendelssohn Bartholdys.

Das Streichquartett Nr. 5 Es-Dur op. 44 Nr. 3 (1837-38), das am Anfang dieser SACD von BIS steht, hebt mit einem Kopfsatz an, den die vier Musiker des Escher String Quartet als verästeltes, durchpulstes Gebilde präsentieren. Hinter der feinfühligen Zeichnung, die beim ersten Hören leicht und luftig wirkt, verbirgt sich jedoch eine innere Gespanntheit: Sie färbt die melodischen Phrasen, bestimmt die Herausarbeitung leichter Impulse und Akzentuierungen, durchzieht die Verdichtungen der Durchführung und reicht über die Reprise hinaus bis zu Coda, wo sie schließlich noch stärker zur Geltung kommt. Dem gesamte Satz ist, verstärkt durch die ausgefeilte dynamische Gestaltung, ein nicht nachlassender Spannungsbogen eingeschrieben, wodurch er die vielen harmlosen Interpretationen durch andere Quartettformationen Lügen straft. Mit diesem Einstieg geben die Musiker die Richtung vor, die sie im gesamten dritten und letzten Teil ihrer Einspielung von Felix Mendelssohn Bartholdys Streichquartetten verfolgen: Direkt an die subtile Umsetzung des Kopfsatzes anknüpfend, gestalten die Musiker das Scherzo als verhalten erregtes Gebilde, dessen einzelne Linien sie zu polyphonen Texturen verweben, um gleich darauf wieder melodische Phrasen daraus hervorwachsen zu lassen, bis der Satz – nach einer Unisono-Vereinigung aller Stimmen – in einem extrem leisen Pizzicato ausläuft. Nach einer ständig ansteigenden Spannungskurve bildet der langsame Satz den warm ausgesungenen Ruhepunkt des Werkes, den auch einige vorübergehende Schattenmomente nicht eintrüben können; dieser weicht jedoch anschließend wieder einer Unruhe, welche die Musiker – damit auf den Kopfsatz zurück verweisend – gekonnt in die emphatischen Melodiebögen des Finales einflechten.

Mit ungewöhnlicher Intensität setzt sich das Escher String Quartet auch mit dem Streichquartett Nr. 6 f-Moll op. 80 auseinander, das  – von Mendelssohn 1847 nach dem überraschenden Tod seiner Schwester Fanny komponiert – hier ganz bewusst zum musikalischen Widerhall biografischer Erschütterungen geformt und als Psychogramm einer Trauerarbeit wiedergegeben wird. Vom scharf formulierten Klang der eröffnenden Tremolo-Attacken ausgehend, beginnen die Musiker die erregten Texturen des Kopfsatzes zu erschließen, um sie immer wieder in melodisch geprägte Phasen münden zu lassen. Indem sie die rauen Momente dynamisch nie außer Kontrolle gerade lassen, sondern vielmehr alle Forte-Ausbrüche in ihrer Wirkung wohl kalkuliert einsetzen, gelingt es ihnen, der innere Gefühlslage der Musik eine besondere Intensität zu verleihen. Auch hier wird die Spannung vom Kopfsatz ins pulsierende Scherzo getragen, bevor sie sich im melodisch ausgefeilten Gesang des Adagios verliert. Die Wärme, mit welcher das Quartett die hier eingestreuten Reminiszenzen an den Klagegestus klanglich transzendiert, bildet einen frappierenden Kontrast zu den umgebenden Sätzen. Dass die Musiker dieser Stimmung durch phasenweise Veränderung der Tongestaltung auch im Finale Präsenz verleihen, obgleich Mendelssohn dort erneut in den zerrissen-erregten Duktus des Beginns verfällt, gehört zu den großartigsten Momenten dieser feinen und detailversessenen Wiedergabe.

Zwischen den beiden großformatigen Streichquartetten hat das Escher String Quartet wie im zweiten Teil seiner Einspielung zwei der vier Stücke aus Mendelssohns op. 81 – das Capriccio e-Moll op. 81 Nr. 3 (1843) und die Fuge Es-Dur op. 81 Nr. 4 (1827) – platziert. Hier lassen sich die interpretatorischen Qualitäten und Gestaltungsfähigkeiten des Ensembles noch einmal auf engstem Raum bewundern: Das Capriccio wird zum kontrastreichen, stimmungsvoll schwankenden Gebilde, dessen Spannung sich nach einem ruhigen Einleitungsteil in einem fast schon zornig anmutenden fugierten Abschnitt entlädt. Die Es-Dur-Fuge wiederum erklingt, ganz dem lyrischen, voller Zartheit steckenden Ausdruck verpflichtet, als ruhig atmende kontrapunktische Konstruktion voller wechselnder melodischer Intensitäten. Kein Zweifel: Hier ist dem Escher String Quartet ein denkwürdiger Abschluss seiner außergewöhnlichen Trilogie mit Mendelssohns Quartettschaffen gelungen.



Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Mendelssohn-Bartholdy, Felix: Streichquartette vol.3

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
03.08.2016
EAN:

7318599921600


Cover vergössern

Mendelssohn Bartholdy, Felix


Cover vergössern

BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Von Prof. Dr. Stefan Drees zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

  • Zur Kritik... Kultiviert und raffiniert: Das Escher String Quartet beginnt seine Mendelssohn-Einspielung mit einem abwechslungsreichen Blick auf drei sehr unterschiedliche Werke. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, 25.09.2015)
  • Zur Kritik... Der zweite Streich: Der zweite Teil der Mendelssohn-Einspielung mit dem Escher String Quartet steht dem Beginn der Reihe in nichts nach und überzeugt durch einen genauen interpretatorischen Zugriff Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, 04.10.2015)

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag BIS Records:

  • Zur Kritik... Abstrakte Gebete: Jaako Kuusisto spielt die Sonaten und Partiten von Johann Sebastian Bach so, als wären sie nicht von dieser Welt. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
  • Zur Kritik... Ein gewitztes Vergnügen: Graf Golowin und der junge Zar waren mit dieser Musik aus der Feder von Johan Helmich Roman richtig gut bedient. Dan Laurin und Höör Barock machen das mit dieser ersten Gesamteinspielung der Golowin-Musik deutlich. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Konzentration und Anspruch: Miklós Spányi begibt sich wieder in spannende Randbereiche des Repertoires und sagt Neues zu Carl Philipp Emanuel Bach. Weiter...
    (Michael Pitz-Grewenig, )
blättern

Alle Kritiken von BIS Records...

Weitere CD-Besprechungen von Prof. Dr. Stefan Drees:

  • Zur Kritik... John Bull und andere: Im sechsten Teil seiner Gesamteinspielung des 'Fitzwilliam Virginal Book' kombiniert der Cembalist Pieter-Jan Belder Stücke von John Bull mit einzelnen Kompositionen unbekannterer Tonsetzer. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Arbeit an klanglichen Feinheiten: Die zweite DVD der Reihe 'Lachenmann Perspektiven' widmet sich der Komposition 'Air'. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Blick in die Interpretationswerkstatt: Eine neue DVD-Reihe vermittelt unschätzbare Einblicke in die musikalischen und technischen Problemstellungen von Helmut Lachenmanns Musik. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
blättern

Alle Kritiken von Prof. Dr. Stefan Drees...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Klangsinnliches Volkslied: Der Tenor Christian Gerhaher und ein exzellentes Klaviertrio widmen sich schottischen und walisischen Volksliedern mit entwaffnender Natürlichkeit und Eleganz im Ausdruck – in bester Klangqualität. Weiter...
    (Christiane Franke, )
  • Zur Kritik... Finalisiert: Bruckners Neunte Sinfonie ohne Lasten. Sinfonik im Sinne Schuberts, verführerisch, apollinisch: Das wäre schon angesichts der ersten drei Sätze ein höchst erfreulicher Befund. Mit Gerd Schallers kundiger Ausformulierung des Finales umso mehr. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Armida stiehlt die Show: Allein für die orchestrale Leistung und die Armida von Gesche Geier lohnt sich das Hören dieses Mitschnitts. Wirklich konkurrenzfähig ist dieser 'Rinaldo' vermutlich aber nicht. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (5/2019) herunterladen (2900 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 Folkwang Kammerorchester Essen im Portrait Mit Vollgas ins Haus des Teufels
Das Folkwang Kammerorchester Essen ? jung, energiegeladen, hochmusikalisch

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich